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Obdachlose machen sich wenig Gedanken über Corona-Krise.

Bedürftige in der Krise : Corona scheint weit weg

Die Corona-Krise ist allgegenwärtig. Die Gefahren einer weiter fortschreitenden Pandemie sind seit Wochen das beherrschende Thema. Allein die Menschen, die auf der Straße leben oder bedürftig sind, interessiert es kaum.

Fethi ist Geschäftsmann. Der 45-Jährige führt in Kleve einen traditionsreichen Laden. Den Johanna-Sebus-Kiosk am Mittelweg. Seit Jahrzehnten werden aus der Bude heraus Süßigkeiten aber vor allem auch Spirituosen verkauft. „Es sind die schlechtesten Zeiten, die ich hier erlebe“, sagt er. Der Umsatz sei in den vergangenen Wochen um 50 Prozent eingebrochen.

Fethi sorgte angesichts der Krise für Schutzmaßnahmen. Mit rot-weißem Klebeband hat er den vorgeschriebenen Abstand auf die Pflasterung markiert. Auch wer hier einkaufen will, muss hinter den Linien warten. Seit der Ausbreitung des Virus bleiben die Kunden jedoch aus, die sich mit Bier und Hochprozentigem vor die Bude stellten und unterhielten. „Das Ordnungsamt und die Polizei fahren vorbei und sorgen dafür, dass hier nur keine Gruppe steht“, sagt der Kiosk-Besitzer. Das Thema Corona sei eins, so Fethi. Doch keins in der Kundschaft, deren Einkäufe hauptsächlich aus Flaschen bestehen. Auch wenn er weniger Geld verdient: „Die Leute wissen jetzt überhaupt nicht, wo sie hingehen sollen. An anderen Stellen sind sie bestimmt nicht besser aufgehoben.“ Die Krise ist auch am Kiosk angekommen. Fürs Geschäft und für die Menschen, die hier sonst ihre Tage verbringen.

Nach Ausbreitung des Coronavirus ist jetzt das eoc-Einkaufszentrum in der Oberstadt noch mehr zu einem Zentrum für Randgruppen geworden. „Die sind da am Samstag direkt mit zwei Krankenwagen und Polizei vorgefahren. Da sind jetzt hauptsächlich Polen“, erzählt Jörg B. (53). Er sitzt in ausreichendem Abstand zu seinem Kumpel Sven K. (49) auf einer Bank auf dem Marktplatz an der Linde. Mit Corona habe man nicht viel zu tun. „Wir hören davon überall etwas. Doch das geht einem irgendwann auf die Nerven. Als ich einmal beim Arzt war, musste ich einen Mundschutz tragen. Und das war‘s“, sagt Sven K. Sonst ist das für ihn kein großes Problem. „Ich kenne auch keinen, der mit dem Virus infiziert ist“, sagt Jörg B. Er wisse auch nicht, wo er hin müsse, wenn er Fieber und Husten bekäme.

Während Jörg Pils aus der Flasche trinkt, hat Sven einen Liter Apfelsaft neben sich stehen. Eine Frau, die mit einem Rollator läuft, setzt sich eng neben Sven auf die Bank. Sie hat Bier in Plastikflaschen beim Netto-Markt gekauft und heißt Elsie (38). Bei dem Hinweis, dass sie den Abstand von zwei Metern nicht einhalte, winkt Sven ab. „Das ist doch meine Lebensgefährtin. Und wer es nicht glaubt, der muss mir erst einmal das Gegenteil beweisen“, sagt er. Das Trio hat schon von Leuten aus der Szene gehört, die 250 Euro zahlen sollten, weil sie anderen zu nah kamen. „Wie sollen wir an das Geld kommen?“, fragt Jörg. Das  Trio blickt daher möglichen Strafen gelassen entgegen. Große Gruppen von Obdachlosen und bedürftigen Menschen sind in Kleve derzeit kaum zu sehen. Die Behörden sorgen dafür, dass es keine Treffs mit mehreren Personen gibt.

Nur drei Tage hatte der Sozialtreffpunkt Klosterpforte geschlossen. Die Essensausgabe an der Klever Unterstadtkirche läuft lange wieder. Seit Jahren kümmert sich die Einrichtung um die Bedürftigen – auch zu Zeiten von Covid-19. Gerade in diesen Zeiten ist sie für viele Menschen der letzte Anker. Nicht allein wegen der Mahlzeiten kommen sie, aber auch deshalb. Dienstag gab es Wurst mit Kartoffeln und Rotkohl. Thomas (28) sitzt mit zwei Kumpel auf einer Holzbank vor dem Klever Rathaus und hat das Essen in einem Teller auf den Knien. Der Abstand untereinander beträgt etwa 50 Zentimeter. Vor einer Infektion mit dem Corona-Virus hat hier keiner Angst. Thomas erklärt: „Da habe ich schon ganz andere Sachen hinter mir. Entgiftung wegen Heroin und Koks.“ Reiner (40) hofft darauf, dass die Pandemie bald ein Ende hat. Das Sammeln von Pfandflaschen bringt kaum noch etwas: „Wer geht denn noch in die Stadt und wirft eine Flasche in den Mülleimer? Außerdem machen die Leute einen Bogen um einen, wenn man mal nach einem Euro fragt.“ Gut findet er hingegen: „Jetzt kann man umsonst mit dem Zug fahren. Da kontrolliert doch niemand.“ Domenico (36) hat zu Ende gegessen. Er hebt eine Flasche Bier hoch und sagt: „Hier, der Geheimtipp. Grafensteiner Export für knapp 30 Cent. Aber wichtiger ist, dass die Grenze offen bleibt. Die Preise sind ohnehin schon kaputt. Du kriegst den Stoff doch kaum noch“, sagt er. Für ihn steht die Corona-Krise auf Platz zwei. „Wichtiger ist, wie ich an das Zeug komme“, sagt der 36-Jährige und rutscht ein Stück auf Reiner zu. Berührungsängste hat man hier nicht.