Leichtathletik: Auf der Suche nach dem Gänsehautgefühl

Leichtathletik : Auf der Suche nach dem Gänsehautgefühl

Ob zu Fuß oder mit dem Rad, Karl Graf liebt die Herausforderung. 2013 war es ein Hattrick, der dem Ultrasportler den Kick gab. Zum Ende des Jahres lässt es Graf geruhsam angehen: Auf dem Programm steht der Sylvesterlauf in Pfalzdorf.

Was das Größte in diesem Jahr war, darüber braucht Ultraläufer Karl Graf nicht lange nachdenken. "Der Mont Blanc", sagt der 63-Jährige Pfalzdorfer. Mit 6600 Höhenmeter, die es in weniger als 26 Stunden zu bezwingen galt, war der Berg in den Alpen nicht nur höhenmäßig das Größte, sondern auch emotional.

"Ich bin zufrieden, wenn ich was Extremes mache", sagt der dreifache Familienvater, der ansonsten ein ganz bürgerliches Leben lebt. Früher hat er Pipelines gebaut. "16 Stunden knallhartes Arbeiten war da normal", sagt er in der Rückschau. "Wegen der Kinder wollte ich mehr zu Hause bleiben und habe mir etwas anderes Extremes gesucht, das Laufen."

Wenn er extrem sagt, dann heißt das bis an die körperlichen Grenzen gehen. Der Mont-Blanc-Lauf, der Ultratrail "Courmayeur-Champex-Chamonix", war so eine Grenzerfahrung. Große Chancen rechnete sich der Pfalzdorfer als Flachlandtiroler nicht aus. "Mein Ziel war, es lebendig durchzustehen", sagt Graf. Die ersten zehn Kilometer ging es nur bergauf. "Schon 20 Zentimeter Höhenunterschied fühlten sich an wie ein Meter", sagt er über den Lauf in der immer dünner werdenden Luft. Die 101 Kilometer und 6100 Höhenmetern hat er gerade noch in der vorgegebenen Zeit geschafft. 25 Stunden und 47 Sekunden benötigte der Pfalzdorfer, 26 Stunden waren das Limit.

Karl Graf wäre aber nicht Karl Graf, wenn er danach die Füße hochgelegt hätte. Denn sein persönliches Ziel war ein Hattrick. Also drei Ultraläufe an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden. Nach dem Mont Blanc im August folgten die Deutschen Meisterschaften im 24-Stunden-Lauf in Karlsruhe und sieben Tage später ein 100-Kilometer-Lauf in Winschoten, in den Niederlanden. "Der Schwierigste am Anfang, der Erfolgreichste am Ende", zieht Graf Bilanz. In Winschoten holte er Bronze.

Auf Bronze hofft er auch bei den Deutschen Meisterschaften 2014 beim 100-Kilometer-Lauf in Husum. "Es gab Zeiten, da fielen mir solche Platzierungen leicht", sagt Graf. Das sagt der Mann, bei dem 2010 ein Gehirntumor entdeckt und entfernt wurde. Dann fügt er tatsächlich an: "Es gibt mehr im Leben als nur Laufen. Man kann ja nicht nur jahrelang trainieren." Zum Beispiel gebe es da noch die Gartenarbeit. Lange ruhig sitzen, kann er aber nicht. Seine Frau überraschte er in einem Urlaub am Bodensee mit einer spontanen Umrundung des Sees in 16 Stunden. 2001 lief er 1000 Kilometer von Holland bis Polen. "Ich wollte mal gucken, ob man das schafft", sagt Graf. Der längste Lauf war dann 2003 von Lissabon nach Moskau. "64 Tage Wettkampf, jeden Tag circa 100 Kilometer", nennt der Pfalzdorfer die Bedingungen. "Gestartet sind wir mit 44 Läufern aus aller Welt. In Moskau kam die Hälfte an. Ich habe Platz fünf erreicht." Und dabei zehn Paar Schuhe verschlissen. Ein Lauf, den er nicht jedes Jahr machen wird.

Heute steht die Teilnahme beim Sylvesterlauf in seiner Heimat Pfalzdorf auf dem Programm. Für den Ultraläufer eine Kurzstrecke, die er aber bewusst gewählt hat. "Wenn man immer nur Ultra läuft, gewöhnt man sich an den Schlappschritt, man läuft langsamer. Auf der kurzen Strecke muss ich wieder mehr geben. Ich will die Spritzigkeit trainieren." Mitlaufen werden auch Sohn, Schwiegertochter und Enkelkinder. Am Streckenrand wird seine Frau Hannie stehen und die Familienmitglieder anfeuern. Bei Läufen reicht sie ihm auch schon mal das Wasser und wartet geduldig am Ziel. Sie kennt das Motto ihres Mannes: "Leben ist Bewegen, wofür lebst du sonst? Lebe dein Leben, solange du lebst."

Seine Perspektive des Laufsports erzählt Graf in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch "Nur mein Wille zählt". Seine Läufe nach Santiago de Compostela sind dort festgehalten. "Ich habe den Jakobsweg für mich entdeckt, als es mit meiner Ferse nicht mehr ging", spricht Karl über eine Verletzung, die ihm nicht den Mut und den Willen nahm, weiterzulaufen. Er kann aber auch ohne. "Es kommt vor, dass ich eine ganze Woche gar nicht laufe", verrät Graf.

Einen festen Trainingsplan hat er nicht, nie gehabt. Zahlen interessieren ihn nicht. "Was ich laufe, das laufe ich", sagt der 63-Jährige, der immer auf der Suche nach Gänsehaut ist. In den letzten Jahren auch mit dem Rad, 2009 von Pfalzdorf nach Marrakesch und dann 4000 Meter zu Fuß einen Berg hoch. Die nächste Herausforderung, ein Traum noch, wäre die Umrundung des Mittelmeers. "Aber dafür muss ich viel Zeit haben", sagt Graf und blickt in die Ferne.

Erst einmal läuft er sich beim Sylvesterlauf warm und freut sich auf Ultraläufe in Husum und Berlin. "Das andere mache ich kurzfristig, nach Bauchgefühl. Das meiste habe ich schon zu oft gemacht. Da ist das Kribbeln nicht mehr."

(bimo)
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