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Kleve: Schuberts Am Brunnen vor dem Tore

Winter- und Weihnachtslieder : Am Brunnen vor dem Tore

Serie: Winter- und Weihnachtslieder und wo sie zu hören sind

Die Zeit der Winter- und Weihnachtslieder bricht an. Bei „Am Brunnen vor dem Tore“ denkt man wohl nicht direkt an Winter, führt das bekannte Lied die Anfangszeile doch fort: „…da steht ein Lindenbaum. Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen süßen Traum.“ Dies erinnert an Sonnenschein und ein frohes Naturerlebnis. Aber in der Tat gehört „Der Lindenbaum“ zu dem Zyklus „Wanderlieder. Die Winterreise“ von Wilhelm Müller, einer Dichtung über das Seelendrama eines Wanderers, der einsam durch eine Winterlandschaft reist. Franz Schubert vertonte den gesamten Gedichtzyklus unter dem Titel „Winterreise“ und darin als fünften Teil den „Lindenbaum“, das zum populären Volkslied wurde.

Insgesamt lässt sich die Thematik der „Winterreise“ als „düster“ und „schauerlich“ bezeichnen. Das lyrische Ich ist ein Wanderer, der seine Liebste verloren hat: sie wird einen anderen heiraten. Und daher will er nur eins: Weg aus der Stadt. Beim Vorbeigehen am Lindenbaum kommen die Erinnerungen an frühere, bessere Tage wieder hoch; aber er kann nicht bleiben. 1823, als das Gedicht entstand, war alleine das Wort „Winterreise“ eine Provokation: Im Winter reiste man nicht, das war viel zu gefährlich. Damals reiste man per Kutsche – wenn man Geld hatte. Ohne musste man eben zu Fuß gehen. Man stelle sich vor, wie jemand im klammen Wollmantel und mit durchnässten Lederstiefeln durch den Schnee stapfte. Wer in einer einsamen Gegend ausrutschte und sich den Knöchel verstauchte, für den bedeutete das den Tod durch Erfrieren. „Der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht“: Der Wanderer geht ohne Hut weiter – wie verzweifelt muss er sein! Die Leitmotive des Lindenbaums, Traum und Ruhe, tauchen mehrmals im Zyklus mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen auf.

Der Lindenbaum hat in der Symbolik und Metaphorik eine spezielle Bedeutung: Zu Müllers Zeiten war die Linde der Baum der Liebe bzw. Treffpunkt der Liebenden; sie war aber auch Ort des Gerichts (Kalkarer Gerichtslinde) und Sinnbild der Gemeinschaft (Markt Linde in Kleve). Die Linde war so ein Sinnbild der Gemeinschaft, das in Müllers Text im Kontrast zur Einsamkeit des Wanderers steht. „Der Lindenbaum“ gehört zum Repertoires vieler Gesangsvereine, dabei ist die ambivalente Haltung des Liedes oft einer verharmlosenden Romantisierung gewichen.

In Kleve erklingt die gesamte „Winterreise“ am 26. November um 20 Uhr in der Stadthalle Kleve.