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Zeitscheibe: Ein Stück altes Kleve

Kleve : Ein Stück altes Kleve

Ein Blick zurück in die alte Zeit: Der Klever Restaurator Clemens Giesen plant eine Zeitscheibe in Kleve. Das ist ein schmales Stück Stadt, das an das untergangene Kleinod Cleve erinnert und Ziel eines Stadtrundgangs sein könnte.

Der Zuspruch war groß: Als Clemens Giesen sein Elternhaus an der Marktstraße in Kleve, in dem er seit Jahrzehnten als Restaurator arbeitet und vorne zur Straße hin seine besten Möbelstücke und Kunsthandwerk ausstellt, zurückbaute, war die Spannung groß. Denn zurückbauen hieß bei ihm nicht abreißen, sondern in einen Zustand versetzen, der historisch sein könnte. Zusammen mit dem Klever Architekten Werner van Ackeren entwickelte er eine Fassade, die zum Haus passt und die an das alte Kleve erinnert. An die Stadt, die einst diese Mischung aus deutschen und niederländischen Häusern hatte, mit großen Fenstern und einer liebevoll gestalteten Fassade. Das Haus wurde ein Schmuckstück inmitten nüchterner Nachkriegsaufbauten. Nicht nur seine Kunden waren begeistert: Ja, so hat das ausgesehen, als Kleve noch schön war!, hieß es unisono von älteren Klevern.

Der Umbau zeigte aber auch, wie die Stadt gelitten hatte, die, wie es der Klever Stadtarchivar und Museumsdirektor Friedrich Gorißen in seinem Buch „Kleve wie es war“ schreibt, als das Kleinod des Niederrheins untergegangen war. Der Blick in die Marktstraße zeigt die nüchternen Fassaden aus den 1950er und 1960er Jahren, die Betonstützwand des Parkplatzes und die Rückfront des Kaufhofs. Es war das Lob für das schöne Haus, das einsam zwischen den Nachbarhäusern steht, das Giesen zu einer neuen Idee brachte. Man könnte eine „Zeitscheibe“ einrichten, eine Art Fahrstuhl ins 19. Jahrhundert, überlegte der Restaurator. Nämlich über die Breite seines Hauses Trottoir, Bordsteine, Straßenpflaster und die gegenüberliegende Wand um 100 Jahre zurückversetzen. Eine Idee, die abwegig klingt, aber machbar ist.

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Giesen sitzt in der Werkstatt seines Hauses an einem alten dreidimensional gezeichneten Stadtplan von Kleve und zeigt auf die Marktstraße: „Ich bin im zweiten Stock dieses Hauses geboren, ich bin hier aufgewachsen. Mein Großvater hatte es gekauft zu einer Zeit, als die Straße zum Großen Markt eine wichtige Straße war. Da war hier Geschäft an Geschäft“, sagt er und zeigt alte Fotos. Seine Idee sei auch gar nicht so aus der Luft gegriffen, wie es sich anhöre, fügt er an und hat handfeste Argumente auf seiner Seite: Die alten Bordsteine aus Basalt und teils aus Blaustein sind erhalten, das Straßenpflaster liegt unter dem Asphalt, der in den 1950/60er Jahren einfach nur drübergelegt wurde. „Da wurde meine Idee, auf der Breite meines Hauses die Vergangenheit zurückzubringen, immer greifbarer“, sagt Giesen. Um zu zeigen, wie es gegenüber aussah, wo jetzt die Betonstützwand für den Parkplatz steht, ging er ins Stadtarchiv. „Da bin ich fündig geworden, ein Foto um 1900 zeigt das damalige Haus mit seinen Bewohnen vor dem Geschäftslokal“, sagt er. Das Foto möchte er gegenüber auf dem Beton aufmalen lassen, eben genau über die Breite seines Hauses, das die Zeitscheibe vorgibt. „Das wäre dann ein Ausschnitt“.

Damit das Vorhaben Hand und Fuß und die Chance zur Realisierung bekommt, ging Giesen zum Büro des Integrierten Handlungskonzepts Kleve. Dort fand man die Idee toll. Architekt Martin Eiselt, der für das IHK Bürger berät, die beispielsweise ihre Fassade aufpolieren möchten, baute ein Modell, wie es aussehen könnte. Und es hieß auch, dass es sogar eine Förderung von bis zu 50 Prozent aus IHK-Mitteln geben könnte, wie man dem Restaurator in Aussicht stellte. Als nächstes folgten Gespräche und vor-Ort-Termine mit dem damaligen Fachbereichsleiter Planen und Bauen der Stadt Kleve, Dirk Posdena und dem Fachbereichsleiter Tiefbau, Bernhard Klockhaus. Die beiden seien bei der Idee mitgegangen, sagt Giesen. Auch das Gremium zum IHK habe die Idee angesichts des von Eisdelt gebauten Modells gut gefunden.

Also spann Giesen den Faden weiter: Er müsse noch einen Pflasterer finden, der die Aufgabe übernimmt, die Trottoirs zu bauen. Die großen hätten bereits abgewunken: Die Flächen sind zu klein, sagt er. Weil es öffentlicher Raum ist, muss das aber schon eine entsprechend renommierte Firma machen. Er stehe zwar im Austausch mit dem Tiefbauamt – aber für die Kostenvoranschläge brauche er entsprechende Firmen. Der Wandmaler, der das alte Schwarz-Weiß-Foto auf den Beton setzt, sei da weniger das Problem. Aber: „Letztlich muss man das finanzieren können“, sagt Giesen.

Beim IHK habe man auch darüber geredet, dass man vielleicht nicht nur eine Zeitscheibe macht – es gebe in Kleve ja in verschiedenen Straßen in der Innenstadt oder in ihrer Nähe einzelne Häuser, die den Krieg überdauert haben. Orte, die ebenfalls zur Zeitscheibe werden könnten: als attraktive Ziele in der Innenstadt.