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Kleve/Rees: Mordfall Gülsüm: Vater ist nicht dement

Kleve/Rees : Mordfall Gülsüm: Vater ist nicht dement

Der 9. Prozesstag im Fall Gülsüm, mit dem Ergebnis der psychiatrischen Untersuchung des Vaters Yusuf S.. Demnach liegt kein forensisch relevanter Schwachsinn vor. Sein Anwalt spekuliert auf Hirntumor. Durch die Aussage der Schwester wird die Verhandlung fortgesetzt.

9.19 Uhr: Die Angeklagten lassen auf sich warten.

9.34 Uhr: Richter Christian Henckel eröffnet die Verhandlung vor dem Landgericht Kleve und zerlegt die Lampengeschichte in ihre Bestandteile.

Fazit: Die von der Verteidigung unterstellte Reparatur an der Wohnzimmerlampe (ein Indiz dafür, dass es kein Komplott gegeben hat) zerplatzt wie eine Seifenblase: Der Vermieter weiß nichts von derlei Arbeiten, seine Ehefrau auch nicht, der Handwerksmeister verneint ebenfalls, und dessen in Frage kommender Geselle ist tot. Am 3. März 2009, an dem die Arbeiten angeblich erfolgt seien, hatte er Urlaub.

9.43 Uhr: Gülsüms ältere Schwester tritt in den Zeugenstand. Sie will doch etwas aussagen. Ihre Stimme klingt wie ein Roboter, sie spricht merkwürdig gestanzt klingende Sätze. Gülsüm habe einen Selbstmordversuch wegen der in der Türkei arrangierten Ehe unternommen - aus Enttäuschung. Der Saal staunt. Auch Richter Henckel. Nach neun Minuten unterbricht er die Erzählungen: "Ich überlege mir ernsthaft, ob ich die Befragung fortsetzen soll." Es gibt ein kurzes Wortgefecht mit Anwalt Siegmund Benecken, dann geht es weiter.

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Gülsüms Beziehung zu Altin habe der Vater akzeptiert, "aber er war nicht begeistert". Die Schwester berichtet weinend: "Vater war streng, er hat sie auch geschlagen." Trotz allem gab's auch schöne Tage zu Hause. Gerade als die Schwangerschaft von Gülsüm offenbar wurde, sei er "lieb zu Gülsüm" geworden. Sie schildert Yusuf S. als einen verständnisvollen Musterpapa. Mit Davut habe sie über die Tat nicht gesprochen.

10.55 Uhr: Die Schwester sagt aus, dass ihr Vater in letzter Zeit "vom Kopf her so ein bisschen durcheinander gewesen" sei.

10.58 Uhr: Richter Henckel beendet die Befragung.

11.37 Uhr: Gutachter Dr. Martin Wenzel, Neurologe, Psychiater und Psychologe in den Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau, bekommt das Wort. Er hat Yusuf S. auf seinen Geisteszustand untersucht.

Es gab zwei Untersuchungen, eine am 27. November und eine gestern. Bei der zweiten mauerte der Vater von Gülsüm: "Ich will die Untersuchung nicht, ich habe genug gesagt." Für den Gutachter eine wichtige Information: "Er erschien wirklich selbstsicher und ist in der Lage, seine Ideen in Handlungen umzusetzen. Er hat demonstrativ Gleichgewichtsstörungen gezeigt", so Wenzel. "Rechenaufgaben bis 20 konnte er nicht lösen. Er klagte über Schmerzen am ganzen Körper."

Das Computertomogramm: "Unauffälliger Befund, kein Nachweis einer Pathologie erfolgt. Depressive Befindlichkeit, Anpassungsstörungen", so der Befund des Arztes.

Eingeschränkte Schuldfähigkeit: Dr. Wenzel geht die Kriterien durch: keine Psychose, keine hirnorganische Erkrankung. Unterstellt man das Tatgeschehen der Anklageschrift, lässt dies auch keinen Hinweis auf eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung zu. "Forensisch relevanter Schwachsinn liegt nicht vor", so Wenzel vor dem Gericht. Vielleicht eine schwere andere seelische Abartigkeit? "Keine Anhaltspunkte."

Fazit: Die entsprechenden Merkmale kommen aus nervenärztlicher Sicht nicht in Betracht. Die unterstellten Gedächtnisstörungen lassen sich aus der schlechten Stimmung ableiten. "Im Gesamtbild liegt keine Demenz vor", so Wenzel. Er zitiert Yusuf S. zur Tat: "Ich weiß nicht, warum ich hier sitze, ich habe damit nichts zu tun. Und ich weiß auch nicht, was mein Sohn gemacht hat."

Anwalt Siegmund Benecken versucht sich mit der Theorie, ob denn nicht eventuell ein Hirntumor vorliegen könne. Dazu müsse ein CT mit einem Kontrastmittel gemacht werden, das sei jedoch nicht geschehen. Dr. Wenzel ist bereit, auch dieses CT vorzunehmen, ist aber der Ansicht, dass kein Tumor vorliege.

12.15 Uhr: Die bemerkenswerte Aussage der Schwester hat den Staatsanwalt aus dem Konzept gebracht. Heute gibt es keine Plädoyers mehr.

Am 11. Dezember um 10 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt — und die Verteidigung des Vaters glaubt unbeirrbar daran, bis dahin noch jemanden präsentieren zu können, der im Wohnzimmer der Familie S. eine Lampe installiert hat.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gülsüm: Prozessauftakt am Landgericht Kleve