Polizei erklärt Radmutter-Serie zur Chefsache

Kleve : Kriminelle lösen Radmuttern von Autos

Es häufen sich nicht nur die Fälle von gelösten Radmuttern, sie ziehen auch immer weitere Kreise. Die Polizei hat die Serie nun zur Chefsache erklärt. Verstärkte Kontrollen in Wohngebieten.

Die Kreispolizei Wesel hat die Serie von gelösten Rädern an Autos zur Chefsache erklärt. „Es ist ein brisantes Thema“, sagt ihr Pressesprecher Daniel Freitag. Mehrere Sachbearbeiter werden sich bei den Ermittlungen damit beschäftigen. Außerdem wird die Polizei vor allem in den Wohngebieten verstärkt Streife fahren.

In den vergangenen Monaten hat die Zahl der bekannt gewordenen Fälle, in denen Kriminelle Radmuttern lockerte, deutlich zugenommen. Inzwischen sind bei der Kreispolizei Wesel für Xanten, Alpen und Sonsbeck seit letztem Oktober elf Meldungen aktenkundig, bei der Kreispolizei Kleve sind es seit Dezember ebenso viele. Und gerade erst gab es wieder einen Fall in Kervenheim. Nachdem dort, wie berichtet, vor zwei Wochen alle Radmuttern an einem VW Bus gelöst worden waren, entdeckte jetzt ein Autofahrer, dass an seinem Volvo V 70 eine Radmutter gelöst war. „Ihm ist das glücklicherweise aufgefallen, bevor er losgefahren ist“, berichtet Michael Ermers von der Kreispolizei Kleve. Der Wagen stand am 31. August und 1. September an der Schloßstraße. Dass nur eine Mutter gelöst war, könnte darauf hindeuten, dass der Täter gestört wurde.

Die Polizei arbeitet bei dem Thema über die Kreisgrenzen hinweg eng zusammen. Geprüft wird insbesondere, ob die Taten zusammenhängen. Darauf deutet vor allem die Tatsache hin, dass die Fälle alle im Umkreis Issum, Alpen, Kervenheim, Sonsbeck liegen. Also ziemlich nah beieinander.

Dazu passt auch, dass die Täter Ende vergangener Woche wieder in Alpen zuschlugen. Elly Brandler hatte vergangene Woche Anzeige erstattet, nachdem ihr Mann eine Unwucht beim Fahren festgestellt und nachgesehen hatte. „Es muss Donnerstag auf Freitag von 16 bis 16 Uhr passiert sein“, berichtet sie. Der Chevrolet Caprice habe auf dem Grundstück gestanden, gelockert wurden die Radmuttern hinten links. „Kriminell“, schüttelt sie den Kopf. „Im Freundeskreis wird darüber gesprochen. Man muss aufpassen.“

Bislang ist nur ein Unfall in Zusammenhang mit dieser Serie bekannt. Er ereignete sich in einer Baustelle zwischen der Weseler Rheinbrücke und Xanten. Dort war der Fahrer zum Glück wegen der Arbeiten langsam gefahren, als sich ein Rad löste und unter dem Kotflügel verkeilte. Es entstand ein Sachschaden in vierstelliger Höhe. In einem anderen Fall hat ein Lüttinger auf der A 43 das Fahrzeug noch rechtzeitig auf den Standstreifen gelenkt.

Die Polizei wird verstärkt in den Wohngebieten und vor allem nachts Streife fahren. Ebenso sind Zivilstreifen unterwegs. „Es kann auch vorkommen, dass wir Menschen kontrollieren und unter die Lupe nehmen“, erläutert Pressesprecher Freitag.

Die Kriminalprävention hat für Autofahrer einige Tipps zusammengestellt. Ganz oben steht die Kontrolle vor Antritt einer Fahrt, den festen Sitz der Radmuttern mit der Hand zu prüfen. Zudem rät die Polizei dazu, abschließbare Radmuttern zu verwenden. Fahrzeuge sollten möglichst in der Garage gefahren werden oder auf einem Parkplatz, der beleuchtet ist.

Für das Lösen ist heute nicht mehr ein Radkreuz erforderlich, Radmuttern lassen sich oft in kurzer Zeit schon mit einem kleinen Werkzeug lockern. Das heimliche Lockern erfüllt den Straftatbestand eines schweren Eingriffs in den Straßenverkehr, der mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden kann. Es muss nicht erst ein Schaden entstehen. Schon das mutwillige Lösen wird hart bestraft. Bereits bei geringeren Geschwindigkeiten geht von lockeren Rädern eine hohe Gefahr aus. Das gilt sowohl für den Fahrer und weitere Insassen als auch andere Verkehrsteilnehmer. Wenn sich die Radmuttern lösen, kann das Auto ins Schleudern geraten, die Lenkfähigkeit ist eingeschränkt, und dem Fahrer droht der Kontrollverlust. Andere Verkehrsteilnehmer können durch einen wegfliegenden Reifen schwer verletzt werden.

Die Polizei bittet alle, die verdächtige Personen bemerken, die Rufnummer 110 anzurufen, „damit wir uns diese mal genauer ansehen“, so Freitag. Die Leitstelle hat den besten Überblick, welches Fahrzeug in der Nähe ist. „Da wir auch Zivilfahnder in den Tatortgemeinden eingesetzt haben, ist das der schnellste und effizienteste Weg, um uns schnell vor Ort zu haben.“ Außerdem sollten sich Autofahrer, die Ähnliches erlebt haben, melden. Denn Kriminalhauptkommissar Freitag geht davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt, als bisher bekannt war.

Grundsätzlich empfiehlt der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC), nach einem Reifenwechsel in der Werkstatt sicherheitshalber nachzufragen, ob die Radmuttern mit einem Drehmomentschlüssel festgezogen worden sind. Obwohl eine Kontrolle dort bei korrektem Vorgehen in der Regel nicht notwendig sei, sollte man später zur Sicherheit die Schrauben nach 50 bis 100 Kilometer nachziehen, rät der Automobilclub.

„Fängt das Fahrzeug nach einem Reifenwechsel an zu schlingern oder treten während der Fahrt ungewöhnliche Geräusche auf, könnten die Radmuttern nicht vernünftig angezogen sein. In diesem Fall sollte man sofort stehen bleiben und zum Beispiel den ADAC oder eine Werkstatt anrufen“, erklärt Thomas Müther, Leiter Kommunikation Nordrhein.

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