Kleve: Neues Buch von Christoph Klimke: der Koloss.

Schriftsteller : Der Koloss von Kleve

2016 war Christoph Klimke Stadtschreiber in Rheinsberg. 2017 wurde am deutschen Theater in Göttingen sein Musical „Amerika First“ gefeiert. Jetzt erscheint, kurz vor seinem 60. Geburtstag, seine Erzählung „Der Koloss“.

Riesengroß steht er wie ein Boxer in den Wolken. Muskulöse Arme, struppige schwarze Haare, ebensolcher Bart. Sein Gesicht wird von der letzten Sonne angestrahlt, er schreitet nach hinten aus dem Bild heraus, seine Beine sind schon hinterm Horizont verschwunden, das Haupt wird von schwarzen Wolken umrahmt. In seinem Rücken liegt ein Schlachtfeld mit all dem Elend, das nur der Krieg kennt. „Der Koloss“, der wohl Sinnbild des Krieges ist, ist ein Gemälde, das lange Goya zugeschrieben war und das als eines der ersten Antikriegsbilder gilt. Um 1810 entstanden, hängt es heute im Museum Prado in Madrid.

Vielleicht ist es das Werk eines Goya-Schülers. Wie auch immer: Es ist beeindruckend. Auch für den kleinen Karl, der das Bild an sich nimmt, als der Vater den alten Kunstdruck aus dem Rahmen holt. Der Koloss wird ihn die nächsten Jahrzehnte begleiten. Karl trägt den ausrangierten Druck mit in sein Zimmer, wo er bald im neuen Haus auf der blauen Wand hängt, er nimmt ihn mit in sein Leben, ins Studium, nach Italien und nicht zuletzt nach Berlin, wo Karl lebt. Fast 60 Jahre alt.

Und wo er einen anderen Koloss kennenlernt: Den Krebs. Zunächst wird Nierenkrebs zufällig gefunden und erfolgreich operiert. Doch dann, nach vier Jahren der Satz, der wie ein Koloss im Raum steht und die Welt von heute auf morgen auf den Kopf stellt: „Ich sehe da was.“ Es ist der Satz, der Anfang und Ende ist und der die neue Erzählung von Christoph Klimke wie ein roter Faden durchzieht. Der Satz und der „Koloss“, der dem schmalen Bändchen den Titel gibt. Ein Bändchen, wohltuend im Layout ohne Foto, nur Autor, Verlag und den Titel tragend, im harten Einband, griffig. Und das ist gut so, denn man legt ihn, den schmalen „Koloss“, nur ungern aus der Hand. Man muss sich nicht erst einlesen, sondern wandert sogleich mit Klimke durch die Jahre, erlebt in Rückblenden die Kindheit, die Jugend.

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„Da ist ganz viel Kleve drin“, sagt der noch nicht 60-Jährige (Klimke ist 1959 geboren) mit einem Zwinkern. Unweigerlich ist dort viel Kleve drin, trägt Karl doch ganz viel von Christoph in sich. Die Kindheit, der Neubau in der kleinen Siedlung am Sportplatz, das Gymnasium mit seinen Lehren, von denen viele „Überbleibsel aus dem Krieg“ sind. Die Jugend mit Fahrten nach Nimwegen und der „Automatiek“, aus der man spät noch einen Snack ziehen kann, die Bars in der Stadt, das Radhaus, die erste Liebe. Es sind Erinnerungsfetzen und ganze Stücke, die nach und nach das Bild von Karl zeichnen. Mit einem guten Stück Kleve, mit einem großen Stück Berlin und mit Karls großer Liebe Italien. Halt gibt ihm Felix, sein Mann.

Es ist wirklich viel Kleve drin – aber es ist kein Kleve-Roman. Klimke verharrt nicht in einem melancholischen Blick auf seine Kindheit, Seine Gedanken springen, Szenen aus Kleve wechseln mit denen aus Westberlin, bleiben lange bei Marc, der an AIDS starb, und bei Marcs Frau Anna, die ihm, Karl, die alte Olivetti schenkt. Sie schwenken zum Vater, der unter dem DDR-Grau auf der Wand der Potsdamer-Kaserne die Farbe aus der Zeit des Nationalsozialismus findet, der nach dem Tod seiner Frau das „neue“ Haus, das inzwischen ein altes ist, verlässt und der nichts mitnehmen möchte. Da leuchtet der alte Autor Moravia, mit dem Karl einen Termin hat, und dessen Lebensmotto: „Man muss verzweifelt sein, um nicht zu verzweifeln“ auf. Karls Gedanken sind bei Goya, dessen Briefe an seinen Freund Martin Zapater so passend zitiert werden. Nicht zu vergessen: Die Hunde von Karl und Felix.

Das ist elegant beschrieben, es gibt böse, lakonische, witzige Szenen, warme Erinnerungen. Und immer der Satz: „Ich sehe da was“.