Kreis Kleve: Kandidaten bekennen ein letztes Mal Farbe

Kreis Kleve : Kandidaten bekennen ein letztes Mal Farbe

Zur Podiumsdiskussion drei Tage vor der Bundestagswahl hatte das Kreisdekanat Kleve im Bistum Münster ins Klever Kolpinghaus eingeladen. Die Themen waren Soziales, Innere Sicherheit und Umwelt. Ein AfD-Vertreter war nicht eingeladen.

Mit ihrer gemeinsamen Einladung hatten das Kreiskomitee der Katholiken, die Kolpingsfamilie und der evangelische Kirchenkreis ein "volles Haus" bewirkt. Alle Plätze im Kolpinghaus waren besetzt, mancher saß noch an der Theke oder stand davor.

Einen vorderen Tisch direkt vor dem Podium besetzten AfD-Anhänger, die sich offenkundig vorgenommen hatten zu stören. Alle paar Minuten verließ einer von ihnen den Saal - meist lauthals schimpfend, in einem Fall sogar mit schwungvollem Aufklatschen einer Grundgesetz-Auflage auf den Tisch. Die Kandidaten im Podium bewahrten die Ruhe, aus den Zuhörerreihen erklang ein "AfD raus". Der AfD-Bundestagskandidat des Kreises Kleve, Gerd Plorin, war gar nicht erst eingeladen worden.

Auch zu fünft deckten die Bewerber um die Wählerstimmen ein breites Spektrum von Überzeugungen ab. Christof Haverkamp, Chefredakteur der Bistumszeitung "Kirche und Leben", führte sachlich durch den Abend und hatte es dabei mit den unaufgeregten Parteienvertretern nicht schwer. Etwas emotionaler fiel die eine oder andere Frage aus dem Publikum aus, insbesondere, als es - wie den längsten Teil des Abends - um Sozialpolitik ging. Denn von Themen aus diesem Umfeld sind viele Menschen besonders betroffen, zumal unter den Zuhörern viele Rentner saßen.

Michael Rübo, Diakon und hauptamtlicher Geschäftsführer der Klever Kolpingsfamilie, hatte sich bei der Begrüßung eine intensive, aber von gegenseitigem Respekt getragene Debatte gewünscht. Die bekam er, die Kandidaten gingen anständig miteinander um. Stefan Rouenhoff (CDU) und Barbara Hendricks (SPD) tuschelten vor Beginn schon recht vertrauensvoll miteinander, auch Bruno Jöbkes (Grüne), Ferdinand Niemann (Linke) und Ralf Klapdor (FDP) taten sich nichts Böses und lächelten zustimmend zu Rübos Angebot, nach der Runde miteinander noch ein Glas Bier am Tresen zu trinken.

Haverkamps erste Frage betraf die Integration und ergab zu erwartende Antworten: Der Linke sprach sich generell gegen Abschiebung aus. Allenfalls für Schwerkriminelle dürfe es Ausnahmen geben. Grünen-Kandidat Jöbkes möchte niemanden nach Afghanistan abschieben. Klapdor sprach von Humanität und der Notwendigkeit eines Einwanderungsgesetzes, während Rouenhoff die Genfer Flüchtlingskonvention zitierte. Sprachkurse und eine Ausbildung für junge Leute fanden Hendricks und Rouenhoff richtig - beides für die Integration auch nur geduldeter Asylbewerber zu nutzen haben die Koalitionäre schließlich mit der "3+2-Regelung" aus dem Asylpaket 2 beschlossen.

Soziale Gerechtigkeit und der Mindestlohn stellten sich bei der Debatte als sehr beachtete Themen heraus. Dass Die Linke zwölf Euro pro Stunde für nötig hält, die Grünen eine dynamische Anpassung wünschen und die FDP den Mindestlohn für nicht sinnvoll hält, weil er Arbeitgeber zu sehr belaste, ist bekannt. Barbara Hendricks verteidigte ihn, wenn er auch "kein guter Lohn sei". Höhere Löhne müssten die Tarifpartner aushandeln, erinnerte sie. Wie eine Verkäuferin, die ihr Leben lang wenig verdient habe, im Alter über die Runden kommen soll, konnte niemand auf die Schnelle beantworten. Genauso wenig, wie Altersarmut zu vermeiden ist, wenn Menschen jahrzehntelang nur Minijobs haben. Stichworte wie Betriebsrente oder private Vorsorge fielen.

Niemand ließ sich auf das Thekenparolen-Niveau herab, das ein AfD-Mann aus dem Publikum an den Tag legte: "Es gibt hier nicht genug Geld, weil das Geld nicht bei den Deutschen ankommt." Stefan Rouenhoff stellte sich bei der Frage "Rente mit 67 oder später" auf die Seite der Kanzlerin; wer hart arbeite, könne das nicht bis 70 durchhalten. Barbara Hendricks zeigte sich verwundert über einen Nachfrager, der als über 50-Jähriger bei der Bundeswehr keine Chance mehr habe. Das sei verbotene Altersdiskriminierung, und sie würde gerne mehr darüber erfahren, sagte die SPD-Kandidatin.

Für die Themen Innere Sicherheit und Umwelt blieb nicht mehr ganz so viel Zeit. Klar wurde aber, dass die CDU und Rouenhoff gegen Terror und Kriminalität alle Register ziehen wollen: Vorratsdatenspeicherung, Schleierfahndung, Videoüberwachung, mehr Polizei. Dafür und für manches, was Polit-Profi Hendricks sagte, gab's viel Applaus.

(RP)
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