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Nicht nur die Versorgung von Kindern überfordert in den Zeiten von Corona viele.

Corona-Folgen : Pflegende Angehörige stark belastet

Keine Frage, dass Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen in der Corona-Krise besonders gefordert ist. Aber auch pflegende Angehörige leisten mehr, als sie es eigentlich können, meint Ulrike te Raa aus Goch.

Ihre Geschichte ist gar nichts Besonderes und eben deshalb des Erzählens wert. Ulrike te Raa aus Goch, selbst 63 Jahre alt, hat betagte Eltern. Die Mutter ist 92, der Vater 88. Beide haben eine Pflegestufe und werden von den Töchtern versorgt. Vorwiegend von Mareike Tapperath, da sie wie die Eltern in Moers lebt, aber auch von ihrer Schwester Ulrike.

Als die Corona-Krise in Deutschland begann, war in der Familie gerade das Thema Seniorenheim aufgekommen, aber entschlossen hatte man sich noch nicht. Man hatte ja den Pflegedienst, der täglich kam, um Mutter und Vater zu waschen, anzuziehen, Medikamente zu verabreichen. „Das Hygienekonzept, das als Antwort auf Corona ganz schnell entwickelt werden musste, überzeugte uns aber nicht. Deshalb beschlossen wir, die Pflege erstmal selbst zu leisten“, sagt Ulrike te Raa. Das ist jetzt acht Wochen her, und die Kräfte gehen so langsam zur Neige. „Wenn ich von den ,Helden des Alltags´ hören, frage ich mich immer, ob nicht für alle, die ehrenamtlich pflegen und helfen, mindestens genau so laut geklatscht werden müsste. Ich will die Leistung der professionellen Pfleger damit auf keinen Fall schmälern, aber pflegende Angehörige haben einfach keine Lobby. Für Eltern, die ihre Kinder seit zwei Monaten ohne Hilfe von Schule und Kita betreuen müssen, ist das fraglos eine ganz schwierige Phase. Aber für Menschen, die ihre alten Eltern versorgen müssen, ist es nicht einfacher. Und pflegende Angehörige haben überhaupt keine Lobby.“

Mareike hat, so lange das möglich war, ihren Mann in dessen Firma unterstützt, jetzt geht das nicht mehr, die Eltern brauchen sie Tag und Nacht. „Sie sind zwar nicht bettlägerig, aber sie können sich nicht selbst helfen. Meine Mutter ist erblindet, Vater kann sich nur noch schlecht bewegen. Länger weggehen, nur um kurz einige Besorgungen zu erledigen, kann meine Schwester nicht mehr. So oft es geht, helfe ich ihr. Eine andere Unterstützung gibt es nicht.“

Der Leiter des Altenheims, das für die Eltern ausgeguckt worden war, habe Mitte März selbst empfohlen, vielleicht nicht gerade während der Corona-Pandemie in die stationäre Pflege zu wechseln. „Dann hätten meine Eltern erstmal 14 Tage in Quarantäne gemusst, wir hätten sie nicht besuchen dürfen, das wäre kein guter Start gewesen. Und der mobile Pflegedienst, so sehr sich die Mitarbeiter bemühen, fährt nun einmal in Eile von Haushalt zu Haushalt, klagt über zu wenig Schutzausstattung – das war uns einfach zu unsicher. Es geht schließlich um unsere Eltern.“

Ulrike te Raa betont, dass ihre Schwester und sie selbst sich mittels der Hotline des Gesundheitsministeriums und des Kreises Kleve informiert und auch mit dem Pflegedienst selbst gesprochen hätten. Die Pflege erst einmal selbst zu übernehmen schien für die Geschwister somit die beste Lösung.

Die Aufgabe waren enorm und umfangreich: Der Mutter, die nichts mehr sehen kann, im Kopf aber fit und willensstark ist, diskret helfen, ohne sie zu kränken. Den Vater, der sich am liebsten zurückzieht, zu kleinen Spaziergängen oder auch mal zu einer Fahrt im Rollstuhl motivieren. Dazu die körperliche Pflege, Kochen, Wäsche, Haushalt. Und die Frage, wie lange das so durchzuhalten ist.

Angelica Jacobs, Bereichsleiterin Tagespflege der Diakonie im Kreis Kleve, kennt solche Geschichten aus ihrer tägliche Arbeit. Die Tagespflegen sind von Amts wegen seit Mitte März geschlossen. Alle Senioren, die sonst tageweise dort betreut werden, sind nun zu Hause und werden von Angehörigen betreut und versorgt. „Das geht meist eine Weile, aber nicht acht und mehr Wochen lang. Da verlangen Arbeitgeber schon, dass ihre Leute mal zurück ins Büro kommen, und es gibt auch psychisch schwierige Entwicklungen, wenn keine Abwechslung mehr stattfindet, nachdem sich die Senioren gerade an die Gesellschaft anderer gewöhnt hatten.“

Viele der Tagespflegegäste sind demenziell verändert, kommen mit Umstellungen nur schwer klar. Deshalb hat die Diakonie in Goch eine Notgruppe eingerichtet. Bisher gibt es fünf Plätze in der Parkstraße, ab diesem Monat kommt in der Brückenstraße eine weitere Einrichtung hinzu, außerdem existiert eine Gruppe in Geldern. „Weil die Leute, Senioren wie Angehörige, Hilfe brauchen. Es gibt unendliche Nöte“, sagt Angelica Jacobs.