Kleve Streichholzschachteltheater vom RLT Neuss

Theaterkritik : Theater: Zündende Szenen über Sprechen und Verstehen

Zum Auftakt der Theatersaison in der Klever Stadthalle gastierte das Rheinische Landestheater Neuss mit dem „Streichholzschachteltheater“. Das Publikum wurde mit einbezogen und war begeistert.

„Schalten sie ihr Handy nicht aus, reden sie, lachen sie, essen und trinken sie. Gehen sie ruhig raus, wenn sie mögen, schlagen sie gerne die Türen laut zu“ – so etwa lautete die Durchsage, mit der das „Streichholzschachteltheater“ in der Klever Stadthalle begann. Keiner der Zuschauer befolgte aber diese Anweisungen, denn das Stück fesselte die ganze Aufmerksamkeit vom Anfang bis zum Ende. Zum Auftakt der Theatersaison in Kleve gastierte das Rheinische Landestheater Neuss mit der deutschen Erstaufführung des „Matchbox Theatre“ des Briten Michael Frayn in der Inszenierung von Caroline Stolz. Leider war nur etwa die Hälfte der Sitzplätze in der Stadthalle besetzt, jedoch die wenigen Zuschauer erlebten einen ebenso witzigen wie tiefsinnigen Theaterabend über menschliche Sprache und Kommunikation.

Die sechs Schauspieler, drei Männer und drei Frauen, begannen so ungewöhnlich und überraschend wie die Durchsage zu Beginn. Sie saßen im Publikum verteilt, und noch bevor der Vorhang aufging, spielten sie die erste Szene. „Sie sind die wirkliche Welt“, sagte einer der Akteure zum Publikum gewandt. Auf der Bühne sei alles gespielt, und wer wüsste schon, ob ein Stück so verstanden wird wie es gemeint ist. Charmant und witzig demonstrierte er, wie Kommunikation eigentlich geht: Mitteilen, verstehen, antworten. Es ist ganz leicht, oder doch nicht? Ein Streichholz brennt nur wenige Augenblicke, und so kurz waren auch die etwa 25 kurzen Szenen, die dann schließlich doch zum größten Teil auf der Bühne zu sehen waren. Sie alle handelten vom Dialog und hatten jede für sich einen „zündenden“ Moment: das Ehepaar Lady Hilarye und Sir Geoffrye liegt seit 600 Jahren in der Gruft. Geweckt von den Bässen eines Clubs fangen sie an, miteinander zu reden.

Die skurrile Eingangsszene hat etwas von einem makabren Sketch, als überlebe die Art der Kommunikation in einer Beziehung den Tod ihrer Akteure. Ein sehr lebendiges Paar war in einer weiteren Szene zu erleben. Hier lag ein nicht ganz unbekanntes Kommunikationsproblem vor: „sie“ beendet ständig „seine“ Sätze, weil „sie“ stets zu wissen glaubt, was „er“ sagen will. Hier kam auch das Bühnenbild ins Spiel, das aus einer riesigen Wand aus vielen alten, großen und kleinen Koffern bestand. Das Pärchen trug die Koffer hin und her, tauschte sie oder baute bedenklich wackelnde Türme aus ihnen. Wie einen vollgepackten Koffer trägt auch jeder Mensch seine eigene Lebenserfahrung mit sich herum, auf deren Grundlage er kommuniziert. Aber es gibt so viele „Koffer“ wie es Menschen gibt, Missverständnisse sind also vorprogrammiert. Auch mit Applaus lässt sich kommunizieren. In der Szene einer Preisverleihung klatschte das Publikum nicht nur für die Darstellung auf der Bühne, sondern agierte auch – versehentlich - als fiktives Publikum innerhalb des Stücks. So dirigierten die Schauspieler die Zuschauer, diese machten begeistert mit.

Auch beim Kanon „Froh zu sein bedarf es wenig“ verschloss sich das Auditorium nicht und sang - ein Zuschauer mit auf der Bühne - gerne mit. Ein Arzt-Patienten-Gespräch geriet zum Rollentausch, die Parodie einer politischen Rede zeigte, wie viel man sprechen kann ohne etwas mitzuteilen. Die Kommunikation zwischen Bühne und Publikum funktionierte gut bis zum Ende. Nur ein kleines Verwirrspiel beim Schlussapplaus konnten die Schauspieler sich nicht verkneifen. „Wir wissen eigentlich gar nicht, was wir hier machen“, so einer von ihnen.

Die Botschaften aber erreichten ihre Empfänger, denn der Beifall war lang.