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Neuer Tarifvertrag in der Gastronomie bereitet Freude und Sorgen

Arbeitsbedingungen in der Gastronomie : Mit wenig Geld und viel Herzblut

In der Gastronomie wird nicht viel verdient. Das wird auch der neu ausgehandelte Tarifvertrag nicht ändern. Gerade für die unteren Lohngruppen bringt der Abschluss aber einiges. Und die Arbeitgeber ächzen.

Während der Corona-Jahre hat die Gastronomie besonders stark gelitten. Nicht wenige Betriebe mussten aufgeben, wer dank Überbrückungs- und Kurzarbeitergeld überlebte, muss jetzt sehen, dass er wirtschaftlich bald wieder auf die Füße kommt. Im Wunderland Kalkar, einem großen Unternehmen mit Hotel, Tagungs- und Messebereich und mit einem Freizeitpark für Familien, wird die Stimmung langsam wieder besser. Die Buchungen ziehen an, Seminare und Messen finden statt, der Familienpark ist zumindest an den Wochenenden gut besucht, es fehlen jedoch noch die niederländischen Gäste. So gesehen könnte Geschäftsführer Han Groot Obbink aufatmen, wären da nicht die extrem gestiegenen Kosten. Nicht nur, dass für Energie, Lebensmittel, Handwerkerleistungen und überhaupt fast alles neuerdings viel mehr zu bezahlen ist: Auch die Gehälter steigen. Der neuausgehandelte Tarifvertrag zwischen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) weist im Schnitt zehn Prozent Lohnerhöhung aus.

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„In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Auf der einen Seite freue ich mich für die Kollegen, denn in der Gastronomie verdient man wirklich nicht viel. Gerade in den unteren Einkommensgruppen musste etwas passieren, von 9,80 Euro Mindestlohn kann man nicht leben. Andererseits profitieren langgediente Fachkräfte kaum. Und die Belastung für die Unternehmen ist enorm.“ 12,50 Euro pro Stunde bekommen Aushilfen künftig, unter 18-Jährige müssen sich mit zehn Euro begnügen. Fachkräfte erhalten künftig maximal 15,27 pro Stunde, solche mit Führungsverantwortung bis zu 21,26 Euro. „Da wir vorher schon über Tarif bezahlt haben, verändert sich für viele Kollegen wenig“, sagt der Chef.

Geld ist unter den Mitarbeitern immer ein Thema, weiß nicht zuletzt Margarethe Specht, die die Buchhaltung im Wunderland leitet. Sie berichtet: „Diejenigen, die am wenigsten verdienen, schimpfen darüber am wenigsten. Mancher ist allerdings fassungslos darüber, wie wenig ein Brutto-Zuschlag ausmacht, wenn Steuer und Abgaben abgezogen werden.“ Besonders leid habe ihr eine junge Frau getan, die mit einer Lohnpfändung umgehen müsse. „Deren Freigrenze ist nicht angehoben worden, sie kriegt also überhaupt nicht mehr.“

Dass sich der 26-jährige Daniel Schiratis trotz der bescheidenen Einkommenssituation auf die Branche eingelassen hat, liegt daran, dass er sich im Unternehmen absolut wohl fühlt. „Ich habe eigentlich Soziale Arbeit in Holland studiert, jobbe aber schon seit Jahren am Wochenende im Wunderland. Das hat mir immer so viel Spaß gemacht, das Studium weniger. Deshalb habe ich vor drei Jahren mit der Ausbildung zum Hotelfachmann begonnen.“ 750, dann 880 und im dritten Lehrjahr 1000 Euro gab‘s für ihn, künftig bekommen Azubis 1000, 1100 und 1200 Euro. Ungefähr das Doppelte kriegt die ausgelernte junge Fachkraft.  Brutto, versteht sich. „Zurzeit wohne ich bei meinem Vater, nach der Prüfung möchte ich eine eigene Wohnung haben“, sagt Schiratis.  Natürlich brauche er auch ein Auto – große Sprünge plant der junge Mann besser nicht.

Auch Angela Janßen, die Küchenleitung, ist keine Großverdienerin, aber sie geht in ihrem Beruf mit Leidenschaft auf. „In der Gastronomie ist Herzblut nötig. Wem das fehlt, der wird da nicht glücklich, egal, ob er etwas mehr oder weniger verdient“, sagt sie. Und die Köchin kann die finanziellen Belastungen der Hotel- und Restaurantbetreiber nur zu gut einschätzen. Sie macht ja selbst die Bestellungen für die Küche und weiß, dass Fleisch, Fisch, Pommes oder Fett um zehn bis 20 Prozent teurer geworden sind.

Chef Groot Obbink zählt noch weitere Positionen auf, die den Wareneinsatz erheblich verteuern: der Strom, das Abwasser, die Inflation, Instandhaltung, zu tilgende Darlehen,  „und Gewinn machen müssen wir auch noch!“ Da wegen der gestiegenen Preise alle Bürger weniger im Portemonnaie hätten, sei die Frage, wieweit die Kosten auf die Kunden umgelegt werden könnten, ohne dass die Buchungen zurückgingen.

Han Groot Obink ist dem Kreis Kleve noch immer dankbar dafür, dass der die Messehalle anmietete, um dort sein Corona-Impfzentrum einzurichten. „Wir bekamen nicht nur die Mietzahlung, sondern konnten den Großteil unserer Mitarbeiter dorthin vermitteln, und inzwischen sind sie zu uns zurückgekehrt.“ Einige gingen während der Pandemie auch verloren, weil sie sich Jobs in anderen Bereichen suchten. Aber das seien die wenigsten. „Wir haben treue, zuverlässige Leute. Ich bewundere auch die Aushilfen, unter ihnen nicht wenige arbeitslose junge Leute, die von ihren 450 Euro kaum etwas sehen, weil der Verdienst auf das Arbeitslosengeld angerechnet wird“, berichtet Margarethe Specht. „Sie könnten auch auf dem Sofa sitzen und nichts tun. Aber so eine Mentalität haben die meisten in der Gastronomie eben nicht.“