Kranenburg: Im Reich des Billigen: "Sprit" von Aldi

Kranenburg : Im Reich des Billigen: "Sprit" von Aldi

Kranenburg ist beliebt. Vor allem bei Niederländern, die täglich scharenweise die Discounter füllen. Ob Lebensmittel, Drogerieartikel oder Hundefutter - hier ist alles "goedkoop". Eine Aktuelle Studie belegt: Der Kaufboom kennt keine Grenzen.

Herr Balkenende überlegt kurz, ob er zeigen will, was in seinem Einkaufswagen liegt. Der Niederländer befürchtet, dass ein falsches Bild von ihm entsteht. Schließlich willigt der 70-Jährige doch ein. "Ich bin doch noch harmlos", sagt er und zeigt auf den Käufer, der nach ihm die Aldi-Filiale im Kranenburger Einkaufszentrum verlässt. Während Wim Balkenende sich mit zwei Kisten Wein und etwa zehn Flaschen Spirituosen eingedeckt hat, türmen sich bei seinem Landsmann kistenweise Kartons mit Hochprozentigem.

Es ist Donnerstagvormittag. Balkenende lädt die Getränke in sein Auto. Sein Fahrzeug ist in einer Reihe geparkt, in der ausschließlich Pkw mit gelben Nummernschilder stehen. Ohne Niederländer wäre der Parkplatz nahezu leer. Und zwar jeden Tag.

Der Beweis: "Wodka Grand Marnier Orangenlikör" links von Aldi für 8,99 Euro. Das Angebot aus den Niederlanden: 24,99 Euro. Foto: van Offern, Markus (mvo)

Vor Jahren waren Häuser in Kranenburg begehrt. Heute ist es Schnaps. Die Grenzlage macht die ländlich geprägte Gemeinde für Niederländer so attraktiv. Die Gründe für den Drang zum Nachbarn ändern sich. Das Ziel ist dasselbe geblieben: Geld sparen.

Nach der Schnäppchenjagd im Segment Immobilien und Baugrundstücke, sind es jetzt preiswerte Nahrungsmittel, Kosmetika oder Batterien, die für den Kaufrausch der Niederländer sorgen. Die Kranenburger "Frische-Arena" trägt ihren Namen zurecht. Hier steht nichts lange im Regal. Durch enorme Preisunterschiede strömen täglich massenweise Nachbarn in das Einkaufszentrum an der Umgehungsstraße.

Auch Kosmetikprodukte sind in Deutschland offenbar günstiger. Foto: van Offern, Markus (mvo)

Wim Balkenende wohnt in Den Haag und hatte Kranenburg nach zwei Stunden Autofahrt erreicht. Qualität und Preis, er spare 50 Prozent, seien hier einfach besser, so der 70-Jährige. Vor der Heimreise füllt Balkenende noch den Fahrzeugtank und spart noch mal. "Heute beträgt der Unterschied 20 Cent pro Liter", sagt der Niederländer. Seine Lebensmittel kauft er in der Kranenburger Aldi-Filiale. Sie ist die umsatzstärkste der Region. 2014 wurde wieder ein Rekord beim Abverkauf aufgestellt. David Walter ist hier der Filialleiter. Er steht vor dem Regal mit Spirituosen und zeigt auf "Wodka Grand Marnier Orangenlikör" für 8,99 Euro. "In den Niederlanden kostet der 24,99 Euro ", sagt Walter. In seinem Markt kauft man die Getränke mit mehr Umdrehungen gern in Kisten. Aber nicht allein die Hochprozenter sind gefragt. Ein Kilo Trauben gibt es hier für 99 Cent gegenüber 1,99 Euro jenseits der Grenze. "Dabei kommen die Früchte aus den Niederlanden", sagt Walter. Kunden etwa aus Rotterdam sind für ihn nichts Besonderes.

Dass der Kaufboom vorerst anhalten wird, belegt eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die im Januar veröffentlichte Erhebung gibt Auskunft darüber, wie sich das Kaufverhalten der niederländischen Haushalte im Grenzgebiet entwickelt. Während in den Niederlanden der Umsatz für Lebensmittel von 2014 gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent zurückging, gaben niederländische Haushalte im Jahr 2014 hierzulande beachtliche 35,1 Prozent mehr Geld aus als 2013.

Nicht nur die Unternehmen freuen sich über reichlich Kaufwillige, sondern auch Kranenburgs Kämmerer Ferdinand Böhmer. Für nahezu zehn Prozent der jährlichen Gewerbesteuereinnahmen sorgt die Einkaufsarena. Darum soll das Zentrum möglichst schnell erweitert werden. Neben dem Rewe-Markt plant die Gemeinde 2016/17 Flächen für Takko und Co. auszuweisen. Die Einkaufsgepflogenheiten der Niederländer nehmen bisweilen obskure Züge an. In Internetforen, eines trägt den Titel "Goedkoop in Kranenburg" (Günstig einkaufen in Kranenburg), geht es nur darum, wo und wann es welches Produkt noch billiger gibt. In Straßengemeinschaften wechselt man sich mit den Einkaufsfahrten ab. Wer an der Reihe ist, sammelt Bestellzettel der Nachbarn ein und startet zum Hamsterkauf über die Grenze.

Die Billig-Anbieter in der Arena machen gute Geschäfte, die Einzelhändler im Ortskern darben teilweise vor sich hin. Von den Scharen bei Penny oder dm profitieren sie so gut wie nicht. Der Kundschaft aus dem Nachbarland ist dies egal. Es geht allein darum, billig einzukaufen und möglichst schnell wieder den Heimweg anzutreten.

Das war mal anders. Ende des Jahrhunderts wollten sie alle bleiben, kauften Grundstücke und bauten Häuser. Dass der Traum von einer stetig wachsenden Einkaufsarena schnell vorbei sein könnte, dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Doch gab es die auch nicht, als das Geschäftsmodell "Abverkauf von Grund und Boden" nicht mehr funktionierte.

(RP)
Mehr von RP ONLINE