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Marcia Zuckermann liest bei den Jüdischen Kulturtagen in Kleve.

Lesung : Turbulente Gute-Nacht-Geschichten

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Rhein-Ruhr 2019 las Marcia Zuckermann aus ihrem Roman „Mischpoke“ im Foyer der Stadthalle.

. Wenn sie sagt „Mischpoke – damit ist die bucklige Verwandtschaft gemeint“, hört man gleich: sie kommt aus Berlin. Marcia Zuckermann weiß aber auch zu berichten, dass „Mischpoke“ jiddisch ist und eigentlich ganz wertfrei „Familie“ heißt, denn sie hat deutsch-jüdische Eltern. Familiengeschichten, sagt die 72jährige, seien als Kind ihre Gute-Nacht-Geschichten gewesen.

Vor drei Jahren erschien ihr Roman „Mischpoke“, indem sie 150 Jahre der Geschichte ihrer Familie mit jener der Juden in Deutschland verbindet. Er wird demnächst im Fernsehen als Mehrteiler zu sehen sein. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Rhein- Ruhr 2019 las sie jetzt aus ihrem Buch im Foyer der Klever Stadthalle. Veranstalter des Abends waren die VHS, die Buchhandlung Hintzen und der Verein Haus Mifgash.

Der Begriff „Familienroman“ sei beschönigend, sagte sie gleich zur Einleitung, denn es käme Doppelmord, Brandstiftung, Erbschleicherei und die Magie als Segen und Fluch darin vor. Ihre sieben Großtanten, die Protagonistinnen des Romans, sind die Töchter von Mindel und Samuel Kohanim in einem kleinen Dorf in Westpreußen. Jede einzelne von ihnen hat ihre eigene „Katastrophe“ und turbulente Lebensgeschichte.

Drei Ausschnitte las die Autorin, zwischen den Leseabschnitten stimmten Klavierstücke von Chopin, jüdische Schlaflieder und Melodien die Zuhörer atmosphärisch ein in das Milieu jüdischer Familien in Berlin und andernorts. Chopin war Thema, denn ein Klavierspieler mit zwölf Fingern war verliebt in Franziska, eine der Kohanim-Töchter. Jahrzehnte weiter erlebt Hella, Tochter von Oda, wie ihre Mutter im Zug von der SS verhaftet, ihr Zuhause von den Nazis verwüstet wird.

„Meine Familie aber hat sich nie als Opfer gefühlt und vertrat den Standpunkt: Kämpfen lohnt sich immer“, so Zuckermann. So, wie sie an diesem Abend las und sprach, mit spitzbübischem Lächeln auf den Lippen, verkörperte sie genau diese Kämpfernatur und den Pragmatismus, den sie in ihrem Buch beschreibt.

Der letzte Leseabschnitt handelte von ihrem Vater Walter, der das KZ Buchenwald überlebte. Von ihm lernte Zuckermann, dass für Juden ständige Anfeindungen „normal“ waren, und dass es schließlich darauf ankam, wie man damit umging. Sie sei auch atheistisch aufgewachsen und hege gegen jedwede fundamentalistisch ausgerichtete Religion ein gesundes Misstrauen, erzählte die Autorin.

Die Ich-Erzählerin des Romans sei nicht ganz sie selbst, sondern vereine auch Erlebnisse anderer. Auf die Frage, wie sie an die vielen Geschichten gekommen sei auch aus dem Berlin der Jahrhundertwende, sagte sie „Geht auf den Markt und redet mit alten Weibern“. Den Bogen zur Gegenwart schlägt sie mit der Rahmenerzählung. Die Ich-Erzählerin sitzt in Untersuchungshaft, weil sie einer Geflüchteten geholfen hat. Eine Maxime meiner Familie war immer: „Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Menschheit“, so Zuckermann.

Die Lesung war Teil des Kunst- und Kulturfestivals Jüdische Kulturtage Rhein Ruhr 2019 mit dem Titel „Zuhause-Jüdisch. Heute. Hier.“ Sechs der insgesamt 200 Veranstaltungen finden in Kleve statt. Zum Abschluss gibt es am kommenden Sonntag, dem 14. April, in den Tichelpark-Kinos Sondervorführungen der vielbeachteten Kinodokumentation „Wir sind Juden aus Breslau“, in der 14 Zeitzeugen heutigen Jugendlichen von ihren Erlebnissen berichten. Eva-Elisabeth Fischer von der Süddeutschen Zeitung sagte dazu: „Zeugnis gegen die Unverbesserlichen. Es wird alles gesagt. Geschont wird niemand. Und das ist gut so.“