Tennis: Horst-Dieter van de Loo : Das Gewissen des Tennissports

Der Gocher ist seit Jahrzehnten in der Senioren-Tennis-Weltspitze unterwegs. Auf viele Entwicklungen im Tennis blickt er kritisch.

Vom Balljungen zur Tennis-Koryphäe: So ließe sich die Karriere von Horst-Dieter van de Loo zusammenfassen. In Moyland aufgewachsen jagte er schnell den Bällen im Schlosspark hinterher. Heute darf er auf eine bewegte Karriere zurückblicken: Der 71-Jährige ist 64-facher deutscher Meister im Einzel oder Doppel, holte fünf Europa- und drei Vizeweltmeistertitel und spielte jahrelang für BW Krefeld in der Tennis-Bundesliga. Seit den 70-er-Jahren ist van de Loo zudem Trainer beim TC RW Goch. Der Vater zweier Kinder führt ein Leben rund um die gelbe Filzkugel.

Was ist der Höhepunkt Ihrer bisherigen Laufbahn?

Horst-Dieter van de Loo Da sind selbstverständlich die vielen Erfolge bei den deutschen Meisterschaften sowie bei den Europa- und Weltmeisterschaften zu nennen. Aber, so merkwürdig es sich anhört: An erster Stelle schätze ich die Trainer-A-Lizenz ein, der höchsten in Deutschland. Dort wurden die Hintergründe von Leistung herausgestellt. Seitdem denke ich ganz anders über den Sport.“

Als Trainer sind Sie kein Lautsprecher, sondern eher als Ratgeber im Hintergrund. Würden Sie das bestätigen?

Van de Loo Ich lasse nicht Bewegungsvorgaben einstudieren, da diese immer individuell und vor allem funktional sein müssen. Es gibt sehr viele Spieler, die tolle Abläufe mitbringen, aber große Schwierigkeiten haben, auf bestimmte Spielsituationen zu reagieren. Mein Training ist also sehr spielorientiert.“

Was macht einen guten Trainer denn aus?

Van de Loo Das ist nicht pauschal zu beantworten. Man sollte die Leistung eines Trainers aber nicht so sehr an der Leistung des Schülers messen, zumal dessen Genetik eine prägende Rolle hat. Ein Trainer sollte gut ausgebildet sein und das Spiel „lesen“ können. Frontaltraining ist mit Blick auf allgemeine Leistungsentwicklung überschätzt. Die taktische Vielfalt des Spiels bleibt dabei auf der Strecke.

Bei den Mannschaftsspielen ist der dritte Satz durch einen Match-Tie-Break ersetzt worden. Wie siehen Sie diesen Modus?

Van de Loo Das halte ich für ein Vergehen an unserem Sport. Gerade im Match-Tie-Break spielt Glück eine wesentliche Rolle; manche nennen ihn Lotterie. Dabei kommen beispielsweise die Athletik und Psyche als wichtige Spielelemente zu kurz. Mit einem spitzen Bleistift und einem Stück Papier kann ich jedem plausibel machen, dass zu jeder präzisen Bewegung „Glück“ gehört. Abhilfe schaffen da Übung und zutreffende Trainerarbeit.

Aber zeigt sich dabei nicht erst, wer wirkliche Nervenstärke besitzt?

Van de Loo Natürlich hat es auch einen taktischen Aspekt: Nervenstärke und Selbstvertrauen. Häufig fangen jedoch Spieler mit einer eigentlich defensiven Ausrichtung an, draufzuhauen und ans Netz zu gehen. Dann verlieren sie mit Bestimmtheit. Der Match-Tie-Break ist ein Irrweg.

Wenn eine Mannschaft nach den Einzeln bereits aussichtslos zurückliegt, werden häufig die Doppel nicht mehr ausgespielt. Fehlt da nicht die Leidenschaft für den Sport?

Van de Loo Tatsächlich ist das mittlerweile geläufig. Es zeigt, dass es in unserem Sport einen großen Hang zum Geselligen gibt.

Wie blicken Sie denn auf die Niederrheinliga-Mannschaft des LTK Moyland, wo zahlreiche niederländische Spieler aufschlagen, die nicht aus der Jugend des Vereins stammen?

Van de Loo Je höher die Liga, desto eher ist Komplettierung von außen nötig. Bei einem Verein wie BW Krefeld gehört es zum Selbstverständnis und zur Vereinsidentifikation, dass die Mannschaften hochklassig spielen. Die Anzahl der Zuschauer ist für mich Indiz, wie sehr der Verein hinter seiner Topmannschaft steht. Es ist zu beobachten, dass vielerorts Akteure im deutschen Club spielen und Sponsorengelder empfangen, wenn sie woanders nichts zu tun haben. Ein Gegenbeispiel ist für mich die Niederländerin Vera de Jong in Reichswalde, die als Vereinstrainerin und Spitzenspielerin omnipräsent ist.

Wie ist die aktuelle Situation beim TC RW Goch? Die ausgehängte Liste der jugendlichen Mitglieder ist recht überschaubar.

Van de Loo Es dürften mehr sein. Wenn ich nur ein Rezept wüsste. Nicht nur Rot-Weiß Goch steht in großem Wettbewerb mit anderen Sportarten. Leider ist die Situation in vielen anderen Tennisclubs auch nicht besser. Gleiches gilt für den Kreisjugendkader. Sport muss Spaß machen, was auf vielen Ebenen möglich ist. Oder wie erklären sich Kreisligen, wenn es Bundesligen gibt?

Kreisjugendkader? Inwiefern?

Van de Loo Der Kreistrainer Marco Oversteegen steht da ein wenig auf verlorenem Posten. In den Vereinen wird häufig schlecht ausgebildet, weshalb er oft noch Grundfertigkeiten entwickeln muss. Auch ist die Einsatzbereitschaft der Eltern gering, wenn sie ihre Kinder beispielsweise von Wachtendonk fürs Kreistraining nach Goch fahren müssen. Dass sie selber für das Training zahlen müssen, ist ein weiteres Hindernis.

Wir haben im Kreis Kleve eine unwahrscheinlich hohe Anzahl an Tennisvereinen. Kranenburg, Kessel, Nierswalde – in jedem Dorf findet man eine Anlage. Sind es zu viele?

Van de Loo Das ist eher ein Hinweis darauf, dass Tennis das Zeug zum Volkssport hat. Viele Vereine haben einen großen Mitgliederschwund erlebt. Leider ist das Image unseres Sports von alten, gesellschaftlichen Vorurteilen geprägt. Die Zeiten sind aber vorbei. Becker und Graf motivierten zudem Tausende, Tennis zu spielen. Der Deutsche Tennis Bund (DTB) weist nun darauf hin, dass in rund zehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Ich hoffe, dass man den Weg zum Tennis findet, denn es ist nie zu spät. Es ist ein Sport für die ganze Familie.

Könnte Alexander Zverev nicht ein Zugpferd werden?

Van de Loo Das müssen wir abwarten. Noch muss er als Mensch und Spieler reifen. Seine taktische Vielfalt und seine Bewegungsfertigkeiten müssen besser werden. Sollte er das schaffen, muss ihn der DTB gut in Stellung bringen. Das traue ich Boris Becker aber zu.

Beim TC RW Goch ist die Auslastung der neun Plätze gering. Zudem sind zwei Plätze gar nicht mehr aufbereitet.

Van de Loo Derzeit bräuchten wir nur sieben Plätze. Es ist also reichlich Raum für neue Mitglieder. Aber noch etwas bereitet uns Sorgen: 2029 läuft der Pachtvertrag mit der Stadt Goch aus. Gelegentliche Versuche, dazu ins Gespräch zu kommen, endeten sofort. Wir leben daher im Unklaren. Wir glauben, dass unser Clubareal als Wohngebiet ein Filetstück und entsprechend wertvoll ist. Daher fragen wir uns: darf der TC RW nun bleiben? Wenn wir ausgesiedelt würden, habe ich die Vorstellung, vielleicht in ein neues Sportzentrum zu ziehen.

Könnten Sie sich eigentlich irgendwann den Ruhestand vorstellen?
Van de Loo Eigentlich nicht. Solange ich noch um Rat gebeten werde, bleibe ich Trainer.