Gefahr bei Zahlungsdienstleistern „Wer liest sich die Geschäftsbedingungen durch, wenn man eine Hose im Netz kauft?“

Kleve · Zahlungsdienstleister wie Klarna und Paypal machen Online-Shopping komfortabel – es drohen aber auch Gefahren. Jasmin Peil von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Kleve warnt vor dem Kleingedruckten.

Jasmin Peil von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Kleve macht auf die Gefahren der verschiedenen „Buy now, pay later”-Methoden aufmerksam.

Jasmin Peil von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Kleve macht auf die Gefahren der verschiedenen „Buy now, pay later”-Methoden aufmerksam.

Foto: Julia Lörcks

Ein Klick und schon ist die neue Jeans gekauft. Zahlungsdienstleister machen das Einkaufen im Internet scheinbar zu einem Kinderspiel. Aber es lauern auch Gefahren. Zur bundesweiten Aktionswoche der Schuldnerberatung zum 14. Juni macht Jasmin Peil von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Kleve auf die Gefahren der verschiedenen „Buy now, pay later”-Methoden (BNPL) aufmerksam.

Ich zahle auf Rechnung und muss das Geld erst in 30 Tagen überweisen. Wie praktisch: Ich kann schauen, ob mir die Hose auch wirklich passt und gefällt. Wenn nicht, dann schicke ich sie einfach wieder zurück. Vom Online-Shop werde ich automatisch weitergeleitet. Der Zahlungsanbieter schickt mir eine Übersicht mit allen wichtigen Informationen per E-Mail. Das klingt doch super, oder?

Jasmin Peil Ja, das klingt auf der einen Seite toll. Auf der anderen Seite macht es die „Buy now, pay later“-Methode den Menschen sehr leicht, mehr Geld auszugeben als man eigentlich hat. Am Monatsende zum Beispiel, wenn nicht mehr so viel Geld auf dem Konto ist. Durch „Buy now, pay later“ verlieren viele Menschen zudem den Überblick – vor allem dann, wenn man viel online shoppt.

Das stimmt. Wenn ich viele Sachen im Internet bestelle, verliere auch ich schon einmal den Überblick. Vor allem aber sind mir die Unterschiede bei den verschiedenen „Buy now, pay later“-Angeboten nicht zu 100 Prozent bekannt.

Peil Das ist auch tückisch – vor allem für junge Menschen. Mit den vielen verschiedenen Finanzierungs- und Zahlungsmöglichkeiten der Anbieter verschwimmt die Grenze zwischen Rechnungskauf und Ratenfinanzierung. Die Zahlung läuft in den meisten Fällen über Drittanbieter, bei denen mit dem Kauf unter Umständen sogar ein Kredit abgeschlossen wird. Das heißt, man hat zwei Vertragspartner. Das wird meistens jedoch nicht klar und deutlich kommuniziert. Auch Angaben zu anfallenden Zinsen und Gebühren gibt es häufig nicht.

Kredit, Zinsen, Gebühren – das hört sich nach Bank an. Ich habe doch nur eine Hose im Internet bestellt.

Peil Das ist es auch, was wir als Schuldner- und Insolvenzberater kritisieren. Onlineshops bieten den Kauf auf Rechnung häufig gar nicht mehr an, stattdessen verweisen sie auf die Bezahlangebote von Paypal, Klarna und Co. Die Webseiten und Apps sehen allerdings nicht nach Bank aus aus. Im Gegenteil: Die Daten sind schon voreingestellt, es muss nur noch geklickt werden und schon ist der Vertrag abgeschlossen. Die Hürde des Kaufs wird bewusst klein gehalten. Angaben zu anfallenden Zinsen und Gebühren gibt es häufig nicht. Allenfalls stehen diese im Kleingedruckten. Aber mal ehrlich, wer liest sich die allgemeinen Geschäftsbedingungen durch, wenn man eine Hose im Netz kauft. Die Onlineshops profitieren wiederum von der „Buy now, pay later“-Zahlung. Denn diese steigert den Umsatz. Ich gebe Geld aus, das ich erst in Zukunft erhalte.

Was sollte ich also beachten, wenn ich online shoppe, beziehungsweise mit welchen Nachteilen muss ich dort auch rechnen?

Peil Kredite bei Banken scheuen Verbraucher, Zahlungsoptionen wie „Buy now, pay later“ boomen hingegen. Das liegt daran, dass die Hemmschwelle niedrig gehalten wird. Ob ich mir still und leise Geld leihen kann oder einen Dritten danach fragen muss, das macht einen gewaltigen Unterschied. Doch hier ist absolut Vorsicht geboten. Vor allem beim Ratenkauf, der gerne auch beim Kauf auf Rechnung als eine spätere Option angeboten wird. Klarna zum Beispiel wertet diesen ab einer bestimmten Kaufsumme als Kreditanfrage und das wiederum kann sich negativ auf den Schufa-Score auswirken. Fest steht: Ein Ratenkauf ist ein Verbraucherkredit. Vielen ist das leider nicht bewusst, da man einen Kredit immer mit einer Bank in Verbindung bringt.

Es muss doch aber auch gute Gründe geben, warum so viele Menschen die Zahlungsart nutzen. Welche Vorteile haben diese Zahlungssysteme?

Peil Ja, eindeutig. Ich speichere meine sensiblen Daten nur beim Zahlungsanbieter und muss diese nicht überall und bei jedem Onlinekauf angeben. Ebenso kann die spätere Zahlungsoption mich durch einen finanziellen Engpass retten – ähnlich wie bei einem Dispositionskredit bei der Bank. Bei Sofortkäufen spricht erst einmal nichts dagegen. Allerdings sollte man sich dessen bewusst sein, dass man zwei Vertragspartner hat.

Gibt es Online-Bezahlmodelle, die mehr Sicherheit bieten?

Peil Der Kauf auf Rechnung (Überweisung) nach Warenerhalt vom eigenen Konto zum Händler ist eine der sichersten Methoden. Es werden keine Bankdaten herausgegeben. Bei allen anderen Zahlungsmethoden gibt es verschiedene Risiken. Eine gute Übersicht zu den Risiken hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik auf seiner Internetseite erstellt.

Gibt es Forderungen seitens der Arbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatung, dem auch die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Kleve angehört?

Peil Ja, wir fordern mehr Transparenz. Wenn Zinsen und Kosten im Zusammenhang mit einem Onlinekauf entstehen, müssen sie für alle verständlich vor dem Bezahlprozess erfolgen. Wer einmal in die Schuldenspirale geraten ist, der sollte Zugang zu den Schuldnerberatungen haben. Um alledem vorzubeugen, ist eine präventive Arbeit unabdingbar.

Apropos Prävention: Du bist mit den Präventionsangeboten der Klever Caritas viel in Schulen unterwegs. Was brauchen Schüler:innen, um den aktuellen Entwicklungen standzuhalten?

Peil Finanzielle Allgemeinbildung von klein auf und Selbstreflexion der jungen Menschen stärken. In einer auf Konsum ausgerichteten Welt muss der Umgang mit Geld, Handy und Internet gelernt werden. Hier sehe ich das private Umfeld, die Elternhäuser sowie Schulen mit in der Verantwortung. Die jungen Menschen werden heute in einer anderen Konsumwelt groß. Bedürfnisse (Belohnung) können sofort befriedigt werden und landen oft innerhalb von 24 Stunden im Briefkasten. Die Zahlungen (Strafe) kann man auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Leider geht dies lange gut, bis man Konsequenzen spürt. Es ist mittlerweile selbstverständlich mit Klarna, Paypal und anderen Anbietern zu zahlen. Früher war die Möglichkeit des Geldleihens und auch die Einkaufsmöglichkeit begrenzt. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, in den Familien offen über Geld und Konsum zu sprechen.

Vielleicht ein bisschen oldschool, aber gehört ein Haushaltsbuch vielleicht auch dazu…

Peil Ein Haushaltsbuch bietet immer eine gute Übersicht über Einnahmen und Ausgaben. Das geht heutzutage auch digital. Wir empfehlen zum Beispiel die Haushaltsapp „Mein Budget – Ausgaben im Griff“. Sie wurde von der Stiftung „Deutschland im Plus“ entwickelt und steht kostenlos zur Verfügung. Auch die regionalen Banken bieten digitale Haushaltsbücher an. Hier lohnt sich ein Blick in die Serviceleistungen der kontoführenden Bank.

(lukra)