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Orkan "Friederike": Lebensgefahr im Reichswald

Orkan "Friederike" : Lebensgefahr im Reichswald

Die heftigen Böen des Sturmtiefs "Friederike" haben in den Forsten des Kleverlands gewütet: Der Einschlag eines ganzes Jahres ist umgeknickt, umgelegt oder zerstört. Fichten sind reihenweise gefällt, alte Buchen zerborsten.

Der Waldsaum ist keine Einheit mehr. Die Bäume liegen flach auf der Wiese vor dem Wald. Ein gutes Dutzend auf wenigen Metern. Darüber nicken einige Fichten bedenklich ihre Spitzen in die Waagerechte durch die licht gewordene Reihe des Waldrands. Sie werden fallen. Irgendwann. Sturmtief "Friederike" hat sie in einer Laune eben nur halb umgelegt. Gleich dahinter stecken wie abgeschossen Baumstämme ihre zerborstenen Spitzen in die Höhe, hell leuchten die Bruchkanten aus dem einst dunklen Tann, der restliche Baum wurde einfach abgedreht und liegt wie hingeworfen nutzlos auf dem Boden.

Doch nicht nur Nadelholz ist betroffen. Wie an der Grunewaldstraße von Kleve über Kessel zur Landesgrenze hat der Sturm alte Buchen auseinandergebrochen, geknickt, entwurzelt. Teile dieser alten, mächtigen Kronen liegen auf den Wegen, andere hängen noch am Baum. Auch sie werden fallen. Irgendwann. Deshalb warnt das Regionalforstamt Niederrhein die Bevölkerung, betroffene Waldflächen - und eigentlich sind alle Waldflächen betroffen - in den nächsten Tagen zu betreten. Auf keinen Fall sollten diejenigen Wege begangen werden, über die noch geworfene Bäume oder Äste liegen: "Dort herrscht höchste Lebensgefahr", so das Regionalforstamt in einer Pressemitteilung.

 Waldarbeiter machen den Weg frei.
Waldarbeiter machen den Weg frei. Foto: Gottfried Evers
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Nicht nur Förster Stefan Spinner vom Forstbezirk Kranenburg und Goch beobachtet, wie Waldbesucher über umgeworfene Bäume, die über den Wegen liegen, turnen und sich nicht nur selbst in Gefahr bringen, sondern auch Harvester und Waldarbeiter bei der Schadholzaufarbeitung behindern. "Die Wälder im Kreis Kleve sollten in den nächsten Tagen unbedingt gemieden werden", appelliert auch Forstdirektor Hanns-Karl Ganser vom Regionalforstamt Niederrhein des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen an Waldbesucher, Jogger und Hunde-Spaziergänger.

"Friederike hat vor allem die Fichtenbestände getroffen. Das, was Kyrill damals stehengelassen hat, liegt jetzt in großen Teilen am Boden", sagt Ganser. Die erste Bilanz des Forstdirektors ist verheerend. "Friederike hat in nur wenigen Stunden den kompletten Einschlag eines ganzen Jahres unserer drei Reichswald-Reviere umgelegt - 15.000 bis 20.000 Festmeter Holz", sagt er. (Ein Festmeter Holz misst etwa einen Kubikmeter.

 Zerborstene Stämme im Fichtenholz.
Zerborstene Stämme im Fichtenholz. Foto: Evers Gottfried

Zum Vergleich: ein durchschnittliches Einfamilienhaus hat rund 700 Kubikmeter.) Die Orkanböen haben sowohl einzelne Bäume als auch ganze Flächen umgelegt, erklärt Ganser. Man arbeite in den nächsten Tagen und Wochen daran, die Wege freizumachen und die Gefahrenbäume zu räumen, die Zäune im Wald wieder aufzustellen, damit die Wildschweine und Hirsche weiter im Wald bleiben und nicht Feld und Wiesen verwüsten.

Danach werde man die gefallenen Bäume abarbeiten, deshalb werde der Forst deutlich weniger Bäume fällen müssen. Aufgeforstet werden die Flächen mit Laubholz, auch mit Nadelholz, mit Lärchen und Douglasien. "Auf kleineren Flächen werden wir auch die Naturverjüngung fördern", sagt Ganser.

Förster Joachim Böhmer vom Forstbezirk Materborn warnt wie Spinner und Ganser vor Spaziergängen im stadtnahen Wald. "Das ist in den nächsten Tagen lebengefährlich: Viele Bäume hat der Sturm nur angeschoben, Kronen vor allem der alten Buchen schwer beschädigt. Diese Bäume stürzen unkontrolliert herunter und können, selbst wenn es ,nur' dicke Äste sind, Passanten erschlagen", sagt er.

Böhmer muss im Bereich Sternbusch und Tiergartenwald viele Buchen räumen, denn auch hier hat Friederike hat die scheinbar mächtigen, tatsächlich aber wohl auch altersschwachen Baumriesen geknickt und umgeworfen, hat Teile aus deren Kronen gebrochen. "Es wird einige Wochen dauern, bis wir die Bestände im Reichswald gesichert haben", sagt Böhmer. Allerdings sei der Schaden durch Friederike bei weitem nicht so stark wie bei Kyrill. Und die ehrgeizige Wiederaufforstung im Reichswald mit Laub- und Nadelholz stärke langfristig die Bestände. "Das werden schöne Mischwälder", verspricht Böhmer.

(mgr)