Buch des Kellener Hans Kerst über Kriegskinder vorgestellt.

Lokale Kultur : Kellener Kriegskinder

Hans Kerst blickt in einem Buch zurück auf die Zeit, als er im Hitler-Deutschland seine Kindheit erlebte, auf die Flucht aus dem zerstörten Kellen und auf den Wiederaufbau nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Es beginnt mit der Geburt, einem Kaiserschnitt. Und es hört mit dem Ende der Kindheit auf: 1951, als die Mutter gerade den Führerschein gemacht hatte und ein Opel Olympia das angestrebte Nonplusultra war: 39 PS, dick gepolsterte Sitze und ganz viel Chrom vor der Schnauze. Ein Zeichen für den beginnenden Wohlstand nach entbehrungsreicher Zeit.

Eine Zeit, die zu den schwärzesten Jahren in Deutschland zählt, in der Millionen Menschen wegen ihres Glaubens ermordet wurden und zig Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern starben oder im Bombenhagel Zuhause in Deutschland. Eine Zeit, in der Hans Kerst aus Kellen aufwuchs. Und auf die er jetzt zurückblickt - auf seine Kindheit im Hitler-Deutschland, auf die Flucht und die Zeit wieder zurück in der zerstörten Stadt und schließlich die Hoffnung auf Wohlstand mit Blick auf die chromblitzende Schnauze des Opel Olympia.

Es waren die Familientreffen lange nach dieser Zeit, die ausschlaggebend waren, das Buch jetzt zu schreiben, erzählt Hans Kerst mit einen Stapel der grau-beigen Taschenbücher vor sich auf der Holzplatte des Tisches. „Es hieß immer: schreib das alles doch mal auf“, sagt er. Es waren die Aufzeichnungen des verstorbenen älteren Bruders, die in Form eines kleinen Notizbüchleins schließlich den letzten Anstoß gaben und die wichtige, verbriefte Informationen in einer Art Tagebuch schon früh festhielten.

Die von den Bomben und Tieffliegerangriffen auf der Flucht erzählen, von den Briketts, die man doch dringend zum Heizen brauchte und die plötzlich die Schwindsucht bekamen (sprich: sie wurden geklaut, weil auch andere Familien evakuiert waren und es warm haben wollten) erzählen. Hans Kerst hat sie zitiert und kursiv abgesetzt zu seinen eigenen Erinnerungen gesetzt. Die Brüder sind eng an die Kirche gebunden, sie erzählen vom Bischof Graf van Galen in Kellen, von Pastor Bullmann. Zwar scheint es eine sehr lokale, sehr persönliche Geschichte auf den Ort Kellen und die Brüder Kerst bezogen zu sein, eigentlich noch lokaler, und das betont Hans Kerst bei der Vorstellung des Druckwerks, auf „Altkellen“ bezogen. Also der Bereich Kleves, auf den der Schatten der alten Kirche in Kellen fällt, erklärt sein Sohn Michael, der das Buch gemeinsam mit dem Vater im Kellener Schützenhaus vorstellte.

Und doch haben die Erinnerungen der beiden Brüder etwas universelles für diese Zeit, könnten so auch exemplarisch stehen: Jeder, der nicht mehr ganz jung ist und dessen Erinnerungen an diese Zeit heranreichen oder Familie hat, die sie miterlebt haben, kennt sie so oder so ähnlich: Es ist die Zeit, die prägt. Die Zeit, die die Kinder schuf, die „Kriegskinder“ und die dem Buch den Namen gab.

Vorne drauf stehen die beiden Kerst-Brüder auf dem Gartenweg mit Musterpullover und passender Mütze und gucken in die Kamera. Hans Kerst eher zurückhaltend, sein Bruder Horst lachend. Er hat den Arm wie schützend auf die Schulter des Bruders gelegt, im Hintergrund ein Garten, kaum zu erkennen. Horst sollte später Priester werden, die Notizen verwahren und immer zu besagten Familientreffen einladen. Hans machte eine Ausbildung bei einem Betrieb, den er lieber nicht erwähnen möchte. Keine schöne Zeit. Eben Ende der Kindheit. Wobei die eigentlich für die Kriegskinder viel früher endete, angesichts toter Kinder im Bahnhof der zerstörten Stadt.

Kriegskinder ist ein sehr persönliches Buch, mehr eine Erinnerung. Eine Erinnerung, die hilft, eigene Erinnerungen wach zu rufen - oder die Erzählung an diese Zeit, die man nicht vergessen sollte.

Mehr von RP ONLINE