Die Abteilung der Herren-Gymnastik des VfL Merkur Kleve im Porträt

125 Jahre VfL Merkur Kleve : Schweiß, Muskelkater und Halbzeit drei

Dietmar Gorißen führt die Abteilung Herren-Gymnastik – gestandene Männer über 55 Jahre, die an ihrer Fitness feilen.

Die wichtigste Mahnung betet Henrika Hellmuth ihren Schützlingen immer wieder vor: „Geht nur so weit, wie die Knie es mitmachen.“ Die Verletzungsfreiheit stehe über allem, man solle sich nicht übernehmen. Hellmuth ist Übungsleiterin einer Gruppe von bis zu 15 gestandenen Männern, die donnerstags abends in der Turnhalle des VfL Merkur Kleve, der 2020 sein 125-jähriges Bestehen feiert, an ihrer Koordination, Konzentration und Ausdauer arbeiten. „Hier bekommt man Muskelkater, ohne richtig geschwitzt zu haben“, sagt Dietmar Gorißen, der die Gruppe führt.

Jedem, der die Halle an der Flutstraße betritt, schlägt der süß-säuerliche Duft des Schweißes entgegen. Der Boden knarzt unaufhörlich, es ist kühl in dem Bau der 1950er-Jahre. Über die Turngeräte sagt Gorißen: „Die lassen wir besser stehen, die sind nicht mehr zu gebrauchen.“ Für Spitzensport ist dies der falsche Ort. Die Gruppe der Herren-Gymnastik fühlt sich hier dennoch wohl – und das seit 1998. „Die Halle hat ihren Charme“, sagt der 62-jährige Rechtsanwalt Gorißen. Damals, noch vor der Jahrtausendwende, hätten sich ehemalige Fußball- und Handball-Spieler zusammengefunden und nach einer körperschonenderen Betätigung gesucht, um sich fit zu halten. Ein harter Kern ist seit nunmehr 22 Jahren mit von der Partie.

Die Beratungen darüber, welche Übungen die Altherren-Sportler diesmal machen, dauern nicht lange. Die Teilnehmer machen Vorschläge, Hellmuth entscheidet: „Wir holen die Matten heraus.“ Die Begeisterung von Gorißen und Kollegen hält sich in engen Grenzen, pflichtbewusst aber ziehen sie die blauen Unterlagen vom Wagen. Im Hintergrund der Bass musikalischer Gassenhauer, im Vordergrund die Stimme von Henrika Hellmuth. Sie macht die Übungen vor, die Männer geben ihr Bestes, ihrem Beispiel zu folgen. Den Auftakt macht das Marschieren auf der Stelle, die Arme werden nach vorne ausgestreckt, die Beine zur Seite. Der linke Arm mit dem rechten Bein – und andersherum. Eine koordinative Meisterleistung.

Es wird zusehends mühsamer. Anfängliche Diskussionen über das Fußball-Wochenende oder die Wirren der Realpolitik sind verstummt, die Köpfe werden röter, das Stöhnen lauter. Hellmuth fordert zum Hinlegen auf, Bauch-Beine-Po-Übungen warten: der Hüft-Dreher, die Kniebeuge, die Hüftbrücke. Die Merkurianer müssen in die Vierfüsslerposition gehen, erst einen Arm, dann ein Bein diagonal anheben. „Dabei wird die Position nicht verändert, ihr bleibt auf der Stelle“, sagt Hellmuth. Die Beine werden zusammengepresst und auf die rechte Seite geführt. Der Oberkörper ist gerade, nur die Hüfte bewegt sich, die Schultern bleiben am Boden.

Die Physiotherapeutin fordert, schenkt dabei aber immer wieder ein charmantes Lächeln. „Wir sind durch, es war heute sehr gut“, ruft sie nach einer Dreiviertelstunde. Hellmuth hat’s geschafft, die Männer sind geschafft. „So bleiben sie fit. Ich muss schon sagen: Die Männer sind viel beweglicher, als man meint“, sagt die 42-Jährige.

Die Belohnung wartet schon. „Wir legen höchsten Wert auf die dritte Halbzeit“, sagt Gorißen. Im Vereinsheim, dem Wohnzimmer, wartet Obergäriges. Eine Handvoll besonders Ambitionierter versuchen sich noch im Fußball-Tennis, das Gros aber nimmt sich des Vergnügens an. Gemeinsam feiern können die Altherren. Alle zwei Jahre steht eine Mannschaftsfahrt auf dem Programm. Wohin es in diesem Jahr geht, ist noch offen. Das Geheimnis lüften die Organisatoren erst wenige Tage vor der Abfahrt.

Im Sommer fahren die Herren gemeinsam Rad, die Weihnachtsfeier ist obligatorisch. Zu runden Geburtstagen studieren die Sportsfreunde Hebefiguren ein und präsentieren diese zu Feierstunden. „Sportlich sind wir zu jeder Gelegenheit“, sagt Gorißen lächelnd.