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Kleve: Hannah kämpft in Ghana für Akzeptanz

Kleve : Hannah kämpft in Ghana für Akzeptanz

Die Emmericherin Hannah Freericks arbeitet in einer Behindertenschule in Ghana, um Kindern ein würdiges Leben zu bieten. Sie hilft, Pionierarbeit zu leisten. Denn Behinderung gilt in der ghanaischen Gesellschaft als Makel.

Nabilla Williams hat es Hannah Freericks besonders angetan. Nabilla sitzt im Rollstuhl, kann sich nicht bewegen, hat schief geformte Augen. "Alles Äußerlichkeiten", sagt Hannah Freericks. "Ich glaube, Nabilla ist sehr, sehr schlau und würde in Deutschland anders gefördert werden". Dafür aber fehlen in Ghana die Mittel.

Dass sie einmal in Afrika Kinder unterrichten wird, hätte die Studentin Hannah Freericks noch vor einem Jahr selbst nicht gedacht. Damals kam sie mit ihrem Freund in die ghanaische Hauptstadt Accra, weil der einen Job in der deutschen Botschaft angenommen hat. Es war auch eher ein Zufall, der sie in die New Horizon Special School verschlagen hat. Etwas bewirken wollte sie, nicht nur zu Hause rumsitzen und in ihre Bücher für ihr Fernstudium starren.

Erst bei einem Besuch vor Ort erfuhr sie, dass in der Schule kein normaler Unterricht stattfindet. Hier sind Schüler, die sonst aus der afrikanischen Gesellschaft ausgeschlossen sind. Kinder mit Lernbehinderung, Trisomie 21, Autismus.

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"Menschen mit Behinderung will hier niemand", erklärt Vanessa Adu-Akorsah, die Schulleiterin. "Sie sind für viele verfluchte Hexenkinder." Aus dieser Not entstand die Schule. Ein wichtiger Stützpfeiler für die Einrichtung sei die Arbeit von Freiwilligen. Von Freiwilligen wie Hannah Freericks. Dreimal pro Woche kommt sie mittlerweile und hilft, wo sie kann. Als Lehrerin, Spielkameradin und Märchenerzählerin. Schulbücher gibt es nicht, die Aufgaben denkt Freericks sich selbst aus.

Dabei kommt ihr viel von dem zugute, was sie in der Heimat gelernt hat. Ihre größte Stärke sieht sie in Biologie. Das Fach fiel Freericks schon leicht, als sie 2008 am Emmericher Willibrord-Gymnasium ihr Abitur gemacht hat. An der Hochschule Rhein-Waal in Kleve hat sie später Biowissenschaften und Gesundheit studiert.

Schulleiterin Adu-Akorsah schätzt das Fachwissen der Emmericherin. Weil Hannah Freericks aktuell "Global Health" im Fernstudium paukt, gibt sie auch Aufklärungskurse zum Umgang mit Ebola.

An der New Horizon School will man neue Wege gehen, den Schülern Perspektiven aufzeigen. Darum gibt es auch Sportunterricht. Mit zusammengekniffenen Augen und einer Kappe als Sonnenschutz steht Freericks dann auf dem großen Platz unterhalb der Schule und spielt mit den Kindern Fangen oder Bällewerfen. "Ganz schön anstrengend", findet sie. Den Kindern tue die Bewegung aber sicher gut.

"Wir würden gerne so viel mehr tun", sagt Rektorin Adu-Akorsah. Ihr seien aber die Hände gebunden. Alles, was in den letzten 40 Jahren aufgebaut wurde, sei von privaten Spendern bezahlt. Ein Schuljahr kostet rund 900 Euro für jedes Kind. Eine unvorstellbare Summe für die meisten Familien in Ghana. Dazu kommt Scham: Kinder mit Behinderung werden in Ghana häufig versteckt oder schnell aufgegeben.

Umso wichtiger ist es der Schule, wenn neben finanziellen Spenden auch Menschen wie Freericks helfen. "Auf Hannah kann ich bauen", sagt Adu-Akorsah. "Ohne die Arbeit der Freiwilligen wäre unsere Schule nicht das, was sie heute ist." Und in der Tat: Im Großstadt-Molloch von Accra wirkt New Horizon tatsächlich wie eine hoffnungsvolle Parallelwelt. Ein Ort des Respekts und der Menschlichkeit. Auch mit der Hilfe vom Niederrhein.

Die Reise von Autor Martin Pieck nach Ghana wurde unterstützt durch das "Beyond-Your-World"-Programm von Europäischer Kommission und niederländischem Außenministerium.