Lokalsport: "Ich danke Sie"

Lokalsport: "Ich danke Sie"

Ehemalige Fußball-Stars im Kleverland (7): Willi "Ente" Lippens war ein besonderer Fußballer. Er spielte 242 Mal in der Bundesliga und einmal für die Niederlande. Seine Auftritte waren alles - nur nie langweilig.

Obwohl er mit nur 1,70 Meter für einen Fußballer eher klein ist, war er doch für Generationen einer der Größten: Willi Lippens. Für eine Legende ist der 72-Jährige noch putzmunter. In seinem Restaurant "Ich danke Sie" in Bottrop, einen Steinwurf von der Autobahn 42 entfernt, nippt er an einer Tasse Kaffee und schwelgt in vergangene Zeiten. Da ist er wie früher auf dem Rasen an der Hafenstraße in Essen: Durch und durch ein wahrer Entertainer.

RP-Sportredakteur Helmut Vehreschild (l.) interviewt das "Original" 2013 beim lokalen Jahresrückblick "Made in Kleve". Foto: Evers

Geboren ist er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am 10.11.1945 in Hau. "Ich bin ein Skorpion. Die sind gefährlich", schmunzelt er mit Blick auf sein Sternzeichen. Aufgewachsen ist er an der Gocher Landstraße, heute Nassauer Allee, direkt gegenüber dem Sternbusch, zwischen Eisernem Mann und Weißes Tor. Schon früh kam Lippens mit dem Fußball in Berührung, lagen doch am Weißen Tor die beiden Plätze des VfB Kleve und eine Anlage vom VfR Hau. "Mein Freund war Dieter Bredick, der Sohn von VfB-Platzwart Ferdi Bredick. Das war günstig. Sein Vater ließ die Netze dran, da konnten wir immer auf die Tore ballern. Tag und Nacht haben wir gebolzt", erzählt er. Gerne wollte er sich dem VfB Kleve anschließen, "doch mein Vater meinte, es sei zu teuer, in einen Verein einzutreten." Hans Hogeback, seinerzeit Schornstein-Bezirksmeister und im VfB-Vorstand aktiv ("der hatte einen dicken Mercedes"), wollte sein Talent fördern und schenkte Lippens Fußballschuhe und Stutzen. "Das Sportgeschäft war bei Schürings an der Stechbahn/Ecke Hagsche Straße", erinnert er sich. "Mein Vater wusste davon nichts, meine Mutter und ich mussten das geheim halten." Irgendwann schaute Wilhelm Lippens heimlich seinem Sohn beim Fußballspielen zu. "Da machte ich zwei Tore und mein Vater war stolz wie Oskar", sagt der Torjäger, den später wegen seines Watschelganges alle nur "Ente" riefen.

Beim VfB Kleve spielte Lippens in allen Schüler- und Jugendmannschaften. "Ich konnte nie mit einem um die Wette laufen, da war ich der Letzte. Ich habe aber schnell gelernt, meinen Körper zwischen Ball und Gegner einzusetzen. Und ich konnte meistens die Situation eher erkennen als die anderen", sagt er.

Mit 14 Jahren begann er eine Lehre in der Kaufhalle, damals an der Hagsche Poort (früher Mühlenstraße) gelegen, zum Einzelhandelskaufmann, die er nach drei Jahren mit bestandener Prüfung beendete. Ein Jahr spielte er für den VfB Kleve bei den Senioren. In der Landesliga erzielte er 21 Tore. "Die Lokalderbys zwischen VfB und Sportclub waren legendär. Da kamen 6000 Zuschauer zur Königsallee. In Kleve wurde das ganze Jahr über die Spiele zwischen "de Botter" und "de Schüsterkes" geredet. Ich habe aber zweimal gegen die Blau-Weißen verloren", sagt Lippens, der ganz auf die Karte Fußball setzte. "Wenn man sein Hobby zum Beruf macht und das auch noch gut honoriert wird, besser geht es doch nicht."

Dann wurde er entdeckt. "Trainer Otto Walter hat mich als Jugendlicher beim Bolzen gesehen und gesagt: "Wenn du 18 bist, dann hole ich dich. Als ich 18 Jahre alt war, stand er tatsächlich bei mir vor der Tür", erinnert sich Lippens. Eine Woche lang trainierte der Stürmer bei Schwarz-Weiß Essen, schoss bei einem 8:6-Testspiel gleich sieben Tore, doch engagiert wurde er vom Lokalrivalen Rot-Weiss Essen. "Ich habe dort einmal trainiert, bekam einen Vertrag für 80 Mark im Monat. "30 Mark wurden mir noch abgezogen wegen meines Zimmers unter der Tribüne an der Hafenstraße."

  • Bester niederländischer Torschütze : Robben bricht Rekord von "Ente" Lippens

In Kleve war der Goalgetter entweder Mittelstürmer oder Rechtsaußen, doch der RWE-Trainer brauchte einen Linksaußen. Im ersten Spiel gegen Eintracht Gelsenkirchen durfte Lippens 1965 in der Regionalliga, der zweithöchsten Klasse, auf dieser Position spielen. "In der 80 Minute habe ich einen Elfmeter frech geschossen, doch das Leder ging daneben. Ich sehe heute noch, wie ich dann zwei Minuten vor Schluss den Ball volley zum 1:0 in den Maschen versenken konnte. Da war ich der König und durfte seitdem immer spielen."

Legendär ist der Lippens-Disput mit dem Schiedsrichter während der Partie gegen Westfalia Herne. Der Unparteiische sagte zu ihm "Ich verwarne Ihnen", und Lippens antwortete "Ich danke Sie". Zwei Wochen durfte er wegen des Feldverweises zuschauen: "Das ist mir so rausgerutscht." Sein Restaurant auf dem Lippenshof "Mitten im Pott" in Bottrop, das sein Sohn als Küchenchef leitet, heißt noch heute "Ich danke Sie". Von 1965 bis 1976 spielte der Linksaußen für Rot-Weiss Essen und stieg mehrfach an der Hafenstraße in die Bundesliga auf. Insgesamt absolvierte er 242 Bundesliga-Spiele und erzielte 92 Tore. Sein Lieblingsverteidiger war Mönchengladbachs Berti Vogts. "Für den konntest du mich mitten in der Nacht wecken. Der hatte schon Dünnschiss vor dem Spiel. Ich habe ihm gesagt: Hast du gut geschlafen?'" Überhaupt freute er sich meistens auf Abwehrspieler. "Man muss kühl bleiben. Die mich töten wollten, waren mir die Liebsten. Die waren wütend, dann hatte ich sie unter Kontrolle. Und wenn ich sie vernascht hatte, sagte ich ihnen: 'Du kannst ja gar nix!'"

Der Klever Fußballer mit niederländischem Pass spielte nur einmal für die niederländische Nationalmannschaft, für die er beim 6:0-Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 1972 gegen Luxemburg einen Treffer erzielte. Dass er danach nicht mehr für die "Elftal" nominiert wurde, kommentierte er später auf seine Weise: "Mit mir wäre Holland und damit nur ein Deutscher Weltmeister geworden!"

Dass Lippens nur noch "Ente" hieß, hatte er dem Reporter Jürgen Abel vom Sportbeobachter zu verdanken. "Wir haben in Düsseldorf durch ein Tor von mir mit 1:0 gewonnen. Auf dem Rückweg nach Essen las ich die Schlagzeile 'Die Ente erschießt die Fortuna'. Da war ich stinkesauer, aber dadurch war mein Spitzname ein Markenartikel."

Von 1976 bis 1978 heuerte er bei Borussia Dortmund an, ging dann für ein Jahr nach Dallas Tornado in die USA. "Das war ein gutes Geschäft für mich. Die Amerikaner hatten keine Ahnung vom Fußball. Für alte Säcke wie Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Bernd Hölzenbein oder mich war das ein guter Abschluss", schmunzelt der 72-Jährige. "Als Opa war ich dann noch zwei Jahre bei Rot-Weiss Essen in der 2. Liga. Auch mit 36 Jahren habe ich viele Tore vorbereitet. Frank Mill hat von seinen 28 Treffern 25 von mir bekommen." Nach den vielen Jahrzehnten steht für die "Ente" fest: "Die Hafenstraße ist meine Heimat. Vom Herzen her bin ich Rot-Weißer, erst beim VfB Kleve und dann in Essen. Schalke 04 passte nicht, weil die wie Sportclub Kleve Blau-Weiß sind."

(RP)