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Kleve Kirsten Becken drehte mit Schauspielerin Sandra Hüller einen Film

Kunstfilm aus Kleve : Das Unausgesprochene sagen

Kirsten Becken hat mit Rabea Edel ein Hörspiel und den Film „Ihre Geister Sehen“ geschrieben. Sie hat den Film gedreht und Regie geführt. In der Hauptrolle sieht und hört man Sandra Hüller. Becken verarbeitet darin die Geschichte eines Missbrauchs.

Es sind verstörend schöne Einstellungen in dem Film von Kirsten Becken, voller barock anmutender Bilder, Bilder aber auch von Vergänglichkeit, von Bedrohung und Angst. Und mit einer zwischen den Einstellungen aufscheinenden kleinen Skulptur von Amor und Psyche, wie sie Canova 1793 als Zeichen für die wahre Liebe in Marmor meißelte. Die Liebe, die die sterbliche Psyche zur unsterblichen Göttin macht, und Gott Amor sie heiraten kann. Aber hier verbrennen Amor und Psyche. Diese Liebe ist falsch. Das unterstreichen eine meist kratzige Musik und Satzfetzen, die aufhorchen lassen: „Sei still, keiner will das Hören. Es ist alles nur in deinem Kopf“.

Es ist alles nur ihn ihrem Kopf. Und damit es darin bleibt, gibt es Therapie und Pillen. Pillen, die sich die Schöne, es ist die imaginäre Anna, in der ersten Einstellung des Films als schmucke Spange in die Haare steckt. Die Pillen-Spange, die die Haare bändigt, wie die Pillen die Gedanken bändigen, die nicht sein sollen, damit das, was nicht sein darf, auch nicht sein kann. Und so gibt es nur stillen Widerspruch. „Ich bin nicht defekt“ haucht ein Textfetzen herüber. Anna flieht aus dem Haus, es folgen einfühlsame Bilder einer Schwangerschaft, aber auch Bilder von trotz Kälte schöner Schneelandschaften, in die Anna hineintanzt.

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Es sind Traumsequenzen, in die Anna sich zu flüchten scheint, durchbrochen aber immer wieder vom Bild eines maskenhaft auftauchenden Wolfes und des Opfers als Hasen, durchbrochen auch vom Sinnbild des „Ins Wasser gehens“. Immer liegt eine spürbare Angespanntheit über den Bildern und den Sätzen und der Musik, die das Unausgesprochene andeuten.

Becken möchte das Schweigen von Mutter und Tochter durchbrechen, möchte das Unausgesprochene sagen: Den Übergriff des Vaters auf die Tochter. In Beckens Fall des Großvaters auf die Mutter. Vor vier Jahren hat die in Kleve lebende Fotografin das Buch „Seeing her Ghosts“ (leider vergriffen) veröffentlicht, in dem sie mit Fotografien, Texten und Zeichnungen die Geschichte von Anna erzählt. Die Basis von Annas Geschichte ist die Biografie ihrer eigenen Mutter. Der Mutter, die von ihrem Vater missbraucht wurde, was die Mutter der Mutter totzuschweigen versuchte.

Jetzt hat Kirsten Becken gemeinsam mit der Schriftstellerin Rabea Edel daraus ein Hörspiel und den Film „Ihre Geister Sehen“ geschrieben, gedreht und Regie geführt. In der Hauptrolle sieht man Sandra Hüller als Anna, daneben unter anderen Annika Ruth Ramcke als die junge Anna. Unterstützt wurden der Film vom Deutschlandfunk (DLF), der das von der Schauspielerin Sandra Hüller so berückend gesprochene Hörspiel (70 Minuten) und den halbstündigen wieder mit Hüller perfekt besetzten Film als Stream zum Abrufen bereithält: http://ihre-geister-sehen.de. „Ihre Geister sehen“ läuft beim DLF als Kunstfilm mit Sandra Hüller, Annika Ruth Ramcke, Lotta Loos, Augusta Jansen, Rike Hiller, Sarah und Johann Langfeld, die Satzsequenzen sind Auszüge aus dem gleichnamigen Hörspiel von Rabea Edel. Kompositionskonzept und Hörspielregie hatte Judith Lorentz. Das Hörspiel sprechen Sandra Hüller, Ruth Reinecke und Svenja Liesau, die Musiker sind Sandro Tajouri und Moritz Bossmann (Produktion: Kirsten Becken, Deutschlandfunk Kultur 2021).

„Die gestalterischen Mittel sind aus Traumbildern meiner Mutter entliehen. Zum Beispiel der Luftwaffenmantel, den sie in einer Vision in der Klinik selbst trug. Er funktioniert im Film als Referenz - denn mein Großvater war im Krieg“, sagt Becken. Sie habe die Requisiten symbolisch gesetzt, beispielsweise die Polizistenmütze (Straftat). Die Großmutter versuchte den Mantel des Schweigens für immer über das Geschehen auszubreiten. „Ich habe Sandra ihren Bademantel tragen lassen“, sagt Becken. Der Mantel ist auch Teil des Stilllebens im Film, ein anderes Stillleben ist das mit Blumen geschmückten Porzellan vom Kaffeetisch. „Das ist eine ambivalente Erinnerung an meine Kindheit. Zu meinem Geburtstag hat meine Großmutter meinen Teller mit Blumen aus dem Garten geschmückt“, sagt sie. Die Papiermasken (Wolf und  Hase) hat ihr Vater Holger Becken für den Film hergestellt. Gedreht hat Kirsten Becken den Film hauptsächlich rund um Goch.

Ihre Mutter sei immer als depressiv regelrecht „abgehakt“ worden, sagt Becken. Irgendwann sei sie misstrauisch geworden und  habe begonnen, die Geschichte aufzuarbeiten, habe Bilder ihrer Mutter gefunden, die das Geschehen in Kinderbildern an ihr erwachsenes Selbst nachgezeichnet habe. „Ich wollte nicht mehr, das alles unter den Teppich gekehrt wird“, sagt Becken. Zusammen mit Christine Grimm, DLF und Dozentin für Hörspieldramaturgie an der Universität für angewandte Kunst in Wien, habe sie ihr Buch zu einem neuen Format weiterentwickeln wollen, man habe mit Sandra Hüller gesprochen, die sich gerne für das Projekt begeistern ließ und Rabea Edel dazu geholt. Aus Tagebuchauszügen, eigenen Träumen und Bildern habe man dann Film und Hörspiel entwickelt, die beide im Coronajahr 2020/21 produziert wurden.

Beides ist jetzt ein Jahr lang beim DLF abrufbar, als Film und als Hörspiel. Hören und sehen lohnt sich.