1. NRW
  2. Städte
  3. Kleve
  4. Sport Kleve und Goch

Kleve: Sandra Jung will gegen Schiedsrichterinnen-Mangel ankämpfen

Sandra Jung : „Es gibt zu wenig Schiedsrichterinnen“

Die 40-jährige Kleverin ist im Fußball-Verband Niederrhein für weibliche Unparteiische zuständig. Im Interview erklärt sie, wie der Nachwuchs gefunden und begeistert werden soll.

Sandra Jung weiß ganz genau, wie schwer der Weg nach ganz oben im Fußballzirkus ist. Die 40-Jährige war als Schiedsrichterin einst in der Frauen-Bundesliga und in der Oberliga der Männer unterwegs – und hinterließ Eindruck. Heute ist Sandra Jung, die den Vorsitz im Schiedsrichterkreis Kleve vor einigen Monaten abgegeben hat, Ansprechpartnerin für Schiedsrichterinnen im Fußball-Verband Niederrhein (FVN). Ihre Mission lautet: Junge Talente entdecken, fördern und auf die große Bühne begleiten. So gibt es für die Kleverin in den nächsten Jahren reichlich zu tun, wie sie im Interview sagt. Außerdem erklärt sie, worauf es ankommt, um Nachwuchs-Schiedsrichterinnen zu finden und zu begeistern

Seit kurzer Zeit sind Sie für die Schiedsrichterinnen im Fußball-Verband Niederrhein (FVN) verantwortlich. Wie darf man sich die Arbeit vorstellen?

Sandra Jung Wir werden in den kommenden Wochen und Monaten an einem Masterplan schreiben. Dann ist klar, wie die Arbeit genau ausschauen wird. Klar ist aber, dass wir bei den Grundlagen beginnen und Strukturen ganz neu aufsetzen müssen. Ich habe große Lust auf die Aufgabe. Das wird ein intensives Projekt, das von Vereinen und vom Verband getragen werden muss. Jüngst habe ich zu einem Frauenlehrgang nach Duisburg-Wedau eingeladen, ein erster Erfolg.

  • Joana Hantke (r.) und die Langenfelder
    Fußball, Niederrheinliga : HSV-Frauen sind in der Pflicht, weiter zu punkten
  • Hanna Hamdi erzielte den zweiten VfR-Treffer.
    Fußball : Frauen des VfR Warbeyen surfen weiter auf der Erfolgswelle
  • Das Lintorfer Team ist wieder drin
    Handball : Verband findet Lösung im Streit um LTV-Meldung

Sie sind im Dezember 2021 als Vorsitzende des Schiedsrichterkreises Kleve nach über zwei Jahren zurückgetreten. Klaus Engel übernahm Ihr Amt. Warum haben Sie Schluss gemacht?

Jung Die Arbeit für den Verband sowie auf WDFV- und DFB-Ebene ist sehr aufwendig, das war kaum mit dem Engagement im Kreis Kleve zu kombinieren. Außerdem brauche ich parallel zum Ehrenamt auch Freizeit. Daher der Entschluss.

Wie steht es denn um die Schiedsrichterinnen in der Region? Der Kreis unternimmt seit Jahren eine Menge, um Nachwuchs zu finden. Junge Mädchen aber sind kaum darunter.

Jung Es gibt insgesamt deutlich zu wenige Schiedsrichterinnen. Zudem gibt es zu wenige, die es nach oben schaffen. Dabei gab es schon einmal gute Zeiten für die Schiedsrichterinnen am Niederrhein. Vor Jahren waren vier Kolleginnen in der Frauen-Bundesliga unterwegs, zudem zwei in der Zweiten Liga. Heute haben wir nur noch eine Schiedsrichterin in der Zweiten Frauen-Bundesliga und eine in der B-Juniorinnen-Bundesliga. Das reicht nicht, da müssen wir ran.

Wie lange dauert es denn, bis man die Talente auf die große Fußball-Bühne begleitet hat?

Jung Wir müssen wirklich an den Unterbau ran. Daher wird es noch dauern. Ich gehe davon aus, dass wir einen Masterplan bis 2030 verfassen und mit den Fußball-Kreisen abstimmen. Während dieser Zeit werde ich beobachten, Lehrgänge organisieren, coachen, beraten und Mut machen. Es ist wichtig, dass es beim Verband eine zentrale Ansprechpartnerin für Unparteiische gibt.

Haben Sie im Kreis Kleve denn schon Talente entdeckt?

Jung Nun, die Auswahl ist bislang nicht allzu groß. Es gibt nur elf aktive Schiedsrichterinnen bei uns. Davon will zurzeit niemand den Weg in den Leistungssport einschlagen und entsprechende Lehrgänge besuchen. Dennoch habe ich zwei junge Mädchen im Verbandsgebiet entdeckt, die eine Menge mitbringen. Im aktuellen Frauenkader des FVN sind noch keine Vertreterinnen aus dem Kreis Kleve dabei, aber das kann sich ändern. Problematisch ist aktuell vor allem die Laufleistung. Auch auf DFB-Ebene sieht man, dass Mädchen und Jungs Probleme haben, die Zielmarken zu erreichen. Das wird sicher mit Corona zu tun haben. Aber diese Rückstände müssen zügig aufgeholt werden. Wer eine gute Unparteiische sein will, muss schnell und ausdauernd sein.

Brauchen junge Interessentinnen denn ein neues Vorbild wie Bibiana Steinhaus-Webb, die auch in der Männer-Bundesliga Partien pfeifen durfte – und sich große Anerkennung erarbeitet hat? Im Jahr 2021 hatte sie dem deutschen Fußball den Rücken gekehrt.

Jung Ja, eine Vorbildfigur wie Bibiana Steinhaus-Webb könnte der Entwicklung sicher einen Schub geben. Wir haben auch in der Frauen-Bundesliga gute Schiedsrichterinnen mit Potential, die bei den Männern bislang noch nicht in der höchsten Spielklasse mitmischen. Wir müssen aber erst in der Breite besser werden, ehe es in die Spitze geht. Hier sind wir auf die Mithilfe der Kreise und Vereine angewiesen, für die Schiedsrichterei entsprechend zu werben und interessierte Kandidatinnen zu melden.

Braucht es eine Frauenquote für das Schiedsrichterwesen im Profibereich?

Jung Nein. Es geht darum, Leistung zu bringen. Wer Leistung bringt, kann es dann auch weit bringen. Ich glaube, dass eine Frauenquote da nicht zuträglich wäre. Die Strukturen müssen da einfach besser werden.

Wie hoch ist denn das Niveau des Frauenfußballs in Deutschland?

Jung In meiner Tätigkeit als Schiedsrichter-Beobachterin schaue ich häufig bei Frauenfußball-Spielen vorbei. Die Niveauunterschiede zwischen den Ligen sind noch sehr groß. Neulich war ich bei der Frauen-Regionalliga in Essen gucken. Das war spielerisch nicht so stark. Ich war allerdings auch beim Bundesliga-Spiel von Bayer Leverkusen gegen den SC Freiburg mit dabei. Das war wiederum richtig guter Sport. Man darf natürlich nicht vergessen, dass es sogar in der Zweiten Frauen-Bundesliga kaum hauptberufliche Fußballerinnen gibt. Das hemmt gewisse Entwicklungen, sportliche Prozesse.

Der Respekt gegenüber Schiedsrichtern war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema – insbesondere im Ruhrgebiet. Werden Schiedsrichterinnen gleichermaßen attackiert?

Jung Nein, auf keinen Fall. Es ist ein ganz spannendes Phänomen, dass Schiedsrichterinnen – anders als die Männer – kaum angegriffen werden. Ich habe neulich eine Schiedsrichterin bei einer Partie des TSV Wachtendonk-Wankum beobachtet. Natürlich gibt es da von Zuschauern an der Seitenlinie Sprüche, weshalb sie nicht am Herd steht. Die Schiedsrichterin beschäftigte sich richtigerweise gar nicht damit und ließ es an sich abprallen. Aber die Spieler haben keinen dummen Spruch abgelassen, auch nicht viel gemeckert. Die Kollegin wurde regelrecht in Ruhe gelassen. Man hat das Gefühl, dass die männlichen Spieler auf dem Feld mit angezogener Handbremse agieren. Das hören wir aus ganz Deutschland, darüber können wir froh sein.