Kreis Kleve: Serie Landwirtschaft im Blick

Serie Landwirtschaft im Blick : Ein Jahr mit der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft prägt unsere Region. Viele Menschen arbeiten in dem Sektor, er ist eine wichtige Wirtschaftsbranche, und ohne die Arbeit der Bauern sähe unsere Heimat ganz anders aus. Grund genug, dem Thema mit all seinen Facetten eine Serie zu widmen, die RP-Leser ein Jahr lang begleiten wird.

Wenn Besucher oder auch die Niederrheiner selbst von der schönen Umgebung zwischen Emmerich und Straelen schwärmen, meinen sie, vielleicht ohne das so recht zu realisieren, weniger die Natur als die Kulturlandschaft. Denn das allermeiste von dem, was so angenehm grün ins Auge fällt, ist Ergebnis bäuerlicher Arbeit. Die Felder und Weiden, die Waldstücke und Hecken, sorgen nicht nur für ein Heimatgefühl, sondern sind ein wichtiger Wirtschaftszweig. „Nirgendwo sonst in NRW ist der Wert der landwirtschaftlich erzeugten Nahrungsmittel und Gartenprodukte so groß wie im Kreis Kleve“, sagt Josef Peters von der Kreisbauernschaft Kleve. Auch die Anzahl der Menschen, die direkt oder indirekt von der Branche leben, ist riesig. „Die Kreisbauernschaft vertritt 1300 Landwirte und ihre Familien“, sagt Peters. Grund genug für die Rheinische Post und die Volksbanken im Kreis Kleve als starkem Partner der Landwirtschaft, sich in einer Serie mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Jahr lang werden wir einmal im Monat ein Gebiet beleuchten. Zu Beginn kommen Berufspraktiker, Verbandsvertreter und die Vorstände der Banken zu Wort.

So hat Holger Zitter, Vorstand der Volksbank Emmerich-Rees, beobachtet, dass die Landwirte vor zehn Jahren noch besser dran waren, vor etwa vier Jahren seien die Erwartungen sichtlich zurück geschraubt worden, heute bemerke er eine gewisse „Seitwärtsentwicklung“. Was nicht schlecht sei, denn „viele Bauern sehen für sich durchaus Perspektiven, erweitern ihre Betriebe aber mit Augenmaß.“

Und Johannes Janhsen, Vorstandsmitglied der Volksbank an der Niers, betont den Auftrag der Genossenschaftsbanken, die Leistungsfähigkeit ihrer betrieblichen Kundschaft nach draußen zu tragen. Als Unternehmer hätten sie den Anspruch an sich, hohe Qualität zu liefern.

Frank Ruffing als Vorstandsvorsitzender der Volksbank Kleverland stellt fest, dass es in der Landwirtschaft sei wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch: Der erfolgreiche Unternehmer überlebt. „Dabei darf man erfolgreich nicht mit groß verwechseln.“ In der Tat hätten größere Unternehmen aber meist den Vorteil, leichter ihre Kosten senken zu können. Und er wünscht sich für den Berufsstand, dass die Regulatorik nicht übertrieben werde. Eine Besonderheit der Landwirtschaft ist, dass ihr Eigenkapital vorwiegend in Grund und Boden besteht. Dieser Boden ist nicht vermehrbar und wird immer teurer.

Frank Ruffing, Holger Zitter, Josef Peters, Wilhelm Hellmanns, Christian Scheers und Johannes Janhsen (von links) in der Redaktion der Rheinischen Post in Kleve. Foto: Markus van Offern (mvo)

Volksbank-Chef Zitter findet es prima, dass es inzwischen eine Reihe Selbstvermarkter gibt, die ihrer Kundschaft viel Service bieten. „Viele Leute scheuen aber die Mühe, zum Hof zu fahren oder Flaschen zurückzubringen.“ Dem treuen Kundenstamm auch in schwierigeren Zeiten zur Seite zu stehen, das ist für die genossenschaftlich organisierten Volksbanken jedenfalls eine Selbstverständlichkeit.

Wer auf Landstraßen hierzulande unterwegs ist, wird Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden des Kreises bemerken. Nicht umsonst sind Gemüse verarbeitende Unternehmen wie Kühne, Bofrost oder Bonduelle südlich angesiedelt. Auch der Vermarkter Landgard sitzt dort und wird von Gärtnern und Landwirten mit Blumen wie mit Obst und Gemüse beliefert. Im Norden haben die großen Tierzucht- und Mastbetriebe das Sagen. Und auf den Feldern wächst vorrangig, was Schweine und Rinder brauchen.

„Bei uns im Kreis werden 70.000 Hektar bewirtschaftet. Die Kreisbauernschaft sieht sich als Interessenvertretung gegenüber der Politik“, erklärt Peters, der lange Jahre auch Kreisbauer war und den man streitlustig nennen darf. Der 68-Jährige, der von Ackerbau und Milchvieh lebt, ist ein Mann der deutlichen Töne. Die Probleme der Branche spricht er rundheraus an und lässt niemanden aus der Verantwortung. Die Politiker in Brüssel, Berlin und Düsseldorf ebenso wenig wie die Verbraucher: Denn sie sind es, die im Supermarkt bestimmen, was erzeugt werden soll – bis heute vorrangig das billige Fleisch, die günstige Milch. Auch, wenn viele mit „Bio“ sympathisierten – gekauft werden die Produktenur in sehr geringem Umfang.

Christian Scheers ist Landwirt in Emmerich. Ebenso wie sein Gelderner Kollege Willi Hellmanns ist er entschlossen, auch unter schwierigen Bedingungen zu bestehen, schließlich muss er seine Familie ernähren. Viele Investitionen waren notwendig, der Milchviehbetreib kann sich sehen lassen: ein riesiger, heller und luftiger Stall, moderne Melkroboter. Auch ohne Biobauer zu sein, ist Scheers das Wohl seiner Tiere wichtig. Zum einen, weil Landwirte nun einmal mit ihren Tieren leben, zum anderen auch, weil zufriedenes Vieh mehr Leistung erbringt. „Der Milchpreis sinkt ständig. Da ist es betriebswirtschaftlich notwendig, dass die einzelne Kuh möglichst lange Milch gibt.“ Das Melken muss dabei schnell gehen und wenig Personal beanspruchen.

Willi Hellmanns, ein ebenfalls konventionell produzierender Landwirt, sagt schlicht: „Wir haben die Natur ja nötig, da werden wir sie doch nicht leichtfertig zerstören, zumal viele von uns hoffen, den Betrieb eines Tages an einen Nachfolger übergeben zu können.“ Was er aber aus der Politik und von der Gesellschaft spüre, sei vielfach ein generelles Misstrauen. Für allzu viele Umweltprobleme würden die Bauern verantwortlich gemacht. Wenn zum Beispiel über die Nitratbelastung des Trinkwasser gewettert werde, weil zu viel Gülle auf den Feldern lande, werde übersehen, dass moderne Maschinen für eine sehr genaue Dosierung sorgen und die Gülle heute bodennah aufgebracht und untergepflügt werde, so dass auch die Geruchsbelastung reduziert sei. Die Flächenversiegelung durch Straßen, dichte Bebauung und Kies in den Gärten sei ein großes Problem. Zumal ja ohnehin Flächen knapp seien und den Bauern nicht zuletzt durch die Auskiesung immer mehr Land genommen werde. Durch Dachbegrünung, Blühstreifen und naturnahe Gärten könnten die Bürger den Umweltschutz aktiv unterstützen, statt dies nur von den Landwirten zu erwarten. Christian Scheers beklagt – auch mit Blick auf die Europawahl: „Wir schaffen uns totale Ungleichheiten. Jede Auflage, die aus Brüssel kommt, erhöht unsere Kosten und erschwert die Produktionsbedingungen. Wie sollen wir da im Wettbewerb gegenüber Niedriglohnländern oder im Vergleich mit außer-europäischen Ländern, die diese Auflagen nicht haben, bestehen?“ Dabei beneide die ganze Welt Deutschland um die Qualität seiner Lebensmittel (übrigens nicht nur im Öko-Bereich). Die jungen Landwirte versichern, gegen Bio nichts zu haben, aber da müssten die Kunden mitmachen. „So lange die Nachfrage nicht steigt, können wir zu den gewünscht niedrigen Preisen nicht produzieren.“ Der Gelderner Willi Hellmanns findet Bio interessant, seine Tochter habe ein Jahr ihrer Ausbildung auf einem solchen Betrieb verbracht. Aber die Umstellung koste viel Geld, und bisher sehe es nicht danach aus, dass sich die Masse der Verbraucher umorientiere. Peters berichtet: „In ganz NRW nimmt keine Molkerei Bio-Milch mehr ab. Und Tierseuchen wie BSE, nach denen der Verbraucher immer gegen die Massentierhaltung wettert, sind schnell wieder vergessen.“ Kollege Scheers fügt hinzu, dass an den Öko-Siegeln viele Leute mit verdienten; „am wenigsten die Landwirte.“

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