Kleve: Singgemeinde: Bach begeistert

Kleve : Singgemeinde: Bach begeistert

Johann Sebastian Bach wurde zu Lebzeiten immer wieder vorgeworfen, seine Musik sei zu wenig sakral, zu dramatisch, geradezu "opernhaft". Er war jedoch kein musikalischer Dogmatiker – wohl aber tief gläubiger Christ, der Gott mit Hilfe seiner Kunst erfassen wollte. Mit einer hervorragenden Aufführung der Johannespassion gelang Stefan Burs, Leiter der Städtischen Singgemeinde Kleve, am Sonntag in der Christus-König Kirche genau das: im Gesamtklang Bilder zu erzeugen, die das Leiden Jesu durch die Ohren geradewegs vor Augen und ins Herz führten.

Konzentration war dabei gefordert für das mehr als zweistündige Hören ohne Unterbrechung. Mit klarer Zeichengebung und in modernem Tempo präsentierte Burs die Städtische Singgemeinde schon im Eingangschor "Herr, unser Herrscher" als stimmlich bewegliche und bewegende Menge. Die Menschen, die Jesus vor 2000 Jahren am Kreuz sehen wollten, waren eine aufgehetzte Masse Sensationslustiger. In den Turbae-Chören der aufgeregten Kriegsknechte und Juden kamen so starke Momente zum Ausdruck, wenn der Chor "Weg weg!" forderte, "Sei gegrüßt, lieber Judenkönig" spottete oder verunsichert "Wohin?" fragte. Der abgerundete, gleichwohl nicht konturenlose Klang erzeugte auch die geforderte Andacht in den Chorälen, ließ Funken verinnerlichter Hoffnung spüren und blieb auch bei polyphonen Läufen transparent.

Zentrale Figur ist der Evangelist, der als Erzähler in der Person des Tenors Lothar Blum die Handlung vorantrieb. Makellos leicht geführt und präsent deutete er die Gefühlsnuancen – mal geradlinig, mal theatralisch. Bassist Rolf A. Schneider zeigte als Sänger der Jesus-Worte raumfüllende Vehemenz und wohltuend grundierte Tiefe. Stimmkollege Raimund Fischer übernahm die Rolle des Pilatus sowie die Bass-Arien in überzeugend sonorem Ausdruck und prägnanter Formulierungskraft.

Selten erlebt man die Auseinandersetzung zwischen Pilatus und der Masse so realistisch. Die junge Sopranistin Anna Lucia Richter beeindruckte in den Arien "Ich folge dir gleichfalls" und "Zerfließe, mein Herze" mit schönem Timbre und klar artikulierter, unpathetisch emotionaler Stimmführung. Altistin Christine Wehler gab, von der Violine begleitet, der Arie "Es ist vollbracht" tiefen Ausdruck. Das Sinfonieorchester an Matthäi Düsseldorf erwies sich dabei im Tutti als engagierter Begleiter, in den solistischen Partien als konzertant gleichwertiger Mitstreiter. Langanhaltende, gebannte Stille nach dem Schlussakkord zeugte von der Ergriffenheit des Publikums, bis man sich Momente später erst wagte zu applaudieren. Stehende Ovatione.

(RP)
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