Kleve: Zeichnungen von Andreas Schmitten mit Liebespaar im Kurhaus

Museum Kurhaus: Das perfekte Liebespärchen : In Liebe vereint – ganz und gar

Das Liebespaar von Andreas Schmitten ist jetzt in der neuen Einrichtung des Museums Kurhaus Kleve zu sehen: Drei Zeichnungen, die wie ein Triptichon ziemlich brutal von der totalen Vereinigung von Mann und Frau erzählen.

Andreas Schmitten kommentiert in einer wie selbstverständlichen Brutalität hintersinnig den Zeitgeist, erzählt von der Optimierung des menschlichen Körpers durch Chirurgie und Technik, zieht zugleich an, wie er abstößt mit seinen Bildern, auf denen sich zufrieden wirkende schöne Menschen verstümmeln oder verstümmeln lassen, nur um besser im technischen Alltag der scheinbar so schönen neuen Welt zurechtzukommen. Mit Blick auf Chips, die sich Menschen schon unter die Haut setzen lassen, um besser bargeldlos bezahlen zu können oder identifizierbar zu sein, gar nicht so abwegig. Letztlich ist es eine drastische Infrage-Stellung des Drangs nach der absoluten Optimierung des Selbst. Schmitten gehört zu den vielversprechenden Bildhauern in NRW, sagt Kleves Museumsdirektor Prof. Harald Kunde. das Kurhaus feierte den jungen Künstler in einer großen Einzelausstellung, in die eine monumentale weiße, für Klever an einen Schwan erinnernde Skulptur von draußen ins Haus lockte.

Als Ankauf blieb nach der Ausstellung die „Trias der Zeichnungen“ (so Kunde) eines Liebespärchen, das die totale Vereinigung in der geistigen Einheit sucht. Dafür lassen sich ein junger Mann und eine junge Frau mit einer Japan-Säge die Schädeldecke aufschneiden und entfernen - ein auf blauem Grund schwarz gezeichnete Darstellung der jeweiligen Partner. Das dritte Blatt zeigt schließlich die Vereinigung: Mann und Frau sind fest am Kopf verschraubt. „Vielleicht“, so sagt Susanne Figner vom Museum Kurhaus bissig, „fehlt noch eine letzte Drehung, um es ganz perfekt zu machen.“ Jedenfalls seien die Beobachtungen Schmittens als Zeichner stets „messerscharf“ . . .

Messerscharf für die nötigen chirurgischen Eingriffe. „Die Frau trägt den Mann“, sagt Kunde mit Blick auf die drei Blätter. Beide schauen geistig einander in sich hinein, sind auf immer tief verschränkt, fest verschraubt. Ansehen können sie sich so eigentlich nicht mehr, auch wenn sie ab jetzt schicksalhaft verbunden sind wie siamesische Zwillinge. Einen eigenen Weg kann keiner mehr gehen. Allenfalls, dass auch der Mann die Frau tragen wird.

„Tatsächlich möchte keiner so untrennbar verbunden sein, auch nicht in einer sehr gut funktionierenden Zweierbeziehung“, sagt Kunde. Andreas Schmitten denke hier ironisch die zynische Mediengesellschaft weiter, zeige, wie man sich die Kreditkarte in den Finger implantiere. Das sind Anleitungen, die keiner Ernst nehmen kann und die regelrechte Absurditäten zeigen. Und doch so erschreckend real sind. Wie gesagt: Die Chips unter der Haut sind eigentlich schon Realität und künden nicht einmal von der Zukunft: bei einer schwedischen TUI-Tochter, so berichtete das Magazin „Der Spiegel“, trage inzwischen jeder fünfte Mitarbeiter  einen Mikrochip in der Hand. Entsprechend stark bedrängen Schmittens messerscharf beobachtete Zeichnungen den Betrachter, wenn Mensch und Werkzeug eins werden, wenn es größtmögliche, aber unwahrscheinliche Verletzungen gibt. Die Zeichnungen, Pigmentstift auf Papier, bläulich oder sepia, seien in ihrem Spiel mit Fabel, Versuch und Versehrtheit meisterhaft, sagt Figner und schaut skeptisch auf das verschraubte Pärchen. Kunde erklärt, es sei eben eine wunderbar ironische Reflexion, die die Frechheit und den Witz des mittelalterlichen Klever Handtuchhalters ins Hier und Jetzt in eine selbst in Beziehungen auf Effizienz getrimmte Gesellschaft transportiere.