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Rerportertausch 2018: Kleve zwischen Venedig und Akropolis

Rerportertausch 2018 : Kleve zwischen Venedig und Akropolis

Was schaut man sich als Tourist in der Schwanenstadt eigentlich an? Und was wird einem empfohlen? Eliana Berger, Journalistin beim Kölner Stadt-Anzeiger, hat sich für uns einen Tag lang als Besucherin auf den Weg gemacht. Und findet: Ihr habt es gar nicht so schlecht.

Kleve Der einzige, der eine gute Figur macht, ist der Schwan. Langer Hals, energisch gespreizte Flügel. Fies, wie er da nach der Hose des Mannes schnappt, aber die Pose ist ohne Zweifel eindrucksvoll. Das Gesicht des Mannes ist dagegen im Fallen verzerrt, die Frau streckt die Arme als versuchte sie eine Beschwörung und das Kind, das Kind hat glatt seine Hose vergessen.

Rerportertausch 2018: Kleve zwischen Venedig und Akropolis
Foto: Eliana Berger

Also, dieser Elsabrunnen. Witzig ist er, keine Frage. Ein Hingucker, an dem der Tourist verharrt, das Smartphone zückt, um dann auf der Suche nach dem richtigen Fotowinkel dreimal das Becken zu umrunden. Aber besonders edel sieht Elias wirklich nicht aus. Oder die holde Beatrix. Nichts, was an ruhmhafte Taten und tragische Liebe erinnert. Den Schwanenritter erkennt hier nur, wer sich auskennt.

Rerportertausch 2018: Kleve zwischen Venedig und Akropolis
Foto: Eliana Berger

Ich bin jetzt zwar ein Fan des Brunnens - aber ich kenne mich nicht aus. Ich komme nicht aus Kleve. Und weil ich nicht einmal weiß, was es mit den ganzen Schwänen auf sich hat, werde ich mich heute von Experten leiten lassen: von einer Reise-Website und der Touristeninformation. Sie werden meinen Tag am Niederrhein bestimmen. Kurz nach halb zehn, Ankunft am Bahnhof Kleve. Zwei Gleise, verschlossenes Bahnhofsgebäude und ein Teppich aus Zigarettenstummeln auf dem Boden. Still ist es, ich höre die Musik aus den Kopfhörern meines Nebenmanns. Der erste Schwan lässt nicht lange auf sich warten. Er prangt auf dem orangefarbenen Kehrwagen der Umweltbetriebe und keine fünf Minuten später ist er wieder da, dieses Mal getarnt als Bank vor der Touristeninformation.

"Ein Tag reicht für Kleve natürlich nicht", sagt Martina Gellert drinnen. "Und wir buchen Ihnen auch gerne eine Übernachtung." Ich bekomme Flyer, für Historische Gartenanlagen und die Schwanenburg, für den Tiergarten und das Haus eines Malers namens Koekkoek.

Das Café Wanders ist ein schöner Ort, um sich zu sortieren. Tripadvisor und Martina Gellert sind sich einig, dass es einen Besuch wert ist. Ich bastele meine Tagesroute und möchte sie gleich wieder verwerfen, als ich vor die Tür trete: Es nieselt und windet. Also nur kurz vorbei an der Minoritenkirche, an Geschäften mit pastellfarbenen Auslagen, am Brunnen mit den karikierten Figuren der Schwanenritter-Sage.

Dann hinauf auf die Burg. Rechts Gericht, links Tourismus. Eine enge Treppe führt in den Turm; es geht vorbei an Vitrinen gefüllt mit Tonsplittern und Mammutschädeln. Irgendwann schauen (edle) Gesichter von den Wänden. Den Namen Anna von Kleve habe ich schon einmal gehört, aber ich bin überrascht, Voltaire zu sehen (er war mehrfach zu Besuch). Den Ausblick gibt es nur durch die Glasscheibe, dafür habe ich ihn ganz für mich. Außer mir ist niemand im Turm.

"Sie sind heute die siebte", verrät mir Annegret Ambrosius unten an der Kasse. Ziemlich ruhig also, auch wenn sich das am Nachmittag schnell ändern könne. Ich bin schließlich mitten in der Woche gekommen, außerhalb der deutschen und niederländischen Ferienzeit. Von den niederländischen Ferien hängt hier viel ab: "Etwa die Hälfte unserer Besucher sind Holländer", sagt Ambrosius. Selbst Saturn wirbt hier auf Niederländisch, das ist mir auch schon aufgefallen.

Für den Mittagssnack hat mir Martina Gellert an der Touristeninformation den Red Wagon empfohlen: einen Imbiss am Campus der Hochschule Rhein-Waal. Kurz glaube ich, mich verlaufen zu haben, aber die Hochschule ist in Kleve schwer zu verfehlen. "Immer am Kanal entlang", rät eine vorbeiradelnde Frau. Es regnet nicht mehr, das Grau über mir wird heller und wie ich so am Wasser entlanglaufe, komme ich in Urlaubslaune. Die Häuser haben hier eigene Boots-Anlegestellen. Niemand hat mir erzählt, wie venezianisch das Leben in Kleve daherkommen kann.

Der Red Wagon liegt ähnlich gut. In einem alten Bahnwaggon, an der Grenze zum Campus und direkt am Kanal. Im Biergarten brütet eine Männergruppe über einem Stapel Papieren, drinnen kocht Alejandra Manthey zu lateinamerikanischer Musik. Eine chilenische Flagge hängt an der Wand, in den Auslagen liegen chilenische Speisen; Maiskuchen und Empanadas, zum Beispiel. "Dieser Laden hier war immer mein Traum", sagt die 52-Jährige. Sie übernimmt den Imbiss vor einem Jahr von ihrem Chef; gibt ihm den südamerikanischen Flair. "Es ist toll hier, ich liebe Kleve." Mit der Hochschule und einer Gruppe Latinos organisiert sie regelmäßig Live Musik und "Poesitas", auf denen spanische Texte vorgetragen werden.

Ein kurzer Schlenker über das Gelände der Hochschule zeigt moderne Architektur und saubere Wege. Gut gepflegt, wie unbenutzt. Sonne bricht durch die Wolken und taucht Kleve in hellere Farben. Ich bewege mich stadtauswärts, ins Grüne. Eine Straße wird zur Allee, die Häuser sind herrschaftlich, bewohnt von Zahnärzten und Immobilienmaklern. Selbst die Seniorenresidenz sieht hier irgendwie einladend aus, mit ihrer altrosa Fassade und dem Türmchen.

Im Museum Kurhaus bekomme ich dann die dringend benötigte Nachhilfestunde in Sachen Klever Kultur. Ich sehe Joseph Beuys und einen Fürsten namens Johann Moritz und die Dinge, die er aus alten Kanonen bauen ließ. Ein paar Räume weiter gastiert eine Ausstellung des Mönchengladbacher Künstlers Andreas Schmitten, minimalistische Skulpturen stehen in ansonsten leeren und stillen Räumen. Ich bin wieder allein. Alleinsein macht Spaß im Museum, es fehlen die Menschen, die einem sonst mit Köpfen und Armen die Sicht verstellen.

Im Tiergarten ist die Luft schwer; schwül, voller Pollen und dem weichen Geruch nach Tier. Auf dem Spielplatz wird es zum ersten Mal an diesem Tag laut. "Stellt euch in Zweierreihen auf!" "Ich will noch nicht gehen!" "Wo ist meine Jacke?"

Schulklassen. Sie springen und lärmen, dann herrscht plötzlich wieder Stille. Familie Mölleken bleibt noch: Kurt und Ingeborg mit Enkelin Marie-Louise. "Wir kommen aus Kamp Lintfort", erzählt Kurt Mölleken. "Der Tiergarten ist toll für die Kleine. Wir waren früher auch schon mit unseren Kindern hier." Der Park hat Geschichte, 1959 wurde er eröffnet. Tripadvisor behauptet, er sei Kleves beste Attraktion. Esel und Schafe folgen mir die Zäune entlang, nur das Känguru, das ich gerne aus der Nähe gesehen hätte, starrt stoisch in die andere Richtung.

Alles in Kleve hat irgendwann zwangsläufig Steigung. Ich schaue kurz bei den Historischen Gartenanlagen vorbei, dort, wo die Göttin der Weisheit über die Hauptstraße hinweg den Eisernen Mann anschaut (das habe ich im Kurhaus gelernt). Dann erklimme ich die Akropolis. Ich wünschte, das wäre eine schlechte Metapher, aber das griechische Restaurant liegt hoch und Tripadvisor sagt, dass ich hier unbedingt zu Abend essen sollte. Das Essen schmeckt, wie Essen beim Griechen in Deutschland zu schmecken hat. Der Ouzo aufs Haus schmeckt nach mittlerweile neun Stunden Touri-Tour noch besser.

Eine letzte Station habe ich noch vor mir. Den Hügel wieder hinunter, die Große Straße entlang, vorbei an Kaufhof und Kik und erstaunlich vielen Handyreparaturläden. Am Opschlag nippe ich Wein, weil sie das um 20.30 Uhr am Ende eines touristischen Tages so gehört. Und dann stehe ich plötzlich wieder an einem Brunnen. "Klever Schüsterken", sagt das Schild. Ein Junge spuckt eine Wasserfontäne ins Becken. Er braucht sich keine Sorgen zu machen: Es ist kein Schwan zu sehen.

(RP)