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Kleve: Letzte Ausfahrt "Puppa"

Kleve : Letzte Ausfahrt "Puppa"

Vor 75 Jahren übernahm die Familie Schmitz die Gaststätte "Haus Bresserberg" in Kleve. Heute wird diese von Tochter Marie-Luise Klar geführt. Oft ist das Haus der letzte Rettungsanker für Amüsierfreudige am Wochenende.

Ein Samstag wie nahezu jeder andere: Vor dem "Haus Bresserberg" in Kleve stehen unsortiert zahlreiche Autos herum. Die Kennzeichen zeugen davon, dass die Gaststätte weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt sein muss. Mülheim, Duisburg – auch das Ruhrgebiet fühlt sich hier wohl. Aber nicht nur das. Vor 75 Jahren übernahm die Familie Schmitz das "Haus Bresserberg" auf Kleves Anhöhe. Heute führt Marie-Luise Klar, geborene Schmitz, das Lokal, in dem Generationen von Klevern einen Hauch von Heimat fanden. Die 72-Jährige ist besser unter dem Namen "Puppa" Schmitz bekannt. Ihr Vater hatte sie so genannt, da Marie Luise bereits im zarten Alter die Männer jenseits der Theke mit obergärigen Getränken versorgte.

Foxtrott und Damenwahl

Für zahlreiche Gäste ist das Haus auf dem Berg auch heute noch die letzte Ausfahrt auf der Suche nach dem Glück oder einfach nach einem gelungenen Ausklang der Woche. Nahezu jeder, der hierhin kommt, weiß in der Regel, worauf er sich einlässt. Es ist das Gesamtkunstwerk, was das Haus auf dem Bresserberg so interessant macht. Das Ambiente, der Foxtrott und die Musik, die hier traditionell jeden Samstag auf einer kleinen Bühne steht, die Gassenhauer von WDR 4 interpretiert und zur Damenwahl auffordert machen es aus. Wer hier lange alleine bleibt, ist selbst schuld. Ein Stammgast verrät, wie es einst bei "Puppa" war: "Freitags wird der Markt sondiert, samstags wird getanzt." Sondiert wird heute nichts mehr, denn seitdem das "Parkhotel Schweizerhaus" geschlossen hat, fühlen sich an diesem Wochentag jüngere Gäste in dem Tanzlokal wohl und füllen den Saal anständig. "Im Laufe der Zeit merkt man, dass dies ein Geschäft ist, in dem es immer rauf und runter geht", blickt Marie Luise Klar zurück. Derzeit geht der Trend klar bergauf. Aber auch die Tage, in denen sich ein paar verlorene Seelen mit ihren Geschichten aus besseren Tagen am Tresen festhielten, kennt die 72-jährige Gastwirtin.

Nicht die schlechtesten Erinnerungen hat Marie Luise Klar an die 70er-Jahre: "Als das Gehalt noch jede Woche ausbezahlt wurde, fand hier der Lohntütenball statt. Da war hier alles vertreten: Rechtsanwälte, Arbeiter – eine wunderbare Mischung." Auch die andere Einstellung zur Kneipe in diesen Jahren kennt "Puppa" noch bestens: "Die gingen von hier aus direkt zur Arbeit und kamen anschließend sofort wieder hierher zurück, erzählten wie kaputt sie wären und wollten erst mal einen Jägermeister." Auch wenn das Erlebnis "Tanzpalast" heute nicht mehr so elektrisiert wie vor 40 Jahren, so gäbe es auch heute immer noch Gäste, die es im "Haus Bresserberg" richtig krachen lassen, so Klar: "Vergangene Woche hatte ein Herr für 157 Euro Getränke auf dem Deckel."

Stolz ist die 72-Jährige auch, dass es trotz einer Gesellschaft, deren Respekt vor Recht und Gesetz eher immer schwächer ausgeprägt ist, bei ihr kaum zu Auseinandersetzungen kam. "Gründe für Meinungsverschiedenheiten gibt's ohnehin nur zwei. Frauen oder zuviel Alkohol", so Klars Bilanz nach über einem halben Jahrhundert Gaststätten-Erfahrung. Das Team Grün hat jedenfalls extrem selten Einsätze auf der Klever Anhöhe. Einen Türsteher gab's hier nicht und wird's nicht geben. Klar: "Für Ordnung sorge ich."

Blick übers Klever Land

Dass man dem "Haus Bresserberg", das oberhalb von den Plätzen der Klever Tennisvereinigung Rot-Weiß liegt, sehr lange seine Verbundenheit ausdrücken kann, dafür sorgt ein Angebot, das seit einigen Jahren immer besser angenommen wird: Der Beerdigungskaffee wird gern mit einem Blick übers Klever Land eingenommen.

(RP)