Kleve: Licht und Schatten

Kleve: Licht und Schatten

In den Niederlanden ist eine Büste von Johann Moritz von Nassau-Siegen ins Depot verbannt worden - weil er auch ein Sklavenhändler war. In Kleve will man die Sache anders angehen.

Weißer Marmor vor schwarzer Nische - so wünschte sich der Architekt Maurits Post den Ort für das Brustbild des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen, das der Bildhauer Bartholomeus Eggers 1664 in den weißen Stein aus Italien schlug. Es zeigt den 54-Jährigen auf der Höhe seiner Macht als Generalleutnant der Kavallerie der Generalstaaten und Kommandant von Wesel. Die Schulterstücke des Harnischs sind Elefantenköpfe, die auf den gleichnamigen hohen Orden verweisen, wie das Johanniterkreuz auf seine Meriten als Herrenmeister der Ballei Brandenburg des Johanniterordens verweist. Das Original steht seit 1669 auf Geheiß des Prinzen in der von Post geschaffenen Fürstengruft. Seit der Moritzausstellung 1979 gibt es in Den Haag und Kleve zwei Nachgüsse aus den 1980er Jahren.

Doch jetzt kippt Moritz vom Sockel - im Mauritshuis in Den Haaghat man die Kopie der Eggers-Statue aus dem Foyer ins Depot verbannt. Denn 100 Jahre, nachdem Eggers die Statue schuf, skizziert der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau die Grundlagen für die moderne demokratische Gesellschaft, schreibt den Contrat Social, formuliert die Menschenrechte, zeigt auf, dass von Natur aus alle Menschen frei und gleich sind - und dies auch im Staat bleiben sollen. Genau dagegen hat Moritz von Nassau-Siegen verstoßen. Für den Barockfürsten waren Menschen nicht gleich. Er betrachtete manche als Sache, als Handelsware: Von Nassau-Siegen war während seiner Aufgabe als Gouverneur in der Westindischen Gesellschaft der Generalstaaten auch Sklavenhändler. "Johann Moritz, der 1637 nach Brasilien kam, (versuchte) seine wirtschaftliche Aufgabe durch eine großzügige Kreditpolitik zu lösen. Außerdem ließ er Sklaven aus Afrika als Arbeitskräfte importieren", schreibt Kleves Stadtarchivar Bert Thissen im Portal Rheinische Geschichte des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). In den Niederlanden arbeitet man derzeit die koloniale Vergangenheit, den Sklavenhandel und die Rolle, die Moritz von Nassau-Siegen darin spielte, konsequent auf. Und verbannte die Büste.

Das soll mit der in Kleve nicht geschehen. "Das machen wir nicht", konstatiert Kleves Museumsdirektor Prof. Harald Kunde, der schon in der Gruppenausstellung "Weltchaos und Idylle" Ana Torf in ihrer Einrichtung unter anderem die Frage nach Moritz und Sklavenhandel stellen ließ. "Das Thema soll nicht verschwiegen werden. Wir wollen auch die Schattenseiten dieses Mannes aufzeigen", sagt Kunde und stellt sich gegen voreilige Bilderstürmerei. Man müsse Moritz, dessen Städtebau Kleve bis heute prägt, von allen Seiten beleuchten, sein von barocken Denken geprägtes Handeln diskutieren.

"Vielleicht sollten wir ein großes Moritz-Projekt in Angriff nehmen, mit Blick auf seine Arbeit in Recife in Brasilien und in Kleve, mit Blick auf die Geschichte Brasiliens, die er schreiben ließ und die wir angekauft haben, mit Blick auf die Maler, die in seinem Auftrag Brasilien dokumentiert haben, mit Blick auf seine mögliche Rolle als Sklavenhändler", sagt Kunde. Eine gute Idee.

(mgr)
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