Pfarrer aus Bedburg-Hau: „Wir haben von alledem nichts gewusst“

Unangemessene SMS von Pfarrer aus Bedburg-Hau : „Wir haben von alledem nichts gewusst“

Im Fall des wegen unangemessener SMS-Nachrichten entpflichteten Pfarrers aus Bedburg-Hau hat das Bistum Münster über ähnliche Vorfälle an früheren Stationen berichtet. Am Niederrhein sitzt der Schock tief.

Das Bistum Münster wird in diesen Tagen die Strafanzeige gegen den Pfarrer der Gemeinde Heiliger Johannes der Täufer in Bedburg-Hau erweitern. Der Priester war am 10. Dezember mit sofortiger Wirkung bis auf Weiteres vom priesterlichen Dienst freigestellt worden. Das Bistum hatte Strafanzeige bei der Oberstaatsanwaltschaft in Münster erstattet. Denn zwischenzeitlich war dem Bistum bekannt geworden, dass auch ein Minderjähriger angibt, Betroffener des Verhaltens des Priesters geworden zu sein. Wie berichtet, soll es um unangemessene SMS-Nachrichten gehen, die der Mann an einen Fast-Volljährigen und zwei 19-Jährige geschickt haben soll.

Neu ist, dass das Bistum mitteilt, dass der Priester schon an früheren Stationen auffällig geworden worden sei. 2006 habe er sich als Pfarrer in Ottmarsbocholt (Senden) einem Erwachsenen sexuell genähert. Er musste sich daraufhin einer psychologischen Beratung unterziehen. Während seiner Zeit in Kevelaer sei es 2011 zu zwei weiteren für einen Priester unangemessenen Kontakten gekommen. Es ging um den Austausch elektronischer Nachrichten sexuellen Inhalts mit zwei erwachsenen Männern. Der Priester habe daraufhin eine längere Therapie gemacht. Experten, so das Bistum Münster, seien zu der Einschätzung gekommen, dass „ein weiterer Einsatz kein erhöhtes Rückfallrisiko bedeutet“. Der Pastor war 2016 von Kevelaer nach Bedburg-Hau gewechselt. Es habe sich um eine übliche Versetzung gehandelt. In Kevelaer war er Mitglied des Seelsorgeteams.

In Bedburg-Hau sitzt der Schock tief. „Wir haben von alledem nichts gewusst“, sagt Theo Kröll. Der Seelsorger arbeitet seit neun Jahren in der Gemeinde, von Münsters Bischof Felix Genn wurde er nun zum Pfarrverwalter der Pfarrei Heiliger Johannes der Täufer bestellt. Kröll war es auch, der die Vorfälle öffentlich gemacht hat. So habe sich der 19-Jährige am Sonntag vor zwei Wochen bei ihm gemeldet. Tags drauf sei der Pastoralrat zusammengekommen, am Dienstag der Beauftragte für Missbrauchsvorwürfe kontaktiert worden. Die Chronologie der Ereignisse stellte Kröll am vergangenen Sonntag der Gemeinde davor. 200 Gläubige applaudierten ihm für die Offenheit und Transparenz.

Der mittlerweile entpflichtete Pfarrer hingegen eckte in Bedburg-Hau oft an. Wie auch schon in Ottmarsbocholt polarisierte er mit seiner extrem konservativen Art. „Irgendwann ist auch mal gut“, sagte ein Mitglied des Pfarreirates zu Predigten auf Latein und Weihrauchzeremonien. Wegen seiner Person sollen sich im November auch Teile des Kirchenvorstandes nicht mehr aufgestellt haben.

Das Bistum räumte jetzt ein, dass es im Nachhinein ein Fehler gewesen sei, dem Priester eine leitende Aufgabe in der Seelsorge gegeben zu haben. „Aus diesen Erfahrungen werden wir für die zukünftige Einsatzpraxis die notwendigen Konsequenzen ziehen“, so Karl Render, Personaldezernent des Bistums. Kröll ist von der Deutlichkeit des Bistums mehr als erstaunt. „Da ich jedoch die Informationslegende nicht gekannt habe, möchte ich mich zum Handeln des Bistums in der Vergangenheit nicht äußern.“ Gleichwohl lobt er das jetzige Vorgehen. „Wir stehen im täglichen Kontakt, die Begleitung ist sehr gut. Wir bekommen sehr gute Unterstützung vom Bistum.“

Der Fall des Pfarrers von Bedburg-Hau zeigt aber auch, dass das Bistum offenbar die Lage nicht angemessen einzuschätzen wusste und man sich erst einmal mit den psychologischen Beratungen, denen sich der Priester auf Anordnung des Bistums unterziehen musste, zufrieden und beruhigt gab. Über Umfang, Dauer und Art der Therapie wollte das Bistum gestern keine Auskunft geben, da dies der Schweigepflicht unterliege.

Die Therapie stellte aber keine Lösung da, was nicht erst mit den erneuten sexuellen Annäherungen des Geistlichen an zwei erwachsenen Männern sichtbar wurde. Denn „ob eine Therapie gemacht worden ist oder nicht, sagt noch überhaupt nichts über das Risiko aus“, sagt Manfred Lütz. Der 64-jährige Kölner Psychiater und Theologe ist vielfach für die katholische Kirche in Deutschland und den Vatikan tätig.

Nach seinen Worten bedarf es – auch nach den kürzlich verabschiedeten Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz – „in jedem einzelnen Fall eines kompetenten forensischen Gutachtens“. Nur so ließe sich wissenschaftlich seriös beurteilen, ob jemand zum Beispiel noch in der Krankenhausseelsorge eingesetzt werden könne oder nicht. Generell plädiert Lütz für eine stärkere Einbeziehung wissenschaftlicher Kompetenz. Darum müsse man die Präventionsmaßnahmen der Bistümer – die zum Teil immer noch sehr unterschiedlich sind – auf ihre Professionalität und Effizienz untersuchen. „Am Ende müssten dann Standards erarbeitet werden; und zwar von Wissenschaftlern.“ Aber auch das gibt Manfred Lütz in der aktuellen Debatte zu bedenken: „Dass die katholische Kirche in der Prävention vergleichsweise viel unternimmt – ganz im Gegensatz zum Beispiel zum Deutschen Olympischen Sportbund, wo Fachleute die meisten Missbrauchsfälle vermuten.“

Bei der Staatsanwaltschaft Kleve liegen bislang zwei Strafanzeigen vor. Eine haben die Eltern eines 19-Jährigen gestellt. Darin gehe es um den Vorwurf der Beleidigung. Am Dienstag ging eine weitere Anzeige bei der Polizei ein. Die Art der Kontakte, die der Geistliche im Rahmen der Ausübung seines priesterlichen Amtes unterhalte, seien strafbar, so der Vorwurf in der Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Münster wird zudem zwei Anzeigen des Bistums zuständigkeitsweise nach Kleve weiterleiten. „Wir werden alle Anzeigen genau auf ihre strafrechtliche Relevanz prüfen. Wir wollen erst ein umfassendes Bild haben“, sagt Günter Neifer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kleve. Hier stehe man auch in der Verantwortung für den Beschuldigten. Noch sei man in der Prüfung, ob eine strafrechtliche Relevanz für weitere Ermittlungen vorliegen.

Weihbischof Rolf Lohmann kennt den Pastor gut aus seiner Zeit in Kevelaer. Es sei wichtig, dass alles auf den Tisch komme. „Es ist allen daran gelegen, dass es zu einer klaren Aufbereitung der Sache kommt“, sagt Lohmann, doch dafür müssten die korrekten Wege und Schritte eingehalten werden.

Aus der Gemeinde in Kevelaer heißt es, der Geistliche sei konservativ gewesen. Er wird als belesen und durchaus amüsant beschrieben. Kevelaers Bürgermeister Dominik Pichler sagt, er habe ein gutes Verhältnis zu dem Geistlichen gehabt. Dieser taufte sogar eines seiner Kinder, zwei weitere kamen zu ihm in den Kommunionunterricht. Der Pastor habe sich immer freundlich und korrekt verhalten.

„Ich finde die Entwicklung sehr schade, weil ich ihn als Mensch und Priester sehr geschätzt habe“, sagt Pichler.

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