Tennis im Kleverland: Vereine vor dem Aus.

Tennis : Die Strahlkraft ist erloschen

Die Klever Tennisvereinigung Rot-Weiss wurde vor 106 Jahren gegründet. Die Anlage liegt an einem der schönsten Orte, die Kleve zu bieten hat. Seit 1925 ist der Bresserberg die Heimat des Vereins. Der Aufstieg und Fall des weißen Sports wird bei diesem Klub besonders deutlich. Was bleiben wird, ist die beeindruckende Historie, denn eine Zukunft gibt es nicht.

Es ist ein angenehmer Montagabend im Spätsommer. Auf dem Platz vor der Anlage der Klever Tennisvereinigung Rot-Weiss parken eine Handvoll Autos. Nur ein paar Schritte entfernt liegt das Klubhaus des Vereins. Von dort aus man eine wunderbare Sicht hat. Geboten wird ein Blick, bis sich irgendwo am Horizont Himmel und Erde treffen. Die Niederung liegt vor einem. Seit mittlerweile 93 Jahren ist der Bresserberg die Heimat des Vereins, der 1912 gegründet wurde.

Unterhalb der Terrasse sind die Plätze, von denen zwei belegt sind. Auf beiden wird Doppel gespielt. Daneben liegen noch fünf weitere  Felder. Den acht Männern geht es allein um die Bewegung, wie Spielweise und die Gespräche während der Ballwechsel belegen. Die erste Partie ist zu Ende, und Herren gesetzteren Alters kommen über Treppen hinauf und setzen sich auf stapelbare Plastikstühle. Sie haben die Altersgrenze von 70 Jahren hinter sich gelassen. Im Klubhaus ist niemand. Einer geht hinein und kommt mit vier Flaschen Bier zurück. Hier ist Selbstbedienung. Einige Minuten später wird der zweite Aschenplatz abgezogen. Auch der zweiten Gruppe reicht es für heute. Männer zwischen 55 und 65 Jahren setzen sich dazu. Eine halbe Stunde unterhält man sich, ein paar freundliche Worte zum Abschied, dann ist die Anlage menschenleer. Für einen Wochentag ordentlich Betrieb bei der Tennisvereinigung. Selten wird auf mehr als zwei Plätzen gleichzeitig gespielt. Am Wochenende wird die Anlage, außer bei ein paar Medenspielen, kaum genutzt. Denn der an Tradition reiche Verein ist arm an Mitgliedern.

Jährlich müssen die Tennisvereine dem Verband ihre Mitgliederzahl nennen. Ende 2017 hatte die Klever TV 95, 2016 lag diese noch bei 123. Bis auf die Jahre während der Gründungsphase waren es nie weniger. Doch ist der Mitgliederschwund kein spezifisches Problem der Rot-Weissen. Was die Entwicklung in Deutschland betrifft, so kennt die Kurve im Tennissport seit Jahren nur eine Richtung: stramm bergab. Immer weniger Spieler, Mannschaften und Vereine. 1994 gehörten dem Deutschen Tennis Bund (DTB) 2,3 Millionen Spieler an. Bis heute hat er knapp eine Million verloren, oder anders 43,5 Prozent. Der DTB ist noch der größte Tennisverband der Welt. Aber die fetten Jahre sind lange vorbei.

In Kleve gibt es sechs Vereine, in denen Tennis gespielt werden kann. Die Abteilungen des VfL Merkur Kleve und 1. FC Kleve nehmen mit keiner Mannschaft an der Medensaison beim Tennis-Verband Niederrhein (TVN) teil. Beim VfL Merkur steht unter der Rubrik Mitglieder eine Null. Der Tennisclub Kellen hat beim Verband 62 angegeben. Von den aktuell 95 Beitragszahlern bei der Klever TV überweisen etliche ehemalige Aktive allein aus Verbundenheit noch ihren Beitrag, nehmen am Vereinsleben aber nicht mehr teil. Sie werden auch Karteileichen genannt.

Eine davon ist Günter Karl (72). Sechs Jahre war er in der Zeit von 1993 bis 1999 Vorsitzender der Tennisvereinigung. Das Einzige, was ihn noch mit dem Klub verbindet, ist eine Kiste, die in seinem Büro steht. Darin sind alte Vereinshefte, Stapel unsortierter Bilder und ein paar Zeitungsausschnitte. Aus dem Regal zieht er ein Buch heraus. Titel: 100 Jahre Klever Tennisvereinigung Rot-Weiss. „Daran habe ich etliche Stunden, ach was, Tage gesessen“, sagt er nicht ohne Stolz. Der Band wurde von einem Trio erstellt. Das Jubiläum im Jahr 2012 war für den Verein so etwas wie die Hoffnung eines Patienten auf Besserung durch ein neues Medikament. Ein Aufbäumen, bevor es rasant bergab ging.

Auch Karl erzählt gerne die Geschichten aus besseren Tagen und hebt den Stellenwert des weißen Sports in der Gesellschaft hervor. Als er 1962 eintrat, war er noch auf Hilfe angewiesen: „Ein Vereinsmitglied musste damals für einen bürgen.“ Auf der Terrasse seien die älteren Herren per Handschlag begrüßt worden. Welches Renommee der Klub auch über Kleve hinaus besaß, wurde immer wieder deutlich. Wie etwa als mit Wilhelm Bungert und Christian Kuhnke die damals erste deutsche Garde auf der Anlage spielte. Ein Gegner war Lokalmatador und Bundesligaspieler Horst-Dieter van de Loo.

Während der Amtszeit von Günter Karl spielten die Jungsenioren in der Regionalliga. zu der Zeit die höchste deutschen Klasse. Allein zehn bis zwölf Jugendmannschaften habe man gehabt, mehrere Herren-, Damen- sowie etliche Altersteams. Der gelernte Physiotherapeut weiß seine Jahre an der Spitze des Vereins einzuordnen. „Ich habe den Aufschwung erlebt und den beginnenden Absturz.“ 1998 begrüßte er das 500. Mitglied, in den folgenden Jahren ging es bis knapp 600 weiter nach oben. Der ehemalige Vorsitzende ist noch passives Mitglied. „In den vergangenen zwei Jahren war ich vielleicht einmal auf der Anlage.“ Doch ist er weit davon entfernt, die Gründe für den Einbruch bei den folgenden Vorständen zu suchen: „Es wurde viel unternommen, Schnuppertennis, Aktionstage, Schüler und Jugendliche wurden direkt angesprochen, die Beiträge gesenkt. Alles vergebens, die Zeit war vorbei.“ Begonnen hatte der Abschwung Mitte der 90er Jahre. 1996 gingen zwei Meldungen für die Damen-Stadtmeisterschaften ein. Regelmäßig mussten Konkurrenzen gestrichen werden. Preisgelder wurden ausgelobt. Alle Versuche blieben vergebens.

Es war 1985, als Boris Becker die sportliche Landschaft in Deutschland veränderte, wie kein anderer. Steffi Graf und Michael Stich kamen noch hinzu. Tennis wurde zum Selbstläufer. Reihenweise Erfolge ebneten den Weg aus einer elitären Gesellschaft hin zum Breitensport. Um Geld musste sich beim DTB keiner mehr Sorgen machen. Beim Verband standen die Sponsoren Schlange. Irgendwann wurden alle Turniere im Fernsehen übertragen, wo auch immer sie auf der Welt stattfanden. Selbst jene von geringem sportlichen Wert. Die Zeiten waren vorbei, in denen allein die vier Grand-Slam Turniere im TV zu sehen waren und nebenbei noch ein paar andere, um die Zeit dazwischen zu überbrücken. Die Stars spielten gefühlte zehn Mal im Jahr gegeneinander.

Wie beliebt Tennisspielen plötzlich war, zeigte sich bei der Klever TV. Es gab einen Aufnahmestopp und Wartelisten, weil die Kapazitäten für den Ansturm nicht reichten. Aufnahmegebühren von jeweils 400 Mark für die ersten beiden Familienmitglieder in den 80er und 90er Jahren wurden verlangt. Kinder und Jugendliche wünschten sich zu Weihnachten plötzlich Tennisschläger. Was heute kaum mehr einer tut. Christof Dammers (46), Geschäftsführer von Intersport Kleve, bietet seit einigen Jahren keine mehr an. „Davon haben wir uns getrennt. Es war nicht mehr wirtschaftlich“, sagt der Mann vom Fach. Ausbleibende Spieler haben dazu geführt, dass beim Allround Sports Kleve von einst sechs Hallenplätzen noch zwei übrig geblieben sind.

Wie die Tennisvereinigung Rot-Weiss in den 80er Jahren auf den Ansturm reagierte, zeigt ein Bild in dem Buch zum 100-jährigen Jubiläum (rechte Spalte). Auf dem Foto sind vier Männer im Anzug zu sehen, die auf einem Tennisplatz stehen. Einer von ihnen hat mehrere Zettel in der Hand. Davor schauen einige Kinder und Jugendliche eher gelangweilt durch die Gegend. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987. Werner Heisterkamp, damals 2. Vorsitzender des Vereins, spricht zur Eröffnung neuer Spielfelder ein paar Worte. Zu den Herren im Hintergrund gehören der ehemalige Sparkassendirektor Peter Theissen sowie der Stellvertreter des Landrats, Johannes Bruns. Es sind die  Plätze acht und neun des Vereins. An der Stelle, wo die Gruppe einst stand, wachsen heute Bäume wild durcheinander und Mengen von Unkraut. Linien sind noch zu erkennen. Ebenso wie die Netzpfosten, für die man auch keine Verwendung mehr hatte. Der Wildwuchs auf der roten Asche liegt unterhalb der Hauptanlage. Das Areal gehörte zu einem nicht enden wollenden Wachstumsglauben im deutschen Tennis. Nicht nur bei der Klever TV wurde überall in der Nachbarschaft gesucht, wo noch ein Platz hin passt. Fünf der einst neun Courts werden am Bresserberg nicht mehr bespielt oder sind verkommen. Jeder Ortsteil und Verein musste einen eigenen Klub haben. Die Frage „Und was passiert später damit?“ wurde nie gestellt. Von der Euphorie getragen gründeten sich nicht nur in Kleve Tennisklubs.

Jahrelang wurde von dem Geld aus den 80er und 90er Jahren gezehrt. Nicht nur beim Deutschen Tennis Bund, ebenso an der Basis muss jetzt gut gerechnet werden. Das tut auch der Vorstand der Klever Tennisvereinigung. Manfred Starlinger (52) ist seit zwölf Jahren Vorsitzender und weiß eigentlich nicht mehr ganz genau, wie er an den Job gekommen ist. „Dazu gehörte eine gehörige Portion Naivität von mir. Ich habe mich damals fangen lassen“, blickt er zurück. Eigentlich wollte er Jugendwart werden, so der 52-Jährige. Wie schwierig die Vereinsarbeit geworden ist, beschreibt er in einem Vereinsheft. Als kläglich bezeichnet er dort die Teilnehmerzahl der Jahreshauptversammlung. Sechs Vorstandsmitgliedern saßen 14 weitere Vereinsangehörige gegenüber. Man habe wohl einen Tiefststand erreicht, klagt Starlinger, der bis 2020 wiedergewählt wurde. Auf die Frage nach dem Warum, zuckt er mit den Schultern und sagt: „Wer soll es denn machen? Ohne Vorstand wird der Verein irgendwann abgewickelt.“

Bei einem Gespräch mit dem Führungsduo der Tennisvereinigung  Manfred Starlinger und seinem Stellvertreter Wilhelm ten Eikelder (62) sitzt das Duo vor dem 1959 errichteten Klubhaus. Das ist ebenso leer wie die Anlage hinter ihnen. Der Vorsitzende hält einen blauen Notizzettel in der Hand, auf dem er die Mitgliederzahlen der vergangenen Jahre notiert hat. 2008 waren es 280, jetzt sind es etwa 200 weniger. Dazu sagt er: „Es ist eben so, ohne Jugend gibt es keine Perspektive.“ Dabei schaut er seinen Nebenmann an. Wilhelm ten Eikelder ergänzt: „Ich bin hier mit 62 lange nicht der Älteste.“ Einige Jahre hatte die Tennisvereinigung keinen Jugendwart.

Die Überalterung der Tennisvereine ist ein generelles Problem. Es gibt mehr Altersklassen- als Nachwuchsteams. Das bestätigt Klaus Molt, Pressesprecher des Tennisverbands Niederrhein. „Aufgrund der demografischen Entwicklung kann das nicht anders sein.“ Seit 1990 kümmert sich Molt um die Pressearbeit beim Verband. Er hat in seinem Amt noch einige Jahre den rasanten Mitgliederanstieg miterlebt sowie den ebenso anhaltenden und flächendeckenden Abschwung. „Um eine ähnliche Situation wie Anfang der 90er Jahre noch einmal zu erleben, bräuchten wir drei Becker und zwei Graf“, sagt Molt. Er kenne viele Vereine, die keine Jugendmannschaft mehr haben. So auch die  Klever TV. Sie nimmt mit einem Herren 75+- und Herren 40-Team am Spielbetrieb teil. Mehr als diese beiden Medenmannschaften gibt es hier nicht mehr. In der Herren 40 sind die meisten jenseits der 50 und teilweise 60 Jahre alt. Nach dem Aufstieg wurde in dieser Spielzeit alles verloren. Eine Partie musste mit fünf Spielern bestritten werden. Es konnte keiner, um das Team zu komplettieren.

Die fehlenden Mitglieder gehen einher mit einer übersichtlicher werdenden Vereinskasse. So musste zuletzt im Platzhaus ein Wasserschaden im Keller behoben werden. Ein Blick in die Umkleidekabinen versetzt einen zurück in ein anderes Jahrzehnt. Die in den 70er Jahren bevorzugte Fliesenfarbe braun kleidet Wand und Boden. „Aber das haben wir ordentlich hinbekommen. Eine neue Küche könnten wir gebrauchen“, sagt Starlinger. An der Pinnwand im Vereinshaus hängt ein Zettel, auf dem die Termine für Arbeitsstunden stehen, die jedes Vereinsmitglied zu leisten hat. Wer nicht kommt, der zahlt. Etwa 3000 Euro kostet die Herrichtung der fünf noch offenen Plätze für eine Saison. Drei Plätze würden ausreichen. Die finanzielle Situation des Vereins sei darstellbar, so Starlinger. Auch weil die Eigentümerin der Fläche, Marie-Luise Klar, dem Klub mit der Pacht großzügig entgegengekommt. Seit ihrer Kindheit spielt die Grande Dame bei der Tennisvereinigung. Bis 2025 läuft der Pachtvertrag und so lange kämpft der Verein auch ums Überleben. „Frau Klar will nicht, dass die Fläche bebaut wird, solange sie  lebt“, sagt der Vorsitzende. Die Dame ist 81 Jahre und fit. Derzeit nimmt sie regelmäßig Trainerstunden.

Das Areal auf dem Bresserberg ist eins, was nicht nur der Tennisverein zu schätzen weiß. Es gibt Interessenten, die das Gelände kaufen und entwickeln wollen. Ein Baugebiet wird wohl irgendwann an dieser Stelle entstehen, denn die Tennisvereinigung wird in absehbarer Zeit den Weg alles Irdischen gehen. Aufgrund der seit Jahren anhaltenden Entwicklung keine gewagte Prognose. Der Vorsitzende hatte vor einigen Jahren den Vorschlag gemacht, durch Fusionen dem Verein eine Perspektive zu geben. Der Versuch blieb erfolglos. Zumal aus drei kranken Klubs kein gesunder wird. TVN-Pressesprecher Klaus Molt bestätigt, dass Zusammenschlüsse häufig die einzige Chance sind, Mannschaften und Vereine zu retten.

Manfred Starlinger ist weit davon entfernt, irgendetwas schön zu reden. „Wer sich die Mitgliederstruktur ansieht und die vier Grundrechenarten beherrscht, weiß, das Ende ist absehbar.“

Was wird bleiben? Die beeindruckende Historie der Klever Tennisvereinigung Rot-Weiss von über 100 Jahren. Mit einem steilen Auf- und dem schleichenden Abstieg. Glanz vergeht langsam.