Kleve: Muslim in Kleve? Kein Problem!

Kleve: Muslim in Kleve? Kein Problem!

Das Ergebnis der Integrationsstudie des Innenministeriums stößt in Kleve auf Unverständnis. Dass sich jeder fünfte junge Muslim nicht in die Gesellschaft eingliedern will, beobachten Politiker, Unternehmer und Muslime hier nicht.

Artur Leenders, Vorsitzender des Integrationsausschusses der Stadt Kleve, will zunächst Grundsätzliches klären. "Mich wundert die Interpretation der Studie in den Medien. Die Kernaussage ist doch: Rund 80 Prozent der Muslime sind integrationswillig." Diese Zahl sei ein festes Fundament, auf dem man aufbauen könne. Sie stammt aus einer Studie des Innenministeriums, in der die "Lebenswelten junger Muslime" untersucht worden waren. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich zwar die Mehrheit der 14- bis 32-jährigen Muslime in Deutschland gut integrieren, dass sich aber bei 15 Prozent der Befragten mit deutschem Pass und 24 Prozent der nichtdeutschen Muslime "starke Abneigung gegenüber dem Westen, tendenzielle Gewaltakzeptanz und keine Integrationstendenz" abzeichnen.

"Ich sehe die Problematik eher multifaktoriell", sagt Artur Leenders und meint: "Es kommt nicht darauf an, welchen Glauben ein Zuwanderer hat, ob muslimisch, hinduistisch oder christlich, sondern vor allem, wie schnell er die Sprache erlernt, Kontakte knüpft und am Gesellschaftsleben teilnimmt." Aktuell leben 31 519 Ausländer im Kreis Kleve, Menschen aus 127 Ländern haben im Jahr 2010 einen Sprachkurs bei der VHS belegt, sagt Leenders und folgert: "Da ist mir die Diskussion darüber, wie sich Menschen muslimischen Glaubens integrieren, schlicht zu eng gefasst. Diese Frage haben wir uns in Kleve auch noch nie gestellt, weil es dieses spezielle Problem in Kleve schlicht nicht gibt", so der Integrationsausschuss-Vorsitzende.

Auch für Professor Marie-Louise Klotz, Leiterin der Hochschule Rhein-Waal, ist die Reduzierung auf die Religionsfrage kein ausreichendes Barometer für die eigentliche Integrationsdebatte. "Wir beobachten an der Hochschule, dass sich in Sachen Sprachkompetenz viel zum Positiven verändert hat, dass es große Bemühungen gibt und eine immense Bereitschaft, sich einzufügen", so Klotz. Dass die Studie Religion und Integration in direkten Zusammenhang setzt, findet Klotz dagegen verständlich. "Religion, gerade auch die muslimische, hat einen starken Einfluss auf den Lebensrhythmus, das Denken, die Ernährung, einfach insgesamt auf den Alltag", so Klotz. Doch schließe Religion ihrer Meinung nach nichts aus. "Unsere Gesellschaft ist enorm gefordert, durch Chancen, Sprache und Unterstützung einen Schlüssel zur Integration zu geben. Wer nämlich durch's Raster fällt und das Gefühl hat, keine Chancen mehr zu bekommen, wird sich mehr und mehr isolieren", so die Hochschulleiterin.

Dass Integration ganz unabhängig von Religion funktioniert, findet auch Ercan Sendag, Defensiv-Spieler beim 1. FC Kleve. "Ich habe erst mit 21 Jahren richtig zum muslimischen Glauben gefunden und weder davor noch danach Probleme gehabt. Für mein Umfeld, egal ob Arbeitgeber oder Freunde, war das nie ein Problem", sagt der 28-Jährige und ist damit einer Meinung mit Zuhra Aini-Heidenreich. Die 27-Jährige kam vor 18 Jahren aus Kabul nach Deutschland, machte einen Realschulabschluss und ist mittlerweile Floristin im Klever Pflanzencenter. Integration ist für die zweifache Mutter eine — im positivsten Sinne — egoistische Notwendigkeit: "Man muss sich fragen: Was ist für mich selbst das Beste?" Und das sei eben immer die Integration.

(RP/rl)
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