Materborner Rudi Nienhuys führte während des Weltkriegs ein Tagebuch

Materborn : Vier Jahre Leben auf acht Seiten Papier

Der im Jahr 2010 verstorbene Materborner Rudi Nienhuys, Vater des Autors, hat ein Tagebuch über seine Kriegserlebnisse und Gefangenschaft im Telegrammstil geführt. Ein bewegendes Zeugnis über verlorene Jugendjahre.

Als der Autor dieser Zeilen neulich wegen des Kriegsausbruchs vor 80 Jahren im Nachlass seines Vaters stöberte, fiel ihm wieder sein Tagebuch in die Hände, in dem er die Zeit vom 28. August 1943 bis zum 26. November 1947 dokumentierte. Viele Millionen Menschen seiner Generation kamen in diesem Weltkrieg ums Leben, viele litten ihr Leben lang unter teilweise unsäglichen seelischen wie körperlichen Schmerzen. Viele Familien wurden getrennt und viele wurden nie wieder vereint. Jungen Menschen wurde eine glückliche Kindheit und Jugendzeit verwehrt.

 Rudi Nienhuys wurde im November 1926 in Rindern als fünftes von sieben Kindern geboren, wuchs in Materborn auf und absolvierte eine Lehre bei der damaligen Reichspost in Düsseldorf. Er erlebte die sogenannte „Reichskristallnacht“ im November 1938 in Kleve mit, die Bombardierung Kleves am 7. Oktober 1944 blieb ihm erspart. Er hat erst in seinen letzten Lebensjahren vom Krieg und seiner Gefangenschaft erzählt, und das auf Materborner Platt, vielleicht konnte er so alle Erlebnisse besser verarbeiten.

Seine Chronik beginnt mit dem Einzug als 16jähriger Junge zum Reichsarbeitsdienst (RAD Abtl. 4/74) am 28. August 1943 in Morsum auf der Insel Sylt zur Segelfliegerausbildung. Er blieb dort bis zum 16. November, wurde nach Hause entlassen, um am 18. Dezember 1943 zur Wehrmacht zur Hauptuntersuchungsstelle in Gardelegen eingezogen zu werden. Dann wurde er am 23. Januar 1944 nach La Courtine im französischen Zentralmassiv zur Infantrieausbildung ins Lager des III. Fallschj. Ers. und Ausb. Rgt. 2 versetzt. Ab dem 16. März 1944 erhielt er eine Nahkampfausbildung in Troyes, ehe er Mitte Mai zur Springerausbildung nach Lyon kam.

Und dann wurde es ernst, er wurde als Springer nach Savenay in die Bretagne geschickt. Am 4. Juli 1944 erfolgte der Abmarsch mit 100 weiteren Soldaten nach St. Pair-sur-Mer in der Normandie zu drei Wochen Einsatzausbildung, und am 29. Juli kam es zu seinem ersten Fronteinsatz bei Torigny- sur- Vire. Morgens um sieben Uhr geriet er am 21. August bei Falaise in kanadische Gefangenschaft, von dort die Aufnahme ins Gefangenenlager bei Bajeux.

Einen Tag später gings über den Ärmelkanal per Schiff nach Southampton, weiter nach London und zum Schluss landete er in einem großen Durchgangslager bei Haltwhistle in Nordengland. Am 5. September wurde er im Hafen von Liverpool auf den Ozeandampfer „Mauretania“ eingeschifft, und die Reise über den großen Teich dauerte eine Woche, bis er in New York an Land ging. Zunächst stand die Entlausung und Durchsuchung an. Es folgte eine zweitägige Zugreise über St. Louis ins Camp Joseph T. Robinson in Arkansas im Westen Amerikas. Er wurde ins Seitenlager Keiser zur Baumwollernte versetzt. Seinen linken Arm brach er am 1. Oktober und konnte ab dem 13. November wieder zum Arbeiten eingesetzt werden. Vom 10. Dezember 1944 bis zum 23. Mai 1945 war er mit der Ernte beschäftigt.

Als die Amerikaner kurz vor Kriegsende am 8. Mai 1945 die KZ befreiten und die Grausamkeiten der Nazis entdeckten, verordneten sie den Gefangenen eine Hungerkur sowie das Ansehen der Bilder und Filme aus Deutschland. Bis zu 12 Stunden Arbeitszeit täglich musste Vater beim Pflanzen der Baumwollsträucher sowie später beim Ernten ableisten. Da legte er in der sengenden Sonne von Arkansas den Grundsein für seine Hautkrebserkrankung. Er kam wieder zurück ins Hauptlager Robinson und im März 1946 endete seine amerikanische Gefangenschaft. Genau am 26. März 1946 saß er auf dem Schiff „Williams Victory“ Richtung Antwerpen, und er dachte, es geht nach Hause. Aber weit gefehlt, mit dem Viehwaggon und nach fünf Kilometer Fußmarsch wurde er in Brüssel den Engländern übergeben. Am 7. April 1946 kam er ins Lager nach Zedelgem in der Nähe von Brügge, wo dort eine fünfwöchige Hungerkur begann und er nach Hause schreiben konnte. Mitte Mai fuhr er wieder im Viehwaggon zum Fort Merksem bei Antwerpen. In der militärischen Festung war die Verpflegung gut. Aber am 16. Juni erfolgte die Schiffsreise zum englischen Hafen Tilbury, er kam ins Durchgangslager in Chepstow, danach weiter ins Mardy Camp nahe bei Newport in Wales. Am 28. Juni erhielt er den ersten Brief seiner Eltern. Anfang Juli musste er mit 100 weiteren Gefangenen im Henllan Bridge Prison of War Camp bei Llanclyssul Drainage-Arbeiten verrichten. Er kam nach St. Clears ins Seitenlager Pen-y-coed, wo er später die Familie von Bessie Jones mit deren Sohn Michael kennenlernte. Mein Vater schrieb ab Ende Mai bis Silvester 1946 insgesamt 17 Briefe sowie 27 Karten nach Hause und bekam 49 Briefe und vier Karten.

Es wurde für alle Gefangenen ein Ausgang im Umkreis von fünf Meilen gewährt, aber Fotoaufnahmen und das Betreten von Vergnügungsstätten und öffentlichen Gebäuden außer Kirchen war nicht gestattet. Später wurde das Verbrüderungsgesetzt zum Teil aufgehoben. Am 18. Januar 1947 sah er das erste Fußballspiel in England, und er durfte eine Woche später sogar mitspielen. Das war der Beginn einer großen Karriere, vor allem ein Jahr später bei seinem Stammverein Siegfried Materborn. Er konnte sich für ein englisches Pfund, zwei Shilling und sechs Cent ein Paar Fußballschuhe kaufen. Was für ein Luxus. Bei einem Sportfest in St. Clears trat er im Hochsprung an, wurde Sieger und erhielt 15 Shilling. Er erlernte die englische Sprache und konnte sich einigermaßen verständigen. Learning by doing. Er wurde ins Lager Llandarcy bei Talbot versetzt, spielte weiter Fußball, und endlich bekam er die Nachricht über seine Entlassung. Das war am 7. Oktober 1947. Über Sudbury nahe Derby verließ er im Hafen von Harwich England Richtung Hoek van Holland. Er betrat im Munsterlager erstmals wieder deutschen Boden. Er wurde nach Bentheim, dann weiter nach Münster gebracht. Und am 26. November 1947 schloss Vater um 21.30 Uhr seine Eltern sowie Geschwister nach vier Jahren Abwesenheit endlich wieder in die Arme.

Rudi Nienhuys im Kreise der Familie in Wales, mit der er auch nach der Heimkehr nach Materborn Kontakt hatte: Vorne Sohn Michael, rechts Bessie Jones. Foto: Markus van Offern (mvo)
Der Nachlass: Das handgeschriebene Tagebuch mit den alten Bildern. Foto: Markus van Offern (mvo)

In den folgenden Jahren hielt er weiter den brieflichen Kontakt zu Bessie Jones aufrecht, besuchte sie des Öfteren in St. Clears mit seiner Familie und nach dem Tod aller Beteiligten steht die Schwester des Autors immer noch in Kontakt mit Michael Jones.

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