Kleve: Experten diskutierten über Bio-Produkte und Bio-Landwirtschaft

Zukunftswerkstatt : Eine Chance für „Bio“

„Hat Bio eine Zukunft beim Verbraucher“, lautetet die Frage bei der Zukunftswerkstatt von Rheinischer Post und Volksbank Kleverland. Die Experten waren sich einig: Ja – allerdings nicht, wenn es bei Lippenbekenntnissen bleibt.

Alle Welt redet von gesunden Lebensmitteln, vom Tierwohl und vom Klima. Aber nur eine Minderheit ist bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. „Hat Bio beim Verbraucher eine Chance?“, lautete die Frage bei der Zukunftswerkstatt von Rheinischer Post und Volksbank Kleverland.

Josef Peters, der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Kleve, hat darauf eine eindeutige Antwort: „Absolut, denn der Verbraucher ist es am Ende, der bestimmt!“ Peters weiß aber auch, dass der durchschnittliche Verbraucher noch weit davon entfernt ist, regelmäßig an der Ladentheke nach Bio-Produkten zu greifen. „Bei Umfragen äußern sich meistens 90 Prozent der Befragten, dass sie Bio-Produkte möchten und dafür auch bereit sind, mehr Geld auszugeben. Wenn man diese Verbraucher jedoch an der Kasse wieder trifft, liegt in den Einkaufswagen etwas anderes“, sagt Peters.

Kurt Kreiten, Leiter der Wasserburg Rindern und Vorsitzender des Vereins Oregional Rhein-Waal, ist überzeugt davon, dass Produkte auch konventionell erzeugt sein dürfen, wenn sie in der Region vermarktet werden. „Regional ist das neue Bio“, sagt Kreiten. Die 20.000 Menschen, die jährlich in der Wasserburg Rindern Bildungskurse und weitere Veranstaltungen besuchen, wüssten regionale Produkte zu schätzen. „Die geben auch gerne mehr Geld dafür aus“, sagt Kreiten. Dieses Rechnung geht nicht ganz auf, hält Peters dagegen. Diese 20.000 Menschen müssten das verzehren, was ihnen auf der Wasserburg angesetzt wird. „Sobald der Verbraucher die freie Wahl hat, entscheidet er anders“, sagt Peters.

Franz-Josef Stork, der Leiter des Versuchs- und Bildungszentrums Landwirtschaft Haus Riswick, nimmt die Seite der Produzenten in den Blick. „Die hiesigen Landwirte sind bereit für die Umstellung. Aber der begrenzende Faktor ist der Absatz“, sagte Stork. So gebe es weit und breit keine Molkerei, die Milchviehhaltern Bio-Milch abnähme. Bruno Jöbkes, Vorsitzender des Kreisverbands der Grünen Kleve und Mitglied des Landesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft, hält den Bio-Markt für die Produzenten trotzdem für attraktiv. „Wir haben dort ein starkes Wachstum, gerade bei den Discountern“, sagt er. Bio müsse allerdings zum Betrieb passen. „Das muss man wollen und man muss es sich gut durchrechnen“, betont Jöbkes.

Eine, die auf dem Sprung war, ihren Betrieb umzustellen, ist Kreislandwirtin Bärbel Buschhaus. „Uns fehlten nur Auslaufflächen. Wir haben lange gerechnet, letzten Endes war das für uns nicht wirtschaftlich. Das Wachstum auf dem Bio-Markt ist zu langsam“, sagt Buschhaus. Ein weiteres Problem sei, dass für den Massenmarkt Bio-Produkte aus dem Auslands im großen Stil importiert würden. „Das macht die Preise kaputt“, betont sie.

Als Bio-Fan bekannte sich Bernd Hesseling, Geschäftsführer der Baunernmarkt Lindchen GmbH. „Wir bauen auf 270 Hektarn Gemüse an, ein Großteil davon ist Bio-Gemüse“, sagt Hesseling. Dieses sei für den Verbraucher nur unwesentlich teurer als konventionell produziertes. Viele Bio-Bauern im Kreis Kleve hätten gute Erträge, etwa im Möhrenanbau. Und es gebe viele Landwirte, die derzeit „auf dem Sprung zu Bio sind.“ Wichtig sei es, die Wrtschöpfungskette komplett bis zum Kunden zu führen. Lange Fahrtwege gelte es zu vermeiden. „Das ist im Kreis Kleve schwierig. Hier gibt es nur noch Produzenten, wir brauchen viel mehr Verarbeitung“, sagte Hesseling.

Jens Gebauer, Professor an der Hochschule Rhein-Waal mit dem Schwerpunkt nachhaltige Produktionssysteme, hält zudem für wichtig, die Vielfalt bei den Erzeugnissen zu fördern. „Wir haben tolle, alte Sorten. Hier muss die Politik handeln und subventionieren“, fordert Gebauer. Bernd Hesseling fordert, dass große Betriebe wie Krankenhäuser in Sachen Verpflegung umdenken müssen, um den Patienten gesundes Essen anbieten zu können. „Hier werden die Preise viel zu sehr gedrückt“, sagt Hesseling. Auch der Verbraucher sollte bei Lebensmittel, die sehr wenig kosten, gerade beim Fleisch hellhörig werden, betont Jöbkes. „15 Cent für einen Hähnchenschenkel – das ist nicht legitim“, sagt er. Hier müsse die Politik „die Basis anheben“, findet Jöbkes. „Wir brauchen EU-weiter Regelungen gegen Billig-Fleisch“, sagt er.

Andreas Derksen, Geschäftsführer von Speetenhof Milchprodukte aus Mehr, ist skeptisch, ob das reicht. „Der Markt ist global“, betont er. Lokale Ereignisse wie die Dürre im vorigen Jahr wirkten sich kaum auf die Preise aus. Was den Bio-Markt angeht, zieht Derksen ein Resümee: „Viele Verbraucher machen sich Gedanken über ihre Ernährung. Der Markt wächst – es ist nur die Frage, wie schnell. Für die Landwirte im Kleverland ist entscheidend, dass es Betriebe gibt, die ihre Produkte wieder in der Region verarbeiten.“