Kleve: Hochschule Rhein-Waal und Heide Naderer

Analyse: Keine vertrauensbildende Maßnahme

Die Ruhe, die derzeit an der Hochschule Rhein-Waal nach außen herrscht, ist trügerisch, kommentiert unser Autor.

Spannungen zwischen Professorenschaft und Hochschulleitung hatten sich schon länger abgezeichnet. Kritik aus den Fakultäten, Gelder kämen in den Studiengängen nicht an, weist das Präsidium zurück, es gibt Gesprächsangebote, die Suche nach einem Mediator. Im Hintergrund droht die Abwahl des Präsidiums. Das hört sich an, wie die derzeitige Malaise an der Hochschule Rhein-Waal (HSRW), ist es aber nicht. Es war ein bis dato beispielloser Streit an der Hochschule Hannover vor wenigen Jahren, der mit dem Rücktritt der damaligen Hochschulpräsidentin, der Frau des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), endete.

 Spannungen zwischen Teilen der Professorenschaft und der Hochschulleitung begleiten die Amtszeit von Präsidentin Heide Naderer ebenfalls geraume Zeit. Auch wenn es aus ihrer Sicht nur eine „kleine Gruppe“ mit „anonymen Vorwürfen“ sei, bot Naderer überraschend vor drei Monaten den Rücktritt an. Sie könne so ihre Pläne für die Zukunft der Hochschule nicht umsetzen, sie sei das Opfer von Intrigen.

Doch jetzt machte, als sich abzeichnete, dass ihr Aufsichtsgremium, der Hochschulrat, den Rücktritt annehmen würde, die HSRW-Präsidentin den Seehofer. Sie zog ihren Rücktritt zurück. Eigentlich habe die Präsidentin ja gar nicht zurücktreten wollen, wird aus ihrer direkten Umgebung kolportiert. Jetzt ist alles wieder gut, steht zwischen den Zeilen, jetzt ist ja auch eine personelle Kontinuität gewährt. Doch es ist eben nicht alles gut in der Hochschule, nur weil die Präsidentin den Rücktritt vom Rücktritt antritt. Naderer hat ordentlich Porzellan zerschlagen und steht schließlich nach der mehrmonatigen Diskussion schwer beschädigt da.

Denn die Liste derer, die Naderer in der ersten Hälfte ihrer Amtszeit verließen, ist mit dem Rücktritt des Vizepräsidenten Georg Hauck wieder ein länger geworden: Nach Kanzlerin Bibiana Kemner, nach ihrem Vertreter Karsten Koppetsch und schließlich nach HSRW-Sprecherin Christin Hasken wirft in Kamp-Lintfort Hauck das Handtuch. Zwischenzeitlich kam Naderer auch der Vorsitzende des Hochschulrates, Prof. Gerard Mejier, der sie stets protegiert hatte, abhanden, als dieser in den Wahlgremien nicht den Kanzler-Kandidaten für die Präsidentin durchsetzen konnte. Er trat zurück. Es werden letztlich wie in Hannover diese Wahlgremien sein, die über die Zukunft der Präsidentin entscheiden werden – jetzt oder in knapp drei Jahren, wenn ihre Amtszeit abgelaufen ist. Will sie sich im Amt halten oder gar in zweieinhalb Jahren wiedergewählt werden, muss sich vor allem auch etwas ganz oben im Präsidium tun: Es scheint doch deutlich mehr im Argen zu liegen, als eine kleine anonyme Intrigantentruppe, die das Präsidium eigentlich besser in den Griff bekommen sollte als mit einer Rücktrittsdrohung.

Dabei hat die HSRW eine hochmotivierte Truppe engagierter Professoren und Mitarbeiter, die nach Kleve und Kamp-Lintfort gekommen sind, um mit der jungen Fachhochschule den Begriff Hochschule neu zu interpretieren, die Forschung neben die Lehre zu stellen und innovativ nach vorne zu gucken. In kürzester Zeit wichtige, internationale, teils hoch geförderte Forschungsprojekte ebenso, wie Bürgerschaft und Hochschule verbunden wurden. Beispielsweise vom derzeitigen Vizepräsidenten Jens Gebauer mit dem Klimahaus oder in Kamp-Lintfort mit dem FabLab. Die Hochschule legte eine rasante Entwicklung hin – wie keine der anderen Neugründungen des damaligen FDP-Wissenschaftsministers Pinkwart. Das Konzept Naderers, die Hochschule zu konsolidieren, ist richtig. Richtig wäre es aber auch gewesen, die Liste derer, die ihr Handtuch werfen, gar nicht erst so lang werden zu lassen, die verschiedenen Gruppen in der Hochschule zu einen und ihnen die Hand zu reichen.

Sicher, Naderer lässt verkünden, dass sie die, die sich noch nicht einbezogen fühlen, zur gemeinsamen Gestaltung der Hochschule einlade. Doch wie soll diese Einladung zur „gemeinsamen Gestaltung“ klingen, wenn sie im gleichen Atemzug das komplette Präsidium entlassen möchte und das auch noch eben per E-Mail an alle mitteilt. Dass zuvor in ihrer Pressemitteilung noch von einer personellen Kontinuität des Präsidiums die Rede ist, bezieht sich dann nur noch allein auf die Präsidentin: Hauck ist ja schon freiwillig gegangen und mit den anderen lasse sich „die Vielfalt der Kompetenzen und Meinungen an der Hochschule in den Gremien“ in dieser Zusammensetzung nicht abbilden, schreibt Naderer. Wenn plötzlich Vizepräsidenten wie die beiden renommierten und nicht nur intern anerkannten Professoren Jens Gebauer und Marion Halfmann gehen sollen, muss einiges im Argen sein.

Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus. Dabei bräuchte Naderer vertrauensbildende Maßnahmen, wenn sie den Rest ihrer Amtszeit überstehen will. Zumal wohl auch die Absetzung der Vizepräsidenten eigentlich wieder durch besagte Wahlgremien muss.

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