Weltklasse-Pianist Severin von Eckardstein spielte beim zweiten Reihenkonzert in der Stadthalle.

Lokale Kultur : Selten gehörte Komponisten

Nachdem Pianist Cédric Pescia wegen eines Infekts absagen musste, erklärte sich der Weltklasse-Pianist Severin von Eckardstein bereit, beim zweiten Reihenkonzert in der Stadthalle aufzutreten. Im Gepäck hatte er zwar nicht die angekündigten Bach und Schubert, dafür Werke der Früh- bis Spätromantik.

Ein Schwerpunkt seines Repertoires sind selten gehörte Komponisten wie Nikolai Medtner. Kleve ist ihm auch nicht unbekannt: er konzertierte u.a. bereits beim Klaviersommer im Forstgarten.

Severin von Eckardstein ist kein Mensch großer Worte – er betrat die Bühne und spielte, wunderbar präsent vom ersten Ton an. Seine Finger erzeugten eine Tonsprache, die das Publikum in Kleve hochkonzentriert zuhören ließ und in den Bann zog. Mit Eleganz legte er die eingangs gespielte Chopin-Nocturne E-Dur op. 62 an und zeigte seine grundsätzlich feinsinnige Herangehensweise an Dynamik und Transparenz.

Die fünf „Préludes“ op. 16 von Alexander Skrjabin durchlief er von schwelgerisch-satt bis rhythmisch-pointiert, spielte mit Gegensätzen, die er im gesamten Programm niemals scheute. Skrjabins „Poème satanique“ hat als Komposition gar nichts tief-Teufliches, eher Heiteres – und erforderte eine Virtuosität, die von Eckardstein wie mühelos aussehend auf höchstem Niveau präsentierte, mit viel Intensität vom Pianissimo bis Fortissimo, mit exakt abgewogenem Zeitempfinden für Anschlag und Ausklang.

Es folgten Werke von Nikolai Medtner, dessen russische Seele bei gleichzeitig analytischem Denken von Eckardstein besonders schätzt, wie er in der Einführung betonte. So hörte man das Andante molto espressivo aus Medtners Sonate-Elegie op. 11 Nr. 2 d-Moll in der Tat voller Expressivität gespielt, mit vollem Hineinspüren statt einfachem Abspielen. Von Eckardstein erwies sich als Pianist, der den Stimmungen Medtners nachspürte und zugleich die Komplexität zu verdeutlichen verstand. Die „Vier lyrischen Fragmente“ op. 23 gelangen so als kleine hochkomplexe pianistische Preziosen, vom dekadenten Geist der vorletzten Jahrhundertwende durchweht. Er interpretierte Medtner mit einem besonderen Blick für die Details mit jedem Anschlag, Tempoverschärfungen, markanten Akzenten und Vorschlägen, vom Kraftvoll-Expressiven bis zum Innig-Sanften und vor allem mit berauschender, kaum nachzuvollziehender Tastenakrobatik, die schon zur Pause zu Bravo-Rufen hinriss. Nach der Pause dann angenehm „kleine Portionen“ Brahms mit vier Klavierstücken op. 119, kleinen Gedankenwerke mit viel Struktur selbst bis ins voll ausgekostete Fortissimo. Prokofieffs „Romeo und Julia nehmen Abschied“ leitete als Stimmungsbild über zu dessen Sonate Nr. 7 B-Dur op. 83 – ein Werk entstanden zu Kriegszeiten und davon gezeichnet. Den kunstvollen Klaviersatz, geprägt von scharfen Umrisszeichnungen, spielte von Eckardstein spannungsgeladen und äußerst differenziert. Im eindrucksvollen Finalsatz der Sonate hielt er den motorischen Exzess durch und hielt die Spannung aufrecht, bis er bei tosendem Applaus und nach einer Zugabe die Bühne verließ.

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