Fußball: Lulu Kanders – das unvollendete Genie

Fußball: Lulu Kanders – das unvollendete Genie

Ludger Kanders ist 53 Jahre, hat drei Kinder, vier Spiele in der B-Nationalmannschaft absolviert und eine besondere Beziehung zu den Fußballvereinen in Goch und Kleve. Kanders, der Ex-Profi, hat sowohl für den SC 63 Kleve als auch für die Gocher Viktoria gespielt.

Wenn man heute seinen Namen an Theken, die mit Fußball-Fachpersonal bestückt sind, in die Runde wirft, so gibt's für den Namen Lulu Kanders immer noch wohlwollende Kommentare: "Das war ein Guter." Urteile von Fans sind schnell gefällt. Zwischen "Konnte nix" oder "ein Guter" gibt's nicht mehr viel. Der Fußball vergisst seine Helden zwar schnell, aber Lulu gehört in den hiesigen Gefilden immer noch in die Kategorie "das unvollendete Genie".

Lulu Kanders vereinte zahlreiche Eigenschaften auf sich, die ihn zu einem Ausnahmespieler werden ließen: Tempo, Technik und Auge. Foto: eve

Lulu Kanders stammt aus Kalkar, lebt heute in einer Doppelhaushälfte in Pfalzdorf und arbeitet in seinem gelernten Beruf als Orthopädiemechaniker in Krefeld. Als die RP ihn gestern telefonisch erreichte, war Kanders mit der Familie im Türkei-Urlaub und lag bei 42 Grad am Pool. "Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben", sagt Kanders und schränkt im Satz danach ein: "Und dennoch denke ich manchmal daran, welche Möglichkeiten ich gehabt hätte." Keine Frage, Kanders hatte den Sprung geschafft, er war ein etablierter Bundesliga-Spieler, Nationalspieler sogar und gehörte 1982 zum 40er-Kader für die WM in Spanien. Mit reichlich Talent gesegnet war der Kalkarer allerdings ebenso mit einer nicht immer geradlinigen Berufsauffassung ausgestattet.

Von SuS Kalkar, wo er zehn Jahre in der Jugend gespielt hatte, ging es über den Kevelaerer SV zum TuS Xanten. Kanders brauchte ein Jahr in der Oberliga (damals 3. Liga), um Stammspieler beim Bundesligisten Bayer 05 Uerdingen zu werden (Saison 1979/80). Sechs Tore schoss er dort in seinem zweiten Jahr. In besonderer Erinnerung ist ihm die Partie gegen den Hamburger SV geblieben. Franz Beckenbauer war gerade von Cosmos New York aus der Operetten-Liga, wo zwischen Popcorn, winkenden Maskottchen, hüpfenden Mädchen beim Einlaufen auch noch Fußball gespielt wurde, in die Bundesliga zurückgekehrt. "Auf einmal spielst du gegen dein Idol. Für mich war und ist er der Größte", erinnert sich Kanders. Trotz der sich anbahnenden Karriere traf sich der Jung-Profi freitagsabends immer noch auf ein paar Drinks in seiner Stammkneipe "Altkalkar". "Wir haben uns in Uerdingen vor Bundesligaspielen immer erst samstags um 9 Uhr getroffen", erzählt der 53-Jährige, wie er die Stunden zuvor verbrachte. Im "Altkalkar" seien immer reichlich Schalker Fans gewesen, denen er einmal versprach: "Morgen mach ich einen gegen euch." Selbst die von den S04-Freunden in Aussicht gestellte Portion "Backenfutter" brachte Kanders nicht davon ab, nach acht Minuten dem Schalker Keeper Norbert Nigbur einen reinzudrücken.

Die Karriere von Kanders kannte nur eine Richtung: steil bergauf. Er wurde als Nachfolger von Klaus Allofs, der damals zum 1. FC Köln ging, zu Fortuna Düsseldorf geholt. Kanders und sein Trainer Jörg Berger hatten jedoch eine unterschiedliche Auffassung, wo er zu spielen hatte. "Die haben sich alle gewundert, warum ich keine Tore mehr mache. Aber ich sollte nur flanken und auf Rechtsaußen rumlaufen", so Kanders. Als Fortuna Düsseldorf 1,25 Millionen Ablöse für Kanders forderte, der Wechsel zum französischen Meister FC Metz war eigentlich schon perfekt, wollte Kanders dem Bundesligisten zeigen, wo der Hammer hängt: "Ich habe mich reamateurisieren lassen. Die sollten nichts bekommen." Eine mutige, wenn auch im Nachhinein betrachtet keine kluge Entscheidung.

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"Eine super Truppe beim SC"

Der Stürmer ging daraufhin 1983 zum SC 63 Kleve. Normalerweise wechselt ein Spieler wie Kanders aus der Bundesliga zu einem Verbandsligisten höchstens mit 'nem Hüftschaden. Aber Kanders war fit, im besten Fußballalter. "Wir hatten eine super Truppe beim SC", sagte er. Manni Priewe kam zeitgleich von NEC Nimwegen an den Bresserberg. Ab Aalberts war Trainer und als Mindestziel wurde die Meisterschaft ausgegeben. Hauchdünn wurde sie verpasst, Kanders wechselte zur Gocher Viktoria in die 3. Liga und wurde dort zum Star des Teams. "Wenn ich an die Zuschauerzahlen denke, die waren enorm. Bei Viktoria hat's richtig Spaß gemacht. Da war jede Woche Party. Goch befand sich jedes Mal im Ausnahmezustand, wenn wir spielten", erinnert sich Kanders, der in der Oberliga einer der herausragendsten Akteure war. Wenn Kanders sich dazu entschied, ein Spiel zu gewinnen, dann gewann die Viktoria auch.

An ein Derby, als der Stern von Viktoria Goch bereits verglühte, und der SC 63 dran war, wieder zur Nummer 1 im Kreis zu werden, erinnert sich der Ex-Profi noch: "Wir haben 1988 mit 2:1 auf dem Bresserberg gewonnen, als niemand damit rechnete." Olaf Bodden markierte damals beide Treffer für Goch, deren Trainer – ein untersetzter Niederländer namens Leo Beerendonk – im Fall eines Sieges angekündigt hatte, nach Goch zurückzulaufen. Er lief und Kanders war nach einem Jahr weg aus dem Kreis. Er spielte noch sechs Jahre in Niedersachsen, bevor er zurück an den Niederrhein zog. Immer wieder hatten Bundesliga-Vereine während seiner Zeit bei der Viktoria gefragt, ob er nicht wechseln wolle. Immer war es an der Ablöseforderung von Fortuna Düsseldorf gescheitert, die für fünf Jahre eine Option auf einen Kanders-Wechsel ins Profilager hatte. "Ich habe damals meinen Dickkopf durchgesetzt", blickt Lulu Kanders zurück. Er zweifelt manchmal, ob es die richtige Entscheidung war: "Mein elfjähriger Sohn fragt mich gelegentlich, warum ich das so gemacht habe. Eine klare Antwort kann ich ihm nicht geben. Trotzdem, die Zeiten beim Sportclub und Viktoria, die waren einfach super."

(RP)
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