Kleve: Landwirte ernten so viel Mais wie nie

Kleve : Landwirte ernten so viel Mais wie nie

In der kommenden Woche beginnt in Nordrhein-Westfalen die Mais-Ernte. Die Landwirtschaftskammer erwartet ein Rekordergebnis. Denn Mais ist nicht nur als Viehfutter, sondern zunehmend als Treibstoff für Biogas-Anlagen gefragt.

Der Mais steht gut auf den Feldern in NRW. "Wir erwarten Rekorderträge, wenn die Ernte in der kommenden Woche beginnt", sagt Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW. Auch der Klever Landwirt Peter Tremöhlen (44) ist zufrieden. Noch vor ein paar Jahren baute er dort, wo jetzt der Mais in den Himmel schießt, Weizen an. Doch dann beschloss Tremöhlen, gemeinsam mit einem Nachbarn in eine Biogasanlage zu investieren.

Auf diese Weise konnte der Landwirt den Dung aus seinem Putenmastbetrieb und der Nachbar den Dung der Milchvieh-Haltung zur Energiegewinnung nutzen. 20,5 Cent pro Kilowattstunde zahlen die Stadtwerke Kleve. Bei einer Jahresleistung von 3,2 Millionen Kilowatt ein ertragreicheres Geschäft als der Weizenanbau. Allerdings benötigt die Anlage, um optimal zu laufen, Mais und Rüben als Energieträger. Tremöhlen fährt seine Anlage mit 60 Prozent Dung, 30 Prozent Mais und zehn Prozent Rüben.

Besonders den Mais haben viele Bauern als Energielieferant entdeckt. Allein in NRW werden 70 000 Hektar nur für die Energiegewinnung angebaut; die Zahl der Biogasanlagen ist innerhalb der vergangenen drei Jahre um 24 Prozent gestiegen. Ein Trend, der sich nach Ansicht von Experten künftig aufgrund des Atomausstiegsbeschlusses der Bundesregierung noch beschleunigen dürfte.

Sieben Prozent der Ackerflächen in NRW werden bereits für den Anbau von Energiemais genutzt. Seit 2007 ist die Menge an Mais, die in NRW produziert wird, um zwölf Prozent gestiegen. Im Regierungsbezirk Münster sind mehr als ein Drittel aller Felder mit Mais besetzt. Ein Großteil davon wandert in eine der fast 500 Biogasanlagen, die es inzwischen in NRW gibt.

Während der Anteil der zur Energienutzung bebauten Felder steigt, geht die landwirtschaftliche Gesasamtfläche zurück. Bereits jetzt werden, laut Friedhelm Decker, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV), in jeder Sekunde in Deutschland elf Quadratmeter landwirtschaftliche Fläche zugebaut, am Tag sind das nahezu 100 Hektar Acker- und Grünland. "14 Fußballfelder werden pro Tag in Deutschland versiegelt", betont Decker.

Seiner Ansicht nach sei es widersinnig, wenn Landwirte in den nächsten zehn Jahren auf drei statt bisher auf zwei Millionen Hektar Bioenergie produzieren müssen, aber im selben Zeitraum weitere 400 000 Hektar landwirtschaftlicher Flächen durch Baumaßnahmen oder für Naturschutzausgleich verloren gehen. Dadurch werde sich die Konkurrenz zwischen Tank und Teller noch verschärfen.

Decker sieht auch den geplanten Ausbau von Hochspannungs-Leitungstrassen, die nötig sind, wenn verstärkt regenerative Energien wie Wind, Sonne oder Biomasse gefördert werden sollen, mit Sorge. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Flächen, die durch den Bau selbst beansprucht werden, sondern um die so genannten Ausgleichsflächen, die beim Bau von Energieanlagen nachgewiesen werden müssen: Solche Flächen können ebenfalls nicht mehr intensiv-landwirtschaftlich genutzt werden.

Wenn die zur Verfügung stehende Agrarfläche kleiner, die Nachfrage größer wird, hat das steigende Preise zur Folge. Mais zum Beispiel verteuerte sich auf den Terminmärkten innerhalb eines Jahres um 100 Prozent auf 225 Euro. Leidtragende sind Viehhalter, die Kolben und Körner als Futter für ihre Tiere benötigen. Wegen der höheren Einnahmen steigen auch die Preise fürs Land selbst. Pächter landwirtschaftlicher Flächen bekommen das schmerzhaft zu spüren.

Die Konkurrenz um die Flächen von Energie- und Nahrungsmittelproduzenten bringt auch Naturschützer in die Bredouille. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) etwa findet das Beispiel von Peter Tremöhlen durchaus nachahmenswert, da der Klever nur zu einem geringen Anteil Mais in seiner Anlage zur Energiegewinnung nutzt. "Wer keine Atomenergie will, muss auf einen Energiemix setzen, zu dem auch die Biogasanlagen gehören", sagt Nabu-Expertin Anke Valentin.

Allerdings fürchtet sie die wachsenden Mais-Monokulturen, die Tieren wie Rebhuhn, Kibitz und Lerche den Lebensraum nehmen. Ihr Schluss: "Bei der Bioenergienutzung zeichnet sich das Ende ab."

Die Bundesregierung ist nicht ganz so skeptisch. Auch nach der jüngsten Überarbeitung des Erneuerbare-Energie-Gesetzes bleiben Biogasanlagen förderwürdig. Allerdings, so Peter Tremöhlen, würden nun Großkonzerne bevorzugt: "Künftig wird wohl noch mehr Mais angebaut werden müssen, weil die Konzerne ja keinen eigenen Mist oder Gülle haben, die sie nutzen können. Die Konflikte werden sich daher weiter verschärfen."

(RP/jul)
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