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So läuft der Kartoffelanbau am Niederrhein

Kreis Kleve : Salzkartoffel trifft Süßkartoffel

Mehr als 100 Sorten gibt es von der tollen Knolle. Wie diffizil der Anbau ist, erklärt Kartoffelbauer Andreas Pottbäcker aus Kengen. Warum der Niederrhein die ideale Anbauregion ist, erklärt Wilhelm Hellmanns.

Der Geruch von Erde, das Schälen und Kochen um das goldgelbe Nahrungsmittel genießen zu können. Die Kartoffel ist vom Speiseplan der Deutschen kaum wegzudenken. Der Deutsche isst im Jahr 57,9 Kilo, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Davon entfallen 33 Kilo auf Püree, Pommes und Chips, also verarbeitete Kartoffeln. „Da ist noch viel Luft nach oben für die klassische Salzkartoffel“, sagt Wilhelm Hellmanns, Kartoffelbauer und Vorsitzender der Kreisbauernschaft Geldern. Wenn es nach ihm geht, könnte die Salzkartoffel ruhig öfter in den Kochtöpfen landen. Im Gegensatz zu den Kartoffelerzeugnissen wie Pommes, Kroketten und Chips stagniere die Salzkartoffel, dabei liegen die Vorteile für ihn auf der Hand. „Rein gesundheitlich gesehen, ist die Salzkartoffel ganz weit vorne.“ Sie sei ein klassisch deutsches Gericht, das gut schmeckt, wenn man die richtige Sorte aussucht. Und da gebe es ganz viele.

Einer, dessen Leben sich rund um die Knolle aus der Erde dreht, ist Andreas Pottbäcker. Auf rund 130 Hektar werden Kartoffeln angebaut. Den Betrieb leitet er in Kengen mit seinem Vater Josef, der den Betrieb 1972 kaufte. Die Haupterntezeit ist von Anfang September bis Mitte Oktober. Um rund ums Jahr liefern zu können, werden verschiedene Sorten angebaut. Es gibt die frühen Kartoffeln, die Übergangssorten und die Lagerkartoffeln. Für jeden Zeitabschnitt möchte der Verbraucher wählen zwischen vorwiegend festkochenden, festkochenden und mehlig kochenden. Und dann gibt es da noch die Kartoffeln, die von der Industrie weiterverarbeitet werden. „Es gibt mehr als 100 Sorten“, sagt Pottbäcker. „Die Züchtungen gehen immer weiter. Die neuen Sorten haben bessere Eigenschaften.“ Die bekannteste sei vermutlich die festkochende Annabelle. Dann ist da noch die ovale Belana und die gelbfleischige Madeira. Seine Lieblingssorte war die Alexandra mit dem tollen Geschmack. Leider neigte die Sorte dazu, Knollen oberhalb statt unterhalb der Mutterknolle anzusetzen. Wenn Sonne drankommt, wird die Knolle grün, Solanin wird gebildet. Das ist ein Giftstoff, der beim Menschen für eine Magenverstimmung sorgen kann.

Um Sonnenlicht zu vermeiden, sollten Kartoffeln immer trocken und dunkel gelagert werden, zum Beispiel im Keller. Eine Plastiktüte hat um die Kartoffel bei der Lagerung auch nichts zu suchen, gibt Pottbäcker als Tipp mit auf den Weg. Was den Anbau betrifft, so sei die Industriekartoffel noch die unkomplizierteste, sagt Pottbäcker. 7000 bis 8000 Tonnen verschiedene Sorten Kartoffeln verlassen im Jahr seinen Hof.

Mit der Ernte allein ist es allerdings nicht getan. „Der Kartoffelanbau ist ein umfangreiches Thema, was mal gut, mal weniger gut funktioniert“, sagt Pottbäcker. Als Naturprodukt ist die Kartoffel dem Wechsel von Sonne und Regen ausgesetzt. Mit einem Seufzer erinnert sich Pottbäcker an das vorige Jahr. „2018 ist kaum in Worte zu fassen.“ Über allem schwebte die große Trockenheit. Zum Kartoffelroden wurde beregnet, damit es für die Knolle schonender ist.

Überhaupt schätzt und braucht die Knolle eine gesunde Bodenstruktur. „Man merkt sofort, wenn die Struktur vom Boden nicht 100 Prozent gegeben ist“, sagt der Kartoffelbauer. Dabei seien die Kreise Kleve und Wesel sehr begünstigte Regionen, sagt der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Geldern. „Die Natur liefert etwas Besonderes“, nämlich eine Kiesschicht, die dazu dient, das Wasser zu speichern.

Bis es zur Kartoffelernte kommt, investiert der Landwirt 4000 bis 5000 Euro pro Hektar, rechnet Hellmanns vor. Investitionskosten sind das Pflanzgut, die Bodenbearbeitung, die Pacht für die Fläche und die Maschinenkosten. Vor einigen Jahren suchte Pottbäcker eine neue Herausforderung und fand sie in der Süßkartoffel. Vor zwei Jahren hat er den Anbau auf einem halben Hektar ausprobiert. Dafür sei er schon von einigen belächelt worden. „Ja“, gibt er zu, die Süßkartoffel erfordere extrem viel Handarbeit. Die Ernte sei schwieriger, denn die Süßkartoffel vertrage keine mechanische Belastung. Eine normale Erntemaschine kommt da nicht zum Einsatz, sondern man liest jede Knolle aus dem Acker raus. Zu Fuß werden die Stecklinge in den Boden gebracht und auch das Unkraut ziehen erfolgt per Hand. Mittlerweile hat Pottbäcker die Anbaufläche für die Süßkartoffel vergrößert und spricht von der „perfekten Kultur“. Denn die Süßkartoffel sei im Vergleich zur herkömmlichen Kartoffel sehr genügsam, und, was in den vergangenen zwei Jahren wichtig wurde, sehr trocken-tolerant. Die Süßkartoffeln hält extreme Trockenphasen aus und wächst weiter. Normalerweise findet die Süßkartoffel ihren Weg durch Import aus den USA, Spanien oder Portugal. Der Pluspunkt, den Pottbäcker hat, ist seine Regionalität, niederrheinische Süßkartoffeln aus Kengen.

Ohnehin seien die kurzen Wege das große Plus der niederrheinischen Landwirtschaft, bestätigt der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Geldern, Hellmanns. „Die Verbraucher wohnen um uns herum.“ Als starke Abnahmegebiete nennt er die Region um Düsseldorf und das Ruhrgebiet. „Der Niederrhein ist eine ganz starke Region, nicht nur bei den Kartoffeln.“ Er spricht von einer sehr vielfältigen und engagierten Region.

Dafür geben die Bauern rund ums Jahr alles. Im Januar und Februar werden Bodenproben gesammelt, der Boden wird auf seinen Nährstoffgehalt untersucht und gedüngt. „Frosttage sind schön, damit der Boden befahrbar ist“, sagt Pottbäcker und erinnert an die Bedeutung einer intakten Bodenstruktur. Im März und April ist Pflanzzeit. Die Frühkartoffeln kommen in den Boden. Dafür wurden im Dezember und Januar schon die kleinen Pflanzkartoffeln in Kästen gesetzt bei der richtigen Dosierung von Licht und Temperatur. Im Mai gilt es die Parzellen herzurichten und unkrautfrei zu halten. Erst ab Mitte Mai und im Juni werden die Süßkartoffeln gepflanzt. „Temperaturen unter zehn Grad vertragen sie nicht und Frost schon gar nicht“, erklärt Pottbäcker. Das Beregnen ist die große Unbekannte in den Monaten bis zur Ernte. Der Juli ist die Erntezeit für die Frühkartoffel. Im April und Mai wurden die späten Kartoffelsorten gepflanzt. „Für Qualität und Ertrag ist es besser, wenn die späten Sorten nicht zu früh gepflanzt werden“, sagt der Kartoffelbauer. Kälte und Nässe mögen sie gar nicht.

Die Haupterntezeit der Frühkartoffel ist der August. Juli und August ist auch die Haupternte der Industriekartoffel. Bei diesen Sorten kommt es auf einen bestimmten Stärkegrad und eine bestimmte Sortierung an. Ansonsten sei das Idealbild einer Kartoffel: leicht oval, makellos, möglichst eine helle Schale und gelbes Fleisch, beschreibt es der Kartoffelbauer aus Kengen.

Im September ist er voll mit der Süßkartoffelernte beschäftigt. Außerdem geht es in die Vorbereitungsphase für die Haupternte der Lagerkartoffeln. Das Lager wird auf Hochglanz poliert, die Kartoffelkisten klar gemacht. Im September beginnt die Haupteinlagerung. Das seien vier intensive Wochen, sagt Pottbäcker.

Mit der Aussaat der Zwischenfrucht im August auf den frei werdenden Flächen werden die ersten Vorbereitungen für das nächste Anbaujahr getroffen. Das ist wichtig, damit die Nährstoffe durch den Regen nichts aus dem Boden ausgewaschen werden und auch gut für die Bodenstruktur. Kartoffeln sollen im optimalen Fall erst wieder nach fünf Jahren auf der gleichen Fläche angebaut werden, drei Jahren seien das mindeste, sagt Pottbäcker. Die Fruchtfolgen einzuhalten sei wichtig, um die Qualitätskriterien, die immer höher würden, zu erfüllen, sagt auch Hellmanns von der Kreisbauernschaft Geldern. Umso mehr wünscht er sich Wertschätzung für die Arbeit seiner Kollegen, zum Beispiel durch den bewussten Genuss einer Salzkartoffel vom Niederrhein.