Niederrhein: Wo ist der tiefste Punkt von Kleve?

Spurensuche am Niederrhein: Wo ist der tiefste Punkt in Kleve?

Wer sich am Niederrhein auf einen Stuhl stellt, kann bis nach Holland schauen. Oder? Unser Autor und unser Fotograf haben den tiefsten Punkt Kleves gesucht - und ihn auf einem Feld in der Düffel gefunden.

Mit einem leisen Knacken bricht das Eis, der Fotograf steht bis zu den Knöcheln im Wasser. "Scheiße." Aber da hilft kein Fluchen, die Socken sind nass. Er dreht sich um zu mir. "Jetzt bist du dran." Und deutet mit der Kamera auf den Wassergraben. "Sonst kommen wir nie zum Ziel."

Die Geschichte vom Tiefpunkt ist die von der Suche danach. Manchmal endet sie an einer Straße, die keinen Namen trägt. Manchmal führt sie über dünnes Eis. Und irgendwo liegt immer ein Haufen herum, in den man reinstiefelt. Aber auch die Geschichte vom Tiefpunkt beginnt wie jede andere: am Anfang.

Ich bin am Niederrhein groß geworden, halte die Fußgängerzone in Kleve für einen Berg und den Weg zur Schwanenburg für so schweißtreibend, dass man Für und Wider des Aufstiegs gut abwägen sollte. "Bei euch kann man sich auf einen Stuhl stellen und bis nach Holland schauen", hat mir mal jemand bei einem Besuch in der Düsseldorfer Altstadt gesagt. Na gut - es gibt ja Plätze bei uns, da braucht man nicht einmal einen Stuhl dafür. Aber schon klar, was das heißen sollte: du Flachländer. Du gemütlich-bis-zum-Horizont-Fahrradfahrer. Der Niederrhein ist eben da, wo selbst Zwerge lange Schatten werfen.

Wie das so im Laufe von Abenden geschehen kann - und dieser Abend war einer davon - hatte ich irgendwann die Nase voll. Ich nahm mir vor, den tiefsten Punkt zu suchen, den Kleve zu bieten hat. Einen Stuhl mitzunehmen - und zu versuchen, nach Holland zu schauen. Was manch anderer am nächsten Morgen als sinnfrei abgetan hätte, ließ mich nicht mehr los.

Wir sitzen im Auto, die Heizung voll aufgedreht, es ist lausig kalt an diesem Morgen. Im Kofferraum liegen zwei Paar Gummistiefel, die hat man als Journalist am Niederrhein immer dabei. Wer weiß, wo der nächste Termin hinführt - an meinen klebt noch der getrocknete Matsch vom letzten Haldern-Pop-Festival. Außerdem im Wagen: Ein verstaubter alter Holzstuhl, den wir noch auf dem Dachboden gefunden haben.

Die Sonne steht am Morgen noch so tief, dass wir blinzeln müssen. "Ach ist das schön hier", sagt der Fotograf und setzt sich seine Sonnenbrille auf. "Hier kommt man mal wirklich zur Ruhe." Ich schweige, wir fahren gerade an der Straße "Dingdung" vorbei. "In das Alter kommst du auch noch", sagt er.

  • Kleve : Kleve als touristisches Ziel

Die Stadt stellt einen Teil ihrer Daten kostenlos im Internet zur Verfügung. Open Data heißt das heute. Da kann man nachlesen, dass Paul der beliebteste Vorname bei Jungen ist, Schenkenschanz einen Anteil von 0,39 Prozent an der Gesamtfläche hat und die Grenze des Stadtgebiets zu den Niederlanden genau 11,53 Kilometer lang ist. Aber man findet auch ihn: den geografischen Tiefpunkt Kleves. Der besteht aus zwei Textzeilen einer Tabelle und klingt erstmal genauso einladend wie abweisend. Nördliche Breite: 51 Grad, 49 Minuten, 48 Sekunden. Östliche Länge: 6 Grad, 2 Minuten, 34.8 Sekunden. Ein Punkt, mitten in der Düffel, Kellener Altrhein und Flussmarschen. Ein Feld ohne Adresse oder Zufahrtsstraße. Wo es um diese Jahreszeit mehr Wildgänse als Menschen gibt - und wohl auch zu jeder anderen mehr Tiere als Anwohner. Also genau das richtige Ziel meiner Reise.

Nach "Dingdung" biegen wir in einen Weg ohne Namen. Und der endet nicht wie erwartet in einem Acker, sondern in der Mitte einer zugefrorenen Wiese. Die Gummistiefel bleiben also im Kofferraum. Nur noch ein paar Hundert Meter, sagt das Navigationsgerät. Dann sind wir am Tiefpunkt.

Uns trennt nur noch ein Wassergraben vom Ziel. Dünnes Eis, wir brechen ein. Die Kälte erfasst sofort meine Zehen. Warum waren die Gummistiefel nochmal im Wagen geblieben? Dann nur noch ein paar Schritte - der Tiefpunkt.

Holland kann man nicht sehen, als ich den Stuhl über die Schulter hebe. Dafür aber jede Menge Niederrhein. Einen strahlend blauen Himmel, über den schon so oft gesagt wurde, nirgends sei er so weit wie hier. Natürlich kompletter Unsinn, aber in diesem Moment glaube ich doch ein bisschen dran. Wie friedlich diese Landschaft daliegt, nur wir, einige Weiden, das Grün und das Blau. Und einige der Tausenden Wildgänse, die Jahr für Jahr wiederkommen. Die Landschaftsmaler des Barock hätten die Szene nicht schöner malen können - und sie haben es wirklich versucht.

Der Fotograf drückt ab. Wieder und wieder. Der Stuhl versinkt langsam im Boden.

Am Ende steht auch diese Erkenntnis: Wenn du glaubst, dass es nicht mehr tiefer geht, kommt noch ein ganzes Stück nach unten. In diesem Fall so weit, als würde man im Freibad vom Zehner springen: 10,5 Meter liegt Kleves tiefster Punkt, das Ziel meiner Reise, immer noch über dem Meeresspiegel. Dafür müssten ziemlich viele Niederländer hinaufblicken - ein Viertel von ihnen lebt unter null. Des einen Tiefpunkt, ist eben des anderen . . .

(RP)