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Museum Kurhaus: Nacktheit allgegenwärtig im Net und doch zensiert

Ausstellung im Kurhaus : „Nacktheit ist ein Thema, an das alle anknüpfen können“

Die viel diskutierte Ausstellung „Der Nackte Körper. Eine Frage der Perspektive“ geht in die letzte Ausstellungswoche. Es war eine erfolgreiche Kooperation zwischen Museum Kurhaus Kleve und Hochschule Rhein-Waal.

Aus der ersten intensiven Zusammenarbeit zwischen Museum Kurhaus Kleve und der Hochschule Rhein-Waal entwickelte sich eine spannende Ausstellung, die viele Besucher anzog und verlängert wurde. Wir sprachen mit Eva Maria Hinterhuber, Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Genderforschung an der Hochschule Rhein-Waal, die federführend an dem Projekt beteiligt war.

Frau Prof. Hinterhuber, wie bewerten Sie mit Blick auf die Ausstellung die Zusammenarbeit zwischen einem Kunstmuseum und der Hochschule?

Eva Maria Hinterhuber Ich bin begeistert von der konstruktiven Zusammenarbeit zwischen dem Museum Kurhaus Kleve und der Hochschule Rhein-Waal! Für beide Seiten war es ein Novum, bei der Ausstellung „Der nackte Körper – eine Frage der Perspektive“ handelt es sich ja um das erste Kooperationsprojekt zwischen MKK und HSRW. Unser Team war ungemein vielfältig: Kurator*innen und Kunstvermittler*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Studierende zweier Studiengänge aus mehr als einem Dutzend Herkunftsländer waren beteiligt. Um ein solches Vorhaben umzusetzen, braucht es eine gehörige Portion Mut, Neugier, sich auf andere Fachgebiete und Sichtweisen einzulassen, die Bereitschaft, voneinander zu lernen, Flexibilität, Kreativität und Hartnäckigkeit, gerade in Zeiten der Pandemie. Wie schön, dass beide Seiten all dies mitgebracht haben – das Ergebnis kann sich sehen lassen.

 Eva Maria Hinterhuber, Professorin an der Hochschule Rhein-Waal.
Eva Maria Hinterhuber, Professorin an der Hochschule Rhein-Waal. Foto: Markus van Offern (mvo)
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Welche Rückmeldungen haben sie zur Ausstellung bekommen?

Hinterhuber Die Reaktionen auf die Ausstellung sind in der Regel sehr positiv. Nacktheit ist ein Thema, an das alle anknüpfen können, und das in seiner Ambivalenz zwischen Verletzlichkeit und Empowerment fasziniert. Fast alle, die die Ausstellung besucht haben, finden Exponate, die sie berühren, beschäftigen oder auch einfach erfreuen. Immer wieder als besonders hervorgestellt wird die Vielfalt der in den Kunstwerken gezeigten nackten Körper, sei es in Bezug auf Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarben, Körperformen. Besonders oft wurden im Gespräch mit mir die beiden von Jocelyn Lee bzw. Jodi Biber porträtierten älteren Frauen positiv hervorgehoben.

Die Ausstellung hat auch provoziert - warum ist Nacktheit immer noch so ein schwieriges Thema?

Hinterhuber Ich denke, das hat mit der bereits angesprochenen Ambivalenz des Themas zu tun: Der nackte Körper steht  für Natur und Freiheit, für Ursprünglichkeit, ebenso für Verbundenheit, Liebe und Sexualität, er symbolisiert Selbstbestimmung und Handlungsmacht, kann Ausdruck von Gesundheit, Vitalität und Stärke sein und auch als kraftvolles Medium für Protest fungieren. Andererseits kann Nacktheit aber auch Ausdruck von Verletzlichkeit sein, mit Entblößung und Scham assoziiert werden. Aus soziologischer und insbesondere feministischer Sicht gibt es keinen puren, unverstellten Blick auf den Körper, die Perspektive auf den (nackten) Körper ist immer eingefärbt von kulturell geprägtem Wissen und spiegelt somit auch gesellschaftliche Machtverhältnisse, Hierarchien und Normierungen wider – das macht das Thema so komplex.

Sie haben Bilder vom 16. Jahrhundert bis heute für die Ausstellung gefunden - lässt sich da eine Entwicklung ablesen?

Hinterhuber Aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive fällt auf, dass im Vergleich zu den historischen, stark idealisierten Darstellungen nackter Körper die Kunst der Gegenwart mehr Diversität zulässt. In der Ausstellung zeigt sich dies besonders deutlich im ersten Raum, wo zeitgenössische photographische Motive nackter männlicher Paare des queeren Konzeptkünstlers AA Bronson mit Kupferstichen eines idealisierten „Herkules Farnese“ von Hendrick Goltzius aus dem 16. Jahrhundert kontrastiert werden. Die künstlerischen Positionen zum nackten Körper regen die Besucher*innen zu einer Auseinandersetzung mit Körperidealen und auch zur Reflexion von Darstellungen von Männlichkeit im Wandel der Zeit an.

Wenn man heute die Zensur in den Social-Media-Kanälen betrachtet, wird der Umgang mit Nacktheit wieder schwieriger, wie im 19. Jahrhundert?

Hinterhuber Ich denke, die Situation ist komplexer – auf der einen Seite ist Nacktheit allgegenwärtig, und vieles, was früher schambesetzt war, ist heute akzeptierter Ausdruck einer pluralen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Auf der anderen Seite zensieren Algorithmen Darstellungen weiblicher Brustwarzen, Körperbehaarung, aber auch Abbildungen der Venus von Willendorf. Einerseits bieten die neuen sozialen Medien einen scheinbar unbegrenzten (Frei-)Raum, sich auszuleben, demgegenüber stehen neue Formen sexualisierter Gewalt im Netz. Der Kampf um das Recht am eigenen (Nackt-)Bild ist berechtigt und eine gewisse Zurückhaltung angesichts der beschriebenen Entwicklung nachvollziehbar. Dem gegenüber steht die willkürliche Zensur durch Konzerne, die damit gleichzeitig überkommene Geschlechterbilder reproduzieren – so werden weibliche Brustwarzen in bestimmten Kontexten von sozialen Netzwerken zensiert, männliche jedoch nicht. Das Ganze verweist auf ein größeres Thema, das gesellschaftlich auszuhandeln ist – was darf gezeigt und gesagt werden? Wünschenswert wären Begrenzungen von Hate Speech und der Verbreitung von Fake News statt Begrenzungen von selbstbewusster weiblicher Sexualität oder sexueller Vielfalt. Wie in der Kunst mit dem Thema umgegangen wird, zeigt in der Ausstellung „Der nackte Körper – eine Frage der Perspektive“ das Werk von Kirsten Becken, deren Neuinterpretation des Motivs „L’origine du monde“ – ein expliziter Blick auf das weibliche Geschlecht –, mit Stoff und Blüten versehen, die Zensur auf Instagram unterläuft, ebenso wie die Videoinstallationen von Kefan 404, in denen der Künstler die tatsächliche Zensur seiner Videos ausstellt.

Die Ausstellung will auch zeigen, dass Gender and Diversity sich eben nicht nur auf das so genannte Gender-Sternchen beschränkt?

Hinterhuber Das Zusammenspiel von Gender mit anderen Ungleichheitskategorien, wie Ethnizität, Klasse, sexuelle Orientierung, zu erforschen und Beiträge dafür zu liefern, wie die negativen Auswirkungen derselben überwunden werden können, liegt in der Tat im Kern der Gender und Diversity Studies. Als fächerübergreifende Disziplin gehört die Erforschung einer gendersensiblen Sprache entsprechend ebenso dazu wie die negativen Auswirkungen restriktiver Schönheitsideale auf die körperliche und seelische Gesundheit von Mädchen. Ziel ist es, gleichen Teilhabechancen für alle näher zu kommen. Die Hochschule Rhein-Waal hat die Relevanz der Disziplin von Beginn an erkannt und bietet als erste Fachhochschule den Bachelorstudiengang „Gender and Diversity“ mit starkem Anwendungsbezug an.

Sehen Sie die Möglichkeit einer möglichen weiteren Zusammenarbeit mit dem Museum?

Hinterhuber Selbstverständlich! Ich hoffe, nicht zuletzt im Sinne der Studierenden, in der Zukunft auf zahlreiche weitere Kooperationen zwischen Museum und Hochschule, und sehe eine ganze Reihe möglicher Formate. Das Schöne daran ist, dass an einem gemeinsamen Projekt wie der Ausstellung „Der nackte Körper – eine Frage der Perspektive“ auch die Gesellschaft teilhaben kann.