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Kleve: Diskussion um Johann Peter Beuth

Beuth-Diskussion : Beuth: Ein Fall fürs Museum?

Seit Bürgermeisterin Sonja Northing die Plakette am Geburtshaus des preußischen Reformers mit antisemitischem Gedankengut abnehmen ließ, ebbt die Diskussion nicht ab. Neue Thesen von Radboud-Professor Wim van Meurs.

Wim van Meurs ist Professor für politische Geschichte an der Radboud Universität in Nimwegen und beobachtet die Klever Debatte um das antisemitische Gedankengut von Christian Peter Beuth. Sein Fazit: „Wir können und dürfen Beuth nicht (nur) aus der Perspektive und nach den Maßstäben von 1811 beurteilen. Wir dürfen ihn aber genauso wenig für die Gräueltaten des Nationalsozialismus verantwortlich machen, trotz unseres Wissens bezüglich des Holocausts. Auch der Status quo vom 26. Juni 2018, dem Tag, bevor die Plakette entfernt wurde, gehört aber unwiderruflich der Vergangenheit an“, schreibt er unserer Redaktion.

Für die Fortsetzung der öffentlichen und politischen Debatte bedeute dies zweierlei. Erstens betreffe es immer eine Güterabwägung, in der beide Positionen und die dazugehörenden Argumente nicht prinzipiell falsch oder moralisch verwerflich seien. Zweitens: Die Plakette gehöre ins Museum, flankiert von sowohl Hinweisen auf Antisemitismus in Preußen als auf Beuths Verdienst für die Ingenieursausbildung und Gewerbeförderung in Deutschland. Man dürfe froh sein, dass Kleve die Hochschule nicht nach Beuth benannt habe.

Die Berliner hatten seinerzeit, als am Niederrhein der Name Beuth für die Hochschule Rhein-Waal (HSRW) in den Ring geworfen wurde, vehement den Namen des 1781 in Kleve geborenen Reformers für sich eingefordert. In Berlin wird immer noch diskutiert. Zwar wurde Beuths Name inzwischen von der Facebookseite und der Website des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses der Hochschule getilgt, doch die Hochschule trägt ihn weiter: Man wolle nicht in einem ersten Reflex handeln, sondern einen in der Sache qualitativen und rationalen Diskurs führen, zitiert die Zeitung taz die Hochschule.

„Die Auseinandersetzung ist exemplarisch für viele Kontroversen über Bewertung und Erinnerung der Geschichte, die in den letzten Jahren öffentlich ausgetragen wurden, nicht nur in Kleve oder in Deutschland. Das politische und gesellschaftliche Urteil über historische Personen und Ereignisse ist dynamisch, ändert sich mit der Zeit und zeugt im besten Fall von fortschreitender Einsicht“, schreibt der Professor. In Deutschland stünden solche Neubewertungen fast immer im Bezug zum Dritten Reich und dem Holocaust, so van Meurs. „Wir erinnern uns an die Debatte vor wenigen Jahren um die Umbenennung von Bundeswehrkasernen. Am Niederrhein sorgte ein Monument zur Erinnerung an die Opfer beider Weltkriege in Kalkar 2015 für Aufsehen, als auf der Rückseite eine eingemeißelte Passage aus Hitlers Mein Kampf entdeckt wurde“, sagt er.

„Nicht nur in Deutschland werden solche Auseinandersetzungen in den letzten Jahren polarisierter und unversöhnlicher ausgetragen, aufgeheizt von Misstrauen gegen Politik, Behörden und vermeintliche Experten. Die ausgesprochenen Argumente beider Seiten sind dabei immer die gleichen und nur bedingt haltbar“, schreibt er. Außerdem gelte: „Alle erinnerten Personen und Ereignisse der Vergangenheit ohne Weiteres an den Maßstäben von 2018 zu messen, würde zu historischem Kahlschlag und gesellschaftlichem Gedächtnisverlust führen“. Die Normen und Ideen ihrer eigenen Zeit müssten zumindest als mildernde Umstände mit hinzu gezogen werden. Das Problem sei aber, dass diese Figuren bis heute erinnert werden, gerade weil sie ihre eigene Zeit mitgeprägt haben. „Die Frage zu Beuth lautet somit einerseits, ob sein Antisemitismus gravierender war als in seiner Zeit und Kreisen üblich, und andererseits, ob er als öffentliche Persönlichkeit nicht ein wenn auch kleiner Teil des Schicksalsweges war, der in Auschwitz endete“, schreibt van Meurs. Die Gegenposition sei aber ebenso nachvollziehbar: „Ist der Bewertungsmaßstab flexibel, abhängig vom Zeitgeist?“ Die Monumente seien Teil der Gegenwart geworden, haben eine Existenz jenseits der Person, auf die sie verweisen. Dies gelte für das Monument in Kalkar, das seit Menschenerinnern Ort des Gedenkens war. Das Entfernen solcher Monumente sei aber an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte eben eine notwendige symbolpolitische Handlung.

„Da wir jetzt um Beuths antisemitische Äußerungen wissen, ist das Abhängen ebenso eine politische Tat, ganz zu schwiegen von einer Rückkehr der Plakette“, schreibt er und rät zum Blick auf Ungarn, wo man Statuen und Monumente aus kommunistischer Zeit in eine Art Museum geschaffen hat: aus ihrer Wirkungsmacht geholt, aber für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit immer noch zur Verfügung stehend. Damit kommt er zum eingangs zitierten Fazit: Die Beuth-Plakette ist ein Fall fürs Museum, das den Antisemitismus des Herrn Beuth offenbar macht.

Damit steht ein weitere Aspekt an: Muss man nicht immer daran erinnern, dass „Antisemitismus ein Parasit war, der in jedem noch so feinen menschlichen Exemplar lauerte“, wie Deborah Feldmann in ihrem lesenswerten Buch „Überbitten“ sich auf Rezzori beziehend schreibt. Und noch lauert. Zumindest muss man mit Blick auf Beuth die politische Diskussion darüber führen. In einem qualitativen und rationalen Diskurs.