Von oben herab: Ludger Kazmierczak blickt auf das Jahr zurück

Kabarett: Von oben herab

Ludger Kazmierczaks Rückblick im Restaurant Aussichtsturm in Kleve ist ausverkauft. Er tritt dort 23 Mal auf und wird knapp 2000 Klever erreichen.

Der Turm hoch über Kleve leuchtete weit sichtbar orange, orangefarbene Luftballons hingen am Geländerkranz. Aber das hatte nichts mit Kees und seinem Toskana-Urlaub zu tun, wo der Volvo-Kombi-fahrende Niederländer ganz alleine mit seiner Präsenz und seinem lauten Ton den Swimmingpool besetzte. Dieses Orange war Teil der UN-Kampagne „Orange your City“ Keine Gewalt gegen Frauen, an der das Turmteam teilnimmt.

Trotzdem stimmte es auf einen kurzweiligen Abend ein, der im Fluge vorbeiziehen sollte, mit einem Blick auf die orangen Nachbarn begann, um dann dezidiert in das Klever Klein-Klein oder Groß-Groß der lokalen Politik einzusteigen. Es ging um Pastöre, die mit ihren Hormonen zu kämpfen haben, um Migranten vor geschlossenen Türen der Kreisverwaltung, und nicht zuletzt um die Klever Bürgermeisterin Sonja Northing und ihre Verkleidungskünste. Bei Beuth traf Kabarettist Ludger Kazmierczak mitten ins Schwarze: „Was ist denn mit Stuka-Jupp, dem Sklaventreiber von Nassau und nicht zuletzt der Heinrich-Janssen-Straße“, fragte er zu Recht.

Doch zunächst war Kees die zentrale Figur im fünften kabarettistischen Jahresrückblick von Kleves WDR-Redakteur Kazmierczak „Von oben herab“ auf die Region rund um den Turm, der Sonntagabend Premiere feierte. Er blickte auf Emmerich, auf das der Klever gerne herunterschaut, er schaute auf Nütterden, Donsbrüggen, Materborn und Kellen. Auf die Klever Politik und vor allem auf die in heißer Hassliebe mit dem Kleverland verbundenen Nachbarn jenseits der Grenze, die es dem in Nütterden aufgewachsenen WDR-Mann Jahr für Jahr besonderen angetan haben. So dieses Mal, als er von seinem Toskana-Urlaub mit Kees erzählte. Davon, dass es wohl keinen Ort der Welt gibt, wo der Niederländer nicht schon ist, wenn man dort ankommt. Wie Kees und sein Volvo mit Thule-Dachgepäckträger. Dazu gab es dann auch noch einen kleinen Diskurs ins Holländische, und alle im Saal durften sich in niederländischen Zungenbrechern versuchen. Kazmierczak musste die Klever des Premierenabends allerdings sofort in den Kurs für Fortgeschrittene schicken. Kein Wunder, ist das Platt der Klever doch gar nicht soweit von der Nachbarsprache entfernt. Und damit war er endlich da angekommen, worauf alle gewartet hatten. In den Tiefen der Klever Lokalereignisse. Und weil das Piesacken 1590 in Kranenburg erfunden worden sein soll und der Niederrheiner es bis heute so gerne ausübt, gab es besonders schöne Dönekes aus dem Kleverland.

Von Mom bis zum Pfarrer aus Materborn, von Manfred Palmen, Wolfgang Spreen, dem CDU-Fraktionschef Gebing und von all den Reibereien zwischen Rat und Verwaltung. Was die Leitungspositionen in der Hochschule und in Schloss Moyland mit einem Berner Sennenhund zu tun haben, erfährt man so nonchalant nebenbei, wird aber nicht verraten. Denn man solle nicht gleich nach der Premiere alle seine Gags ausplaudern, bat der Kabarettist. Versprochen.

Ein Blick zurück voll süßer Nostalgie gab’s auf die Zeit als die Handys noch Schnur und Wählscheibe hatten und auf die wichtigste Erfindung des Niederrheiners, den Snoep-Schrank.

Sicher begab sich Kazmierczak auch auf das Parkett der Bundespolitik - zumal er Merkel ja „Tante Angela“ nennen dürfe. Aber das ist eine andere Geschichte, die der Neffe der Kanzlerin besser selber erzählt. Kabarett-Kollege Popolski lässt grüßen...

Das Programm war kurzweilig, treffsicher, manchmal auch überspitzt-verkürzt nicht ganz faktisch, immer aber voller Humor, der zuweilen auch richtig böse war. Bestens eingestreut die Lieder, die Kazmierczak teils auch mit dem Publikum singt. Und wenn dann der „Sound of Silence“ zum Song of Sachsen und seine tumben Rechten im Herdentrieb von Pegida wird, positioniert sich Kazmierczak klar gegen Rechts und die AfD. Immerhin gebe es im Kreis Kleve 11.000 Menschen, die ihr Kreuzchen bei den Rechten machten, sagt er. Man solle doch liebe bei anderen Splitterparteien sein Kreuz machen. Zum Beispiel bei der SPD.

Kleve hat jetzt 53.000 Einwohner und ist so groß wie Ibbenbühren, Goslar oder Gummerbach. Nichts besonderes. Aber Kleve hat einen eigenen lokalen Kabarett-Rückblick. Toll, für eine Stadt mit „nur“ 53.000 Einwohnern. So toll, dass alle Abende am Turm ausverkauft sind, ebenso das Spiegelzelt und der Abend in Goch im März. Nur für einen Auftritt im Frühjahr in Rees gibt es noch Restkarten. Noch.

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