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Pfarrer Theo Kröll über Transparenz in der Kirche

Pfarrei Heiliger Johannes der Täufer : „Wo Dunkel ist, ist auch viel Licht“

Nach der Suspendierung des Leitenden Pfarrers spricht Pfarrverwalter Theo Kröll im großen RP-Interview über Vertrauen, Schutz von Jugendlichen und Zusammenhalt in der Gemeinde.

Herr Kröll, wie fühlen Sie sich?

Pfarrer Theo Kröll Gut. Wirklich ganz gut soweit.

Es liegen aber doch sehr turbulente Wochen hinter Ihnen.

Kröll Das stimmt. Und die ereignisreiche Zeit ist auch noch nicht vorbei. Wir versuchen, die Wunden, die da sind, zu heilen. Erste Hilfe zu leisten. Das gelingt uns auch, denn der Zusammenhalt in der Gemeinde ist groß.

Sie waren es, der den Fall öffentlich gemacht hat. Sie haben das Bistum Münster über den Vorfall in Bedburg-Hau unterrichtet. Wie ist es dazu gekommen?

Kröll Der Schutz von Kindern und Jugendlichen hat für mich oberste Priorität. Es war meine Pflicht, ansonsten hätte ich mich mitschuldig gemacht.

Sonntag vor drei Wochen hat ein 19-Jähriger das Gespräch mit Ihnen gesucht. Wie war das für Sie?

Kröll Ich war erst einmal schockiert und auch sehr überrascht. Denn es gab keine Anzeichen. Im Gegenteil, gegenüber uns Mitarbeitern war er immer sehr höflich und respektvoll. Zudem wussten wir von den Vorfällen in den beiden anderen Gemeinden nichts. Umso mehr tut es mir jetzt für unsere Jugendlichen leid. Dass sie das alles erleben mussten.

Was meinen Sie genau damit?

Kröll Ich habe unter anderem Einsicht in den Nachrichtenverlauf gehabt. Dabei ist mir klar geworden, dass es sich nicht um eine seelische Notlage des Pfarrers handelt, sondern um eine Masche. Um ein System, das im Sinne der Seelsorge nichts mit Begleitung und Unterstützung eines Menschen zu tun hat. Dieser Junge hat, um es mit deutlichen Worten zu sagen, Mist erlebt.

Seit wann?

Kröll Nach den Sommerferien fing es an. Ich wollte alles dafür tun, um ihn endlich unter Schutz zu stellen.

Was haben Sie genau getan?

Kröll Ich habe am nächsten Tag unsere Pastoralreferentin informiert und mit ihr das weitere Vorgehen besprochen. Am Dienstag, 4. Dezember, haben wir das Bistum kontaktiert. Noch am Nachmittag wusste Weihbischof Rolf Lohmann Bescheid. Wegen einer anstehenden Firmung wurde gemeinsam beschlossen, drei Tage lang zu warten. Am Freitag wurde der ehemalige Leitende Pfarrer nach Münster eingeladen, am darauffolgenden Montag wurde er suspendiert. Abends haben Weihbischof Rolf Lohmann, Generalvikar Klaus Winterkamp und Personaldezernent Karl Render den Pfarreirat informiert. Vergangenen Sonntag habe ich zusammen mit dem Vorstand der Messdiener zu einem Gespräch in die St.-Antonius-Kirche Hau eingeladen und erzählt, was passiert ist.

Für diese Offenheit und Transparenz erfahren Sie in diesen Tagen viel Lob und Anerkennung.

Kröll Das sind wir den drei Jugendlichen schuldig. Sie sind zwar stabil und selbstbewusst, aber es gehört jetzt zu unseren Aufgaben, uns um sie kümmern. Wir stehen im täglichen Kontakt, Weihbischof Lohmann hat zwei der drei Familien besucht. Wir versuchen, so transparent wie möglich mit den Vorfällen umzugehen, ohne gegen die rechtlichen Vorgaben zu verstoßen.

Es liegen mittlerweile zwei Strafanzeigen von Betroffenen vor, wie sind Sie dem dritten Fall auf die Spur gekommen?

Kröll Ich habe mir das Umfeld des Pfarrers angeschaut und den jungen Mann gezielt angesprochen.

Nach Materborn ist Bedburg-Hau nun schon der zweite Fall in unserer Region. Wie kann die Kirche das Vertrauen der Gläubigen zurückgewinnen?

Kröll Das geht nur mit viel Transparenz und schnellem Handeln. Allen war klar, wir wollen es anders als Materborn machen. Hier wird nichts vertuscht. Im Gegenteil: Hier hat eine Person einen Fehler gemacht und für diesen wird er sich auch, wie auch immer, verantworten müssen. Was bleibt, ist das Team, die Gemeinschaft. Wo Dunkel ist, ist auch viel Licht. Das ist unser Zusammenhalt.

Mit welchen Fragen kommt die Gemeinde nun auf Sie zu? Ich kann Ihnen sagen, ich kenne viele Menschen aus Bedburg-Hau, die enttäuscht darüber sind, dass ein Pfarrer, der zuvor wissentlich auffällig war, einfach weitergeschickt wurde.

Kröll Ich kann diese Enttäuschung sehr gut nachvollziehen. Gleichwohl galt er als unbedenklich. Darauf hat sich das Bistum verlassen. Dass das nicht der Fall war, hat sich nun gezeigt.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Kröll Nein, und das möchte ich auch nicht. Er wird irgendwann seine Wohnung im Pfarrheim räumen. Damit ist das Kapitel beendet.

Wo befindet er sich denn?

Kröll Das ist eine der vielen Fragen, die auch die Menschen hier in Bedburg-Hau beschäftigt. Ich kann Ihnen versichern: Er ist derzeit in einem Kloster, weit weg, und er wird auch nicht mehr wiederkommen. Wie es mit ihm persönlich weitergeht, kann ich nicht sagen. Das ist Sache der Staatsanwaltschaft und des Bistums.

Wie schaut ihr Tagesablauf jetzt aus?

Kröll Eigentlich läuft alles wie bisher. Ich bin in den Schulen und Kindergärten und halte Gottesdienste. Es kommt nur mehr Verwaltungsarbeit auf mich zu.

Es steht Weihnachten vor der Tür. Hat die Entpflichtung des Leitenden Pfarrers Auswirkungen auf die Feiertage?

Kröll Nein, alles bleibt wie geplant. Alle Gottesdienste finden statt. Wir bekommen Unterstützung. Jan Loffeld, ein gebürtiger Hasselter, springt mit ein.

Wird die Suspendierung Thema in den Weihnachtsmessen sein?

Kröll Wenn, dann nur noch am Rande. Wir wollen nach vorne schauen, wir freuen uns auf Weihnachten, auf Christus. Daraus ziehen wir die Kraft für die kommenden Wochen. Kirche ist mehr als ein Einzelner.

Es wird gemunkelt, dass es keinen neuen Pfarrer für Bedburg-Hau mehr geben wird?

Kröll Der Pastoralplan des Bistums sieht für Bedburg-Hau drei Stellen vor. Einen weltlichen Priester, das ist John-Paul Samala, eine Pastoralreferentin, Birgitte Peerenboom, und einen Diözesanpriester. Das bin ich.

Drei hauptamtliche Mitarbeiter für sieben Kirchen in Bedburg-Hau – ist das genug?

Kröll Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben Priestermangel, bei den Pastoralreferenten sieht es nicht besser aus. Es liegt an uns, das Beste daraus zu machen. Wir werden im nächsten Jahr neue Strukturen schaffen müssen, nicht bei den Sonntagsgottesdiensten, aber im Tagesablauf. Und irgendwann wird sich auch das Bistum entscheiden, wer die Leitung der Pfarrei übernehmen wird. Fest steht, Bedburg-Hau hat 8400 Katholiken, davon sind 700 bis 800 aktiv. Das ist eine starke Gemeinschaft, mit der man gut arbeiten kann.

Unabhängig von den Vorfällen erarbeiten Sie derzeit einen Verhaltenskodex. Was muss ich mir darunter vorstellen?

Kröll Das ist richtig. Neben Präventionsschulungen erarbeiten wir seit September ein Schutzkonzept. Darin geht es um den richtigen Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Bis Mai wollen wir damit fertig sein. Angewandt haben wir es allerdings jetzt schon.