Kalkar: Kunst unter freiem Himmel

Kalkar: Kunst unter freiem Himmel

Studieren in der Natur, sich inspirieren lassen von der schönen Landschaft des Niederrheins: Kunststudenten aus Düsseldorf konnten das an der 1936 eingerichteten Landakademie in Kalkar. Helma Holthausen gehörte dazu und erinnert sich an diese Zeit.

Ihre Liebe zum Niederrhein hat Helma Holthausen einst in Kalkar entdeckt. Denn im Winter 1936 nahm die heute 94 Jahre alte Neusserin zum ersten Mal an der Kalkarer Landakademie mit Düsseldorfer Kunststudenten teil. An die Ankunft dort kann sie sich noch genau erinnern: "Mein Vater ist mit mir im Auto dorthin gefahren", erzählt sie. "Er hat sich alles angesehen und dann gesagt, 'also gut, ich bezahle das, du kannst nach Kalkar gehen, aber du wohnst nicht im 'Haus Sieben Linden'. Denn da waren ja die Jungs untergebracht, und Sie wissen, wie das damals war."

Also mietete der Vater seiner damals 19-jährigen Tochter ein hübsches Zimmer bei Ada Neuhaus mit einem Blick auf den idyllischen Garten und den alten Taubenturm. Nun konnte es also losgehen, und für die frischgebackene Kunststudentin im zweiten Semester begann eine herrliche Zeit des Arbeitens in freier Natur.

Versponnenes Moyland

"Unser Tagesablauf war ganz einfach", berichtet Helma Holthausen: "Morgens haben wir gemeinsam im ,Haus Sieben Linden' gefrühstückt, und dann war für den Abend mit Professor Clarenbach ausgemacht, an welcher Stelle wir arbeiten sollten. Oft hatten wir die Staffelei schon draußen, meistens irgendwo bei einem Bauernhof in der Scheune abgestellt, damit wir das Malzeug nicht schleppen mussten. Und dann fuhren wir mit dem Fahrrad raus. Der Clarenbach kam dann zur Korrektur zu uns. Er hat übrigens auch draußen in der Landschaft gearbeitet. Den haben wir immer bewundert, weil der so an einem Tag ein Bild fertig kriegte, vor der Natur. Und Motive, die gab's ja in Kalkar und Umgebung genug. Schöne Baumstudien hab' ich da angefertigt. Wenn man nach Moyland fuhr, traf man dort in den Wiesen auf wunderbare alte Eichen. Moyland war ja schon damals ganz versponnen und romantisch. Ich erinnere mich an große alte Mauern, die vom Grün überwuchert waren. Aber auch Hanselaer war sehr schön.

In Kleve und Rees waren wir oft. Wir haben am Altrhein, an der Kalflak oder an Kolken gesessen. Gezeichnet wurde mit Bleistift, Kohle oder Graphit. Und dann haben wir auch kleine Leinwände mitgenommen und Ölfarben und haben draußen in der Natur richtig fertige Bilder gemalt."

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Nach dem Kunstschaffen draußen fanden sich Professor und Studenten dann meist bei Frau Sensen ein. "Sie war eine richtig liebe nette Mutter, die für uns jeden Abend lecker gekocht hatte", erzählt Helma Holthausen. Und nicht selten folgte dann noch ein feuchtfröhlicher Abend mit Professor Clarenbach im Ratskeller. Singend haben die Kunstschüler ihren Meister anschließend zum Hotel "Zum Ritter" geleitet.

Leben ohne Zwang

"Also der Studienalltag war doch recht leger", resümiert Helma Holthausen, "und das Schöne an den Landakademien war das Frei sein in der Natur, das Leben ohne Zwang. Mit der ursprünglichen Idee (des Akademiedirektors) in Kalkar ein nationalsozialistisches ,Schulungslager' für Kunststudenten zu gründen, hatte die Praxis dann gar nichts zu tun."

Kein Wunder also, dass die jungen Kunststudenten die Landakademien genossen und irgendwann (1938) auf die Idee verfielen, in Kalkar eine Künstlerkolonie zu gründen. Nur: "Dann kam der Krieg dazwischen, und dann war alles nicht mehr wahr", beendet Helma Holthausen ihre Schilderungen. Doch ihrer einmal entfachten Begeisterung für die niederrheinische Landschaft blieb die Neusser Künstlerin bis heute treu. In unzähligen Niederrhein-Exkursionen hat Helma Holthausen — auch im Klever Land — viele beeindruckende Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde von "stillen Landschaften" geschaffen, die beinahe immer Zeichen menschlicher Zivilisation bewusst ausklammern.

(RP/jul)
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