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Pianistin Maria Razumovskaya schreibt Buch zu Neuhaus

Porträt : Pianistin schreibt Buch zu Neuhaus

Maria Razumovskaya will zum Klavierkommer nach Kleve kommen.

In der Hoffnung, dass der Klevische Klaviersommer und Musiksommer Campus Cleve wie geplant stattfinden können, lohnt sich die Vorfreude auf einen besonderen Gast: Maria Razumovskaya wird dann nach Kleve kommen. Sie eröffnet zum einen die Klaviersommerkonzerte, zum anderen wird sie Vorträge halten. Denn Maria Razumovskaya ist Expertin rund um Heinrich Neuhaus, den legendären Pianisten-Pädagogen, der als einer der führenden Gestalter der russischen Klaviertradition gilt und dessen Wurzeln in Kalkar liegen. Für Razumovskaya ist es eine besondere Gelegenheit, Neuhaus‘ Heimat kennenzulernen und ihre Erkenntnisse vorzustellen.

Razumovskaya ist Pianistin, die als „virtuose Geschichtenerzählerin am Klavier“ beschrieben wird; sie schloss ihr Studium an der Royal Academy of Music in London mit Auszeichnung ab und ist heute selbst Professorin an der Guildhall School of Music and Drama in London. Ihre CD-Aufnahmen spielt sie ganz im Geiste Neuhaus’ ein: klar, einfühlsam, in Technik und Ausdruckskraft präzise und auf höchstem Niveau. 2017 forschte Razumovskaya für die Veröffentlichung einer Monographie und benötigte Unterstützung, um ins Archiv in Moskau zu gelangen, wo bislang ungesichtetes Material über Neuhaus offengelegt werden könnte – so nahm sie Kontakt nach Kalkar auf.

Das Vorhaben, die Unterlagen mit Kalkarer Unterstützung einsehen zu dürfen, gelang, und so veröffentlichte Boydell & Brewer 2018 „Heinrich Neuhaus. A Life Beyond Music“ – ein brillant detailliertes Werk und einen Blick wert für alle, die sich für sowjetische Kultur und Musik des 20. Jahrhunderts interessieren. Es ist die erste kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und der unverwechselbaren künstlerischen Vision von Heinrich Neuhaus. Razumovskaya untersucht, was in Neuhaus‘ Unterricht vor sich ging, versucht dabei auch, die Umstände zu verstehen, die seine einzigartige Sicht- und Herangehensweise untermauerten, z. B. die prägenden Studienjahre in Europa neben Karol Szymanowski (seinem Cousin) und dem bekannten Pianisten Artur Rubinstein, die Turbulenzen während des russischen Bürgerkriegs, Neuhaus‘ kometenhafter Aufstieg zum Ruhm in Moskau und seine lebenslange Freundschaft mit dem Dichter Boris Pasternak. Razumovskayas Schrift stützt sich auf jene bisher nicht gesichteten Dokumente über Neuhaus‘ Inhaftierung in der berüchtigten Lubjanka nach seiner Kritik am Sowjetregime; indem das Buch enthüllt, wie diese Einflüsse dazu beigetragen haben, Neuhaus‘ klare Vision der Subjektivität eines Interpreten zu formen – was er als „Autopsychographie“ eines Künstlers bezeichnete –, betont es wichtige ästhetische Prinzipien und Praktiken, die von jenen Künstlern übernommen wurden, die der Banalität und den Einschränkungen des Sozialismus entkommen wollten.

Nach momentaner Planung konzertiert Maria Razumovskaya am 19. Juli im Forstgarten Kleve und hält Vorträge auf der Wasserburg Rindern und im Rathaus Kalkar.