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Georg Kreß im Interview über den hiesigen Jugendfußball

Jugendfußball : Georg Kreß: „Jugendfußball braucht Werte“

Der Auftakt in eine Reihe zum Jugendfußball: Georg Kreß, langjähriger Ruhrpott-Jugendtrainer, im Gespräch mit unserer Redaktion. Er blickt mit Sorge auf die hiesige Jugendarbeit. Es fehle an Werten, Disziplin, Qualifikation und Trainern – so der 56-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion.

Kleve Georg Kreß war jahrelang als Jugendtrainer bei Borussia Dortmund und der SG Wattenscheid aktiv. Er hat eine turbulente Karriere als Trainer und Sportdirektor im schnelllebigen Fußballgeschäft hinter sich. Kreß betreute bereits die Senioren von Preußen Münster, des 1. FC Kleve, SV Straelen und Wuppertaler SV. In seiner Zeit als Jugendtrainer in Wattenscheid gewann er gleich drei Mal die Vize-Westfalenmeisterschaft, drei Mal den Westfalenpokal und ein Mal den Westdeutschen Pokal. Seit Beginn des Jahres ist er zudem sportlicher Leiter beim Landesligisten SV Hönnepel-Niedermörmter. Wir wollten von ihm wissen: Wie steht es um die Jugendarbeit am Niederrhein?

Sie haben jahrelang als Jugendtrainer im Ruhrgebiet gewirkt. Wie ist der Kreis Kleve im Vergleich dazu aufgestellt?

Georg Kreß Ich erlebe den Jugendfußball hier nun seit drei Jahren, da mein Sohn hier spielt. Es gibt große Unterschiede zur Jugendförderung im Ruhrgebiet. Vor allem fehlt es häufig am Ehrgeiz der Kinder, wirklich alles dem Sport unterzuordnen. Ich kenne es aus dem Ruhrgebiet, dass die zwei bis drei Trainingstage die Höhepunkte der Woche sind und die Nachwuchsspieler eine halbe Stunde vorher da sind. Hier scheint die Motivation, überhaupt zu kommen, mitunter wenig ausgeprägt.

Sind die Kinder hier zu verwöhnt?

Kreß Das mag sein. Der Fußball ist hier häufig nur eine Sache unter vielen, während sich im Ruhrpott alles um die schönste Nebensache der Welt dreht. Vielleicht liegt das aber auch an dem extrem hohen Lebensstandard hier. Im Pott hat man noch viele Kinder, gerade auch mit Migrationshintergrund, die den Fußball als Chance sehen, aus ihren Verhältnissen auszubrechen. Diesen Antrieb mag es in Kleve und Umgebung weniger geben.

Gibt es im Kreis Kleve denn genügend qualifizierte Jugendtrainer?

Kreß Nein, die gibt es nicht. Es mangelt häufig an Qualifikation, wenngleich das kein exklusiv niederrheinisches Problem ist. Vielerorts sorgen die Väter oder Mütter für das Training. Das ist aller Ehren wert und ich ziehe vor diesen Leuten den Hut. Ohne sie ginge nichts. Das sorgt aber eben auch für Konflikte.

Um welche Konflikte handelt es sich dabei denn?

Kreß Nun, ein solcher Vater ist natürlich in einer besonderen Situation. Entweder er wird kritisiert, da er das eigene Kind vermeintlich bevorteilt. Oder er ist zu streng mit seinem Sohn oder seiner Tochter, um diesem Vorwurf um jeden Preis zu entgehen. Daher braucht es mehr bezahlte Trainer. Der DFB muss als reichster Sportverband der Welt mehr Hilfestellungen geben, damit sich die Vereine ausgebildete Jugendtrainer leisten können. Da braucht es dringend Subventionen. Ich habe es oft selbst erlebt, dass es in den verschiedenen Altersbereichen an Kompetenz fehlt, ein abwechslungsreiches und forderndes Training zu gestalten. Ich wurde Zeuge, wie bei den F-Junioren 45 Minuten lang mit acht Kindern Ecken trainiert wurden. In Trainerlehrgängen würde altersgerechtes Training vermittelt. Dort lernt man auch, welche Werte man jungen Menschen vermitteln sollte.

Was verstehen Sie denn unter diesen Werten, die an Kinder weitergegeben werden sollen?

Kreß Ich denke da an Respekt, Toleranz und Empathie. Es fehlt nicht selten an einem Leitfaden oder einem Kodex in den Vereinen. Diese Werte vorzugeben und zu leben ist die Aufgabe eines Jugendleiters. Hier reicht es nicht, dass dieser mit eher militärischem Ton im Stile eines Generals von oben herab Entscheidungen trifft. Bei der Trainerauswahl sollte es immer primär um Fachkompetenz gehen, und weniger um Gefügigkeit.

Zahlreiche kleinere Klubs der Region klagen über das Abwerbeverhalten der größeren Vereine wie Straelen und Kleve?

Kreß Der Schritt, als talentierter Spieler zu einem solchen Verein zu wechseln, ist absolut nachvollziehbar. Ich würde talentierten Kindern und Jugendlichen durchaus empfehlen, den nächsten Schritt zu machen und zum 1. FC Kleve zu wechseln. Zumal man in einer Mannschaft auch schnell unterfordert sein kann. Es macht Sinn, mit Spielern auf dem gleichen Niveau zu trainieren. Dann kann man sich weiterentwickeln. Aber ein solches Abwerben sollte in Kooperation mit den kleineren Vereinen stattfinden.Da kann man sicherlich auch was zurückgeben – vielleicht ja sogar einen anderen Spieler.