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Kleve: Große Schau für den SOS-Architekten Harald Deilmann

Harald Deilmann : Große Schau für den SOS-Architekten

Das Baukunstarchiv NRW widmet dem Architekten des SOS-Kinderdorfes in Kleve eine Ausstellung. Harald Deilmann entwarf auch den Rheinturm in Düsseldorf und das Clemens-Sels-Museum in Neuss.

Das SOS-Kinderdorf hat viele Väter: Da ist vor allem Albert Heesch, damals Leiter der Union Deutsche Lebensmittelwerke, der die Idee nach Kleve trug und der Motor für den Bau des Dorfes war. Als Architekt zeichnete der Münsteraner Architektur-Professor Harald Deilmann die wie gewachsen in die leicht gewellte Landschaft sich fügenden Häuser, die Ausführung hatte der Klever Architekt Toni Hermanns. Die beiden fanden eine bis heute gültige Antwort auf die Frage, wie man das funktionale Arbeiten für jeweils acht bis neun Kinder plus Kinderdorfmutter in ein Zuhause voll behaglicher Wohnlichkeit übersetzen kann und das große Ensemble wie ein gewachsenes Dorf aussehen lässt, das sich selbstverständlich in die Landschaft fügt. Ein Dorf, das nicht einmal die Ahnung eines möglichen Ghettos aufkommen lassen darf.

Die zwei Architekten  planten nicht aus der Schublade heraus, sondern schufen ein neues Ganzes: Häuser, die sich innen auch schon mal in die nächste Etage öffnen und trotzdem sehr raumeffizient sind. So effizient, dass sie erst 2005 erweitert werden mussten – was Architekt Michael Wilmsen aus Kalkar übrigens ohne Brüche gelang. Die Häuser haben Pultdächer, es gab kostbare Kupferverkleidungen, Plätze und Wege. Ein richtiges Dorf mit lebendiger Silhouette entstand mit den wie rhythmisch verdrehten Dächern der einzelnen Häuser, die zudem gruppenweise verkettet sind. Umgeben ist das Ensemble von großzügigen Grünflächen. Ein perfektes Schachtelprinzip drinnen und draußen.

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Jetzt widmen das Baukunst-Archiv NRW und das Museum der Baukultur Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung der LWL-Kulturstiftung, der Andreas Deilmann Familienstiftung, der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Technischen Universität Dortmund Deilmann aus Anlass seines 100. Geburtstags eine besondere Werkschau. Denn er schuf nicht nur das SOS-Kinderdorf in Materborn, der Münsteraner prägte mit seinen Bauten die Nachkriegsarchitektur in Deutschland. Titel: „Harald Deilmann – Lebendige Architektur“ (noch zu sehen in Dormund bis 7. November).

Damit werde das umfangreiche architektonische Lebenswerk von Harald Deilmann erstmals einer breiten Öffentlichkeit in einer Ausstellung vorgestellt, so die Kuratoren der Ausstellung. „Harald Deilmann war zweifellos einer der bedeutendsten Architekten der Nachkriegszeit in unserem Bundesland“, erklärt Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und Vorstandsvorsitzende des Baukunstarchivs NRW. „Sein Wirken als Architekt und Stadtplaner, als langjähriger Hochschullehrer, als Preisrichter, Berater und Kunstförderer war ungemein vielfältig und prägend für die nachfolgenden Generationen.“

Ist das Materborner Dorf sorgfältig in die Landschaft gefügt, so setzt ein anderes, weithin bekanntes Bauwerk ein Ausrufezeichen in die flache Rheinlandschaft und gehört zu den Wahrzeichen der Landeshauptstadt: Deilmann entwarf nämlich auch den Funk- und Fernsehturm in Düsseldorf. Der Rheinturm entstand 1982 und ist das höchste Bauwerk der Stadt.

Zu den bekanntesten Bauwerken von Deilmann zählen das Stadttheater Münster (1956, mit M. von Hausen, O. Rave und W. Ruhnau), die Kurklinik Bad Salzuflen (1957), die WestLotto-Bauten in Münster (1960, 1978), das Clemens-Sels-Museum Neuss (1975); außerdem die markanten Bauten der Westdeutschen Landesbank in Münster (1975), Dortmund (1978), Luxemburg (1978) und Düsseldorf (1982). Seine Schulbauten in Dorsten und Lemgo sowie die John F. Kennedy-Schule in Berlin setzten in den 1960er Jahren neue Maßstäbe im Bildungsbau, heißt es zur Ausstellung.

Mit seinen Rathäusern in Gronau und Minden habe Harald Deilmann in den 1970er-Jahren urbane Nutzungskonzepte erprobt, so die Ausstellungsmacher. Die Frage des Wohnens habe er grundlegend erforscht und entwarf für die damalige Zeit neuartige, offene Wohnformen wie eben in Kleve. „Harald Deilmann brachte internationale Entwicklungen sehr früh nach Deutschland“, erläutert Stefan Rethfeld, Kurator der Ausstellung, der den Nachlass Harald Deilmann intensiv erforscht hat. „Ob Wohn-, Arbeits- oder Bildungsfragen - viele Deilmann-Ideen der 1960er und 1970er-Jahre sind heute wieder aktuell.“

Die Ausstellung ist im Lichthof des Baukunstarchivs nach Bauaufgaben gegliedert und stellt zentrale Projekte vor. Ebenso würdigt ein biographischer Teil die Person und veranschaulicht die verschiedenen Lebensstationen mit persönlichen Dokumenten und Gegenständen aus dem Nachlass.

Thematisiert wird auch die Frage nach dem heutigen Umgang mit seinem Werk: Einzelne Deilmann-Bauten stehen bereits unter Denkmalschutz oder werden saniert; andere wurden abgerissen; wieder andere harren noch ihrer Wiederentdeckung.