Kleve "Schul-Lotterie" droht weiterhin

Kleve · Die Verteilung der Plätze an den weiterführenden Schulen in der Stadt Kleve ist nicht abschließend geklärt. Der Lehrerverband erhebt schwere Vorwürfe gegen die Klever Schulpolitik: Kinder seien Manövriermasse.

Welchen Weg ihr Kind nach der Grundschule einschlägt, ist für Eltern von Bedeutung. Vielleicht die schwierigste Entscheidung, die es nach zehn Jahren zu treffen gilt. Überdeutlich wurde dies in Kleve. Widerstand formierte sich, als klar wurde, dass Plätze an weiterführenden Schulen verlost werden. Der Protest wurde von Politik und Verwaltung unterschätzt.

Die Probleme sind hausgemacht. So sehen es nicht nur zahlreiche Eltern, sondern auch der Lehrerverband "lehrer nrw". Der Zusammenschluss setzt sich für Pädagogen aller Schulformen ein, die in der Sekundarstufe I unterrichten. Kritisiert wird die Schulpolitik, weil sich diese nicht am Elternwillen orientiere.

Ein Vorwurf des Verbandes lautet: In Kleve hätten Rat und Verwaltung eins zu eins umsetzen wollen, was die rot-grüne Landesregierung seit Jahren propagiere und praktiziere. Schulen des längeren gemeinsamen Lernens würden protegiert und Schulen des gegliederten Systems geschwächt. "Hier sollten Kinder als Manövriermasse für eine ideologisch motivierte Schulpolitik missbraucht werden", sagt die "lehrer nrw"-Vorsitzende Brigitte Balbach. Mit Manövriermasse meint Balbach, dass die Schulen mit vielen Anmeldungen möglichst wenig aufnehmen dürfen, damit andere davon profitieren.

Jetzt hat sich die Situation bei der Verteilung der Viertklässler entspannt - mehr aber auch nicht. Die Karl-Kisters-Realschule bekommt eine vierte Eingangsklasse, wie es Bürgermeisterin Sonja Northing versprochen hat. Eines der beiden Gymnasien soll nach Aussage der Politik ebenfalls einen zusätzlichen Zug erhalten. Doch ist das Thema "Tombola" noch nicht beendet. Beim Konrad-Adenauer-Gymnasium oder dem Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gibt es nach aktuellem Stand immer noch Schüler, die abgewiesen werden müssen.

Bei der Sekundarschule ist die Situation anders. Hier fehlen noch Anmeldungen. Nach Auskunft der Stadtverwaltung (Stand Dienstag) müssen sich noch weitere sieben Viertklässler für die Schule entscheiden, damit die Umwandlung in die Gesamtschule vollzogen werden kann. Die Bezirksregierung lässt keine Ausnahmen zu: 100 Schüler müssen bei einer Neugründung oder Umwandlung her, sonst bleibt alles, wie es ist. Lediglich acht Kinder haben sich noch an keiner Schule angemeldet.

Nun ist die Situation in Kleve, was Absagen oder Auslosung betrifft, offenbar paradiesisch. Nach Angaben der Bezirksregierung ist es in anderen Regionen dramatischer. Wenn irgendwo in Köln 50 Schüler an einer Schule abgewiesen werden müssen, so war dies ein entspanntes Anmeldeverfahren. Nur gehen die dann einmal um die Ecke, wo dieselbe Schulform angeboten wird.

Den Realschülern ist mit dem vierten Zug geholfen. Von den Gymnasien soll das KAG bei 100 Anmeldungen den vierten Zug erhalten. Hier werden sieben Schüler mit Förderbedarf unterrichtet. Das "Stein" müsste bei 103 Anmeldungen mindestens 16 Schüler per Los abweisen, wenn es bei der Klassenhöchstgrenze von 29 Kindern bleibt. Aber alle abgewiesenen Schüler kommen am KAG nicht unter.

Maximal 25 Kinder sind in der Klasse am Adenauer-Gymnasium zugelassen, in der auch die sieben Inklusionsschüler unterrichtet werden. Dabei gilt es als pädagogisch sinnvoller, wenn die Klassengröße reduziert würde. Für den Montessori-Zweig haben sich 50 Kinder entschieden, die sich auf zwei Klassen verteilen. Die übrigen 25 Schüler werden klassisch unterrichtet und passen nicht in das Montessori-Profil. Nicht berücksichtigt sind in der Rechnung Kinder, die das Klassenziel verfehlen und einen Platz in der Eingangsklasse benötigen. Quereinsteiger sind auch noch außen vor. Die Stufe wäre ebenso bis zum Anschlag voll - wie das "Stein" auch.

Bei einigen schulpolitischen Entscheidungen in Kleve hatten am Ende Worte wie "wenn" oder "hätten" Hochkonjunktur. Wenn man eine zweite Gesamtschule einrichtet, so fragte FDP-Chef Daniel Rütter bereits damals, woher sollen denn die Schüler für fünf Oberstufen kommen? Neben KAG, "Stein" und zwei Gesamtschulen gilt es zudem noch das Berufskolleg zu füllen. Es zeichnet sich zumindest ab, dass es schwierig wird, eine zusätzliche Oberstufe zu etablieren.

Die beiden Gymnasien stehen hoch im Kurs, wie die Anmeldezahlen belegen. Die Voraussetzungen für die Bildung von vier Züge an beiden Schulen wären gegeben. Am "Stein" können bei 103 Anmeldungen ausreichende Klassengrößen mit 26 Schülern eingerichtet werden, die zudem noch etwas Luft ließen. Das KAG kann ebenfalls wie dargelegt problemlos vier Eingangsklassen bilden.

In Kleve kann nahezu allen Kindern ein Platz an der von ihnen gewünschten, weiterführenden Schule gegeben werden. Wenn die Chance besteht, sollte sie auch ergriffen werden. Deshalb spricht nahezu alles dafür, vier Züge an jedem Gymnasium einzurichten.

(jan)