Lokalsport: Durchdrehen verboten

Lokalsport: Durchdrehen verboten

Beim 1. TFC Kleve wird seit einem Jahrzehnt Tischfußball gespielt. Das Spiel ist komplex, dennoch befindet sich das "Kickern" in einem Spagat zwischen Kneipenunterhaltung und Profisport.

Es gibt wohl nur wenige Sportarten, die in Deutschland bereits von so vielen Menschen ausprobiert wurden. Gleichzeitig wird ebenso auch keine derart selten mit professionellen Vereinsstrukturen in Verbindung gebracht: Das "Kickern" führt hierzulande ein besonderes Dasein.

Schnell und konzentriert sein sind Voraussetzungen für erfolgreiche Duelle. Foto: Markus van Offern

"Der Ausgangspunkt des Tischfußballs ist die Gaststätte. Aber man kann aus diesem Sport sehr viel mehr machen", sagt Manuel Nielen, Vorsitzender des 1. TFC Kleve, der aktuell knapp 30 Mitglieder zählt. In diesem Jahr feiert der Tischfußballverein das zehnjährige Jubiläum und hat sich in der Szene zu einer festen Größe entwickelt. "Vor zehn Jahren hatten wir unter Freunden großen Spaß an dem Sport. Aber wir wollten mehr und unser Hobby unbedingt in Vereinsstrukturen einbetten. Wir sind ins kalte Wasser gesprungen und haben uns diesen Traum erfüllt", erklärt Nielen. Ihr Vereinsheim an der Ackerstraße betreiben sie nun bereits sei acht Jahren, sind zum NRW-Landesleistungszentrum ausgezeichnet worden und nehmen mit mehreren Mannschaften am Ligabetrieb teil. "Die Leute kommen aus ganz Nordrhein-Westfalen und auch aus den Niederlanden, um bei uns zu spielen", fügt Nielen an, der besonderen Wert auf die Atmosphäre im Klubheim legt: "Der Ort ist zu einem Wohnzimmer für uns geworden." Da die meisten Tischfußballer in Deutschland als Sparte bloß anderen Sportvereinen angeschlossen sind und in "zweckmäßigen Räumen mit Zahnarzt-Praxis-Charakter", wie Nielen sagt, spielen, genießen die weitläufigen Räumlichkeiten des TFC Seltenheitswert, in denen die höchste Mannschaft in der Niederrheinliga spielt. Untergebracht ist der Club in der ehemaligen Schuhfabrik Panier, in der Platz das geringste Problem ist.

"Jeder Mensch kommt mit dem Kickern in Verbindung. In der Kneipe, im Jugendheim, der Schule und im eigenen Keller stehen Tische. Zu unserem Sport hat also jeder einen Zugang", sagt Michael Beckers, zweiter Vorsitzender des Vereins. Dennoch herrsche dort hinsichtlich der angewandten Techniken und der Regeln häufig Wildwuchs. Dabei ist der Sport auf den ersten Blick einfach erklärt: Elf Spielfiguren, die im 2-5-3-System mit einem Torwart als Absicherung aufgestellt sind, müssen mittels vier drehbarer Griffstangen einen Kunststoffball ins gegnerische Tor schießen. Wer in drei Gewinnsätzen fünf Tore auf seinem Konto hat, gewinnt. Einige Regeln aber dürften überraschen. So wird der Ball dem Regelwerk nach nicht wie üblich von der Seite eingeworfen, sondern bei der mittleren Figur der Mittelfeldreihe hingelegt. Erst wenn der Gegenüber Bereitschaft signalisiert hat, kann das Spiel losgehen. Auch muss ein gestoppter oder geklemmter Ball vor dem Pass auf die nächste Reihe mindestens zwei Figuren berühren. Zeitlimits, Time-Outs und die strenge Ahndung von Fouls geben dem Spiel weitere Struktur. Todsünden aber sind für Nielen andere: "Wenn jemand sein Bier auf den Tisch stellt, werden wir nervös. Auch das Durchdrehen der Griffstangen ist ein Anfängerfehler. Glücklicherweise wissen das die meisten auch."

So ist auch im Vereinsheim des TFC die enge Verbindung zum Kneipenbetrieb sichtbar: Neben den fünf Kickerkästen fällt nämlich insbesondere die lange Theke auf. "Man muss für sich eine Entscheidung treffen. Entweder man bleibt auf dem niedrigen Kneipenniveau oder man will sich weiterentwickeln", so Beckers. Beide Gruppen seien zwar in ihrem Verein heimisch, die meisten aber spielen leistungsorientiert. Dazu trainieren sie an drei Abenden in der Woche frei oder bieten für Neueinsteiger begleitetes Training an. "In Deutschland sind mittlerweile viele Vereine, Verbände und Turniere entstanden. Die Szene nimmt eine tolle Entwicklung", sagt Beckers. Am Niederrhein seien die Strukturen im Gegensatz zu den Großstädten gleichzeitig noch übersichtlich; häufig fehle es am Nachwuchs, wenngleich es die Klever mit Initiativen in Schulen und an der Hochschule versuchen. Doch im Schlepptau anderer prosperierender Kneipensportarten wie Darts oder Billard seien die Perspektiven für ihren Sport zunehmend rosige. So können einzelne Akteure in Deutschland gar von dem Sport leben. Zwar noch nicht vom Spielbetrieb an sich, mit Kicker-Events oder Streaming-Diensten entstehe aber aktuell eine lukrative Branche. "Noch ist das Medieninteresse aber zu gering, um die Massen zu erreichen. In China pumpt man dahingegen viel Geld in den Tischfußball. Kickern ist dort sogar zum Sportfach gemacht worden", sagt Beckers.

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Dass der Sport nicht nur Spaß macht, sondern auch pädagogisch wertvoll ist, weiß Lehrer Martin Heymen: "Der Sport fördert die Gemeinschaft und sensibilisiert für die Reaktionen des Gegenspielers. Ein Augenrollen nämlich fällt sofort auf und erfordert Gegenreaktion." Zudem können Spieler jeden Alters zu dem Sport stoßen, körperliche Einschränkungen spielen keine Rolle. Einzig der Einsatz sei wichtig, schließlich können die Spiele bis zu 45 Minuten dauern: "Häufig ist man nach einer Partie verschwitzt und vor allem im Kopf ausgebrannt. Das kann harte Arbeit sein", sagt Nielen. Auch technisch ist der Kickersport komplex: Wie hält man den Griff am besten? Vorn, hinten, mit dem Handgelenk über dem Griff? Und wie steht man zum Tisch? Mit aufrechtem Rücken, den Füßen auf einer Höhe, oder versetzt? Mit diesem Fragen muss sich jeder Spieler auseinandersetzen und seine eigene Lösung finden.

Bei der Betrachtung ihres Spiels wird klar, dass Nielen und Co. viel Zeit in ihren Sport investieren: Alle vier Spieler sind im Tunnel und schweigen; der Ball ruht oft bei einer Figur, die Kombinationen erfolgen über zahlreiche Stationen. So wird der Gegner ausgeguckt. Immer wieder aber wird das Spiel plötzlich schnell. Mit dem bloßen Auge kaum zu folgen fliegt das Spielgerät von Bande zu Bande und Figur zu Figur. Wer einmal nicht richtig antizipiert oder gedanklich abwesend ist, muss das Spielgerät aus seinem Tor fischen. Kickern ist eben ein Hochleistungssport. Zumindest für den Kopf.

Maarten Oversteegen

(mov)