Kleve: Kleves ältestes Liebespaar

Kleve: Kleves ältestes Liebespaar

Sie sind fast 500 Jahre alt - und berühren sich immer noch so leidenschaftlich wie am ersten Tag. Der Narr und seine Geliebte werden nun neu interpretiert.

Er fasst ihr mit der Linken fest um die Hüfte, die rechte tastet sich an ihrem Busen entlang. Man schaut sich mehr als tief in die Augen. Trotz ihrer inzwischen 483 Jahre sind die zwei jung geblieben, die sich da so innig herzen und in die Augen schauen und keinen Hehl daraus machen, was sie am liebsten gleich tun würden. Von wegen gesittete Minne zwischen Burgfräulein und dem starken Recken im glänzenden Harnisch mit mindestens einer Armlänge Abstand, wie es die Sage kennt. In Kleve sieht das anders aus: Eng umschlungen hält sich das uralte und zugleich blutjunge Liebespaar.

Sie sind jung wie die Liebe - und die hatte im Mittelalter auch nur Augen für den anderen - nicht anders als heute. Seit Jahren sind die beiden das Aushängeschild des Klever Mittelalters und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt - ein Stück zwar frivoler aber auch alter Heimat, das der niederrheinische Bildhauer Arnt van Tricht, der in Kalkar arbeitete, schuf. Als Handtuchhalter: In ihren ausgestreckten Händen hält die offenherzige Dame ein Rundholz fürs Tuch der Reinlichkeit.

Bis jetzt durften die zwei aber ihrer Lust nur frönen, weil sie abschreckendes Beispiel sein sollten: zwei Menschen, der Narretei verfallen, geben sich der Gier fleischlicher Liebe hin und stehen als Warnung vor dem unkeuschen Leben. So wurde die kostbare Skulptur von 1535 bis jetzt interpretiert. Doch zur Neuinstallation der ständigen Sammlung wagt Kleves Museumsdirektor Harald Kunde auch einen neuen Interpretationsansatz für Kleves ältestes Liebespaar.

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"Der Handtuchhalter gehört seit seinem Erwerb im Jahr 1980 zweifellos zu den wichtigsten und populärsten Stücken in der Sammlung des Museum Kurhaus Kleve", sagt Kunde. Die dargestellte Szene erschließe sich jedem Besucher nahezu auf unmittelbare Weise: Eine Frau, ein Mann, einander zugetan in beiderseitigem Verlangen nach sinnlicher Erfüllung. Doch wie immer lohne sich auch hier, über das Offensichtliche hinaus eine nähere Betrachtung, fügt Kunde verschmitzt an: "Nicht ohne Grund trägt der Mann ein Narrenkostüm; er ist ein fahrender Gesell, dessen Schellen-Klingeln aus dem frühen 16. Jahrhundert deutlich vernehmbar bis in unsere Gegenwart tönt und in dessen Gefolge ein Trommler und ein Sackpfeifer den Rhythmus eines unbeschwerten Augenblicks-Genusses vorgeben", erklärt er mit Blick auf die kleinen Musiker, die die beiden Liebenden begleiten. Liebevoll hat van Tricht die Kerle geschnitten.

Im Gegensatz zum "Herrn" ist die Dame des Begehrens mit Haube und Mieder bürgerlich gewandet. "Sie wird aus ihrer gewohnten Lebenswelt geradezu herausgerissen, und auch der haltsuchende Griff nach dem Utensil des praktischen Gebrauchs, des eigentlichen Handtuchhalters, verspricht keinen sicheren Grund mehr", sagt Kunde. Die Frau werde umfangen von einer Daseinsform, zu der sie weder durch ihre Erziehung noch durch ihre soziale Stellung bestimmt war, die ihr aber dennoch - wie ihr offenherziges Dekolleté verrät - nicht unangenehm zu sein scheint, sagt er. Man werde also Zeuge eines Entscheidungsprozesses zwischen (unerlaubter) Hingabe und (gesellschaftlich dekretiertem) Verzicht. Der Museumsdirektor wagt dabei einen ganz neuen Ansatz zur Interpretion des über 400 Jahre alten Liebespaares: "Und nach Lage der Dinge will uns der Künstler Arnt van Tricht zu entschiedenen Sympathisanten dieser buhlenden Liebelei machen. Er verbindet damit in keiner Weise ein moralisches Urteil, sondern er führt uns in deftig-fröhlicher Schilderung ein Geschehen vor Augen, das sich zur irdischen Realität bekennt und auf alle lebensfernen Ideale pfeift." Ein Hoch auf die Liebe.

1535 schnitt Meister Arnt van Tricht die Figuren aus Eichenholz, sie wurden farbig bemalt und dienten in einem reichen Bürgerhaushalt als Handtuchhalter. Arnts wohlhabende Auftraggeber entstammten dem Klerus, der Bürgerschaft und dem Adel. Dabei wirkte sich für den Künstler die Verlegung der herzoglichen Residenz von Kleve nach Düsseldorf und der wirtschaftliche Niedergang der Region stärker aus als die religiösen Veränderungen durch die Reformation, so die Kunsthistorikerin Christiane Paulus.

(mgr)